Canyoning-Grundausbildung des SBV

Auf die wachsende Nachfrage, die Canyoning in den Alpenländern findet, hat sich der Schweizer Bergführerverband ( SBV ) mit spezifischen Lehrgängen eingestellt. In einwöchigen freiwilligen Canyoning-Zusatzausbildungs-Kursen sollen Bergführer für eine qualifizierte Führungstätigkeit im Rahmen von Schluchtbegehungen vorbereitet werden.

Verschiedene Schluchten in der Schweiz verzeichnen bereits zahlreiche Begehungen, allen voran die bekannte Massa-Schlucht im Oberwallis, durch die an manchen Tagen bis zu 100 Personen geführt werden. Der « nasse Bergsport » ist für viele eine überzeugende Antwort auf das wachsende Bedürfnis, unbekannte Naturregionen auch auf ungewohnten « Wegen » zu erleben. Hier lässt sich in der aktiven Auseinandersetzung mit Fels und Wasser Natur pur geniessen.

Bedürfnis nach einer qualifizierten Ausbildung Mit dem Aufschwung des Canyoning stellt sich das Problem einer qualifizierten Ausbildung für kommerzielle Anbieter von Führungen. Der SBV und seine Canyoning-Kom-mission engagieren sich seit mehreren Jahren in dieser Aufgabe. Bergführern aus der Internationalen Vereinigung der Bergführerverbände ( IVBV ) wird ein Canyoning-Grundkurs1 als Zusatzausbildung angeboten, der auf grosses Interesse stösst. Das Ziel dieses Lehrgangs besteht darin, den Kursteilnehmern Wissen und Technik zu vermitteln, die für das sichere Begehen des Schluchtgeländes nötig sind, und ihnen damit eine solide Grundlage für seriöse Canyoning-Führungen zu verschaffen.

Das neuartige Umfeld erfordert spezifische Kenntnisse Canyoning spielt sich in alpinem Extremgelände mit einem neuartigen Umfeld ab, das massgeblich durch Um sich mit der Kraft und den Strömungsverhältnis-sen von Wildwasser vertraut zu machen, wird in den SBV-Canyoning-Kursen die kontrollierte Fortbewegung in turbulentem Wasser geübt; im Wildwasser der Roya ( Vallée de la Roya/Alpes-Maritimes ).

Das wohl beliebteste Canyoning-Ziel in der Schweiz ist zur Zeit die eindrückliche Massaschlucht im Oberwallis ( Massachi ).

Canyoning spielt sich in alpinem Extremgelände ab. Das erfordert vorgängige Prüfung der Verhältnisse ( insbesondere Wetter und Wasserstand ) und auch entsprechende Seiltechniken; in der Ravin de St-Jean ( Alpes-de-Haute-Provence ).

das strömende Wasser bestimmt wird. Aus der Untersuchung von Unfällen lässt sich belegen, dass die hauptsächlichen Risikoaspekte vom Wasser ausgehen.2 Entsprechend stehen beim SBV-Canyoning-Lehrgang Gefahrenminimierung und Risikoprävention im Zentrum. Umfassende Kenntnis des Schluchtgeländes, eine adäquate Technik und bewusstes Si-cherungsverhalten sind die grundlegenden Ausbildungsziele. Bergführer bringen aufgrund ihrer Ausbildung profunde Kenntnisse und Erfahrung in Seil-, Kletter-, Rettungs- und Führungstechnik mit. Diese müssen aber ganz wesentlich modifiziert und erweitert werden, um den Anforderungen des Schluchtgeländes und seiner besonderen Risikofaktoren gebührend Rechnung zu tragen.

1 Dieser Bericht gibt keinen vollständigen Überblick über die Canyoning-Kurse. Er beleuchtet lediglich die wichtigsten Aspekte, die für sicheres Canyoning entscheidend sind und deshalb im Zentrum der theoretischen und praktischen Ausbildung stehen.

2 Ausführlich zur Gefahren- und Unfallproble-matik beim Canyoning vgl. Büdeler, Roger, « Sicherheit beim Canyoning », DIE ALPEN 7/97 Wildwasser mit seinen verschiedenen Strömungsformen bildet je nach Situation und Verhältnissen entscheidende Gefahrenquellen, die die Begehung des Schluchtgeländes bestimmen. Entstehung und Gefährlichkeitsgrad von Walzen, Rückläufen, Unterspülungen, Prall-wasser, Sogwirkungen usw. hängen nicht nur vom momentanen Pegelstand ab. Sie können vielmehr überall bei charakteristischen Geländeformationen wie Wasserfällen, Becken, Verblockungen, Wandunter-höhlungen und Engverläufen angetroffen werden und bilden als solche ein typisches Risikogelände.

Besondere Sicherheitsprobleme Entsprechend den besonderen Gefahren ergeben sich für das Canyoning ganz besondere und fundamentale Sicherheitsprobleme, um die sich die einzelnen Ausbildungsblöcke des Bergführer-Canyoning-Kurses in Theorie und praktischer Anwendung gruppieren. Es handelt sich dabei um:

-Erscheinungsformen und Gefahrenpotentiale von Wildwasser in Fluss und Schluchtgelände.

- Problemorientierte Führungs-, Sicherungs- und Interventionstechnik in Fluss- und Schluchtgelände.

Wildwasser: Kenntnis und Verhalten Die Kenntnis des Wildwassers in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und das kontrollierte Verhalten in ihm sind eine fundamentale Voraussetzung für qualifiziertes Canyoning. Das Wissen um die Anatomie des Flusses und der daraus erwachsenden Problemstellen ist daher entscheidend für die sichere Wegwahl in der Schlucht. Dies beinhaltet, dass - um gefährliche Strömungen möglichst zu vermeiden - insbesondere auf die Nebenströmungen und Ruhezonen des Wassers geachtet werden muss. Das Erfassen der hydrologischen Topografie von Fluss und Schlucht bietet das theoretische Gerüst, um das strömende Wasser in seinem unterschiedlichen « Verhalten » lesen und ausnutzen zu lernen.

Für Bergführer sind Wildwasser-landschaften vielfach ein ungewohntes Gelände, in dem sie über keine praktische Erfahrung verfügen. Um sich mit der imposanten Kraft des Wassers und seiner Strömungsverläu-fe hinreichend vertraut zu machen und den adäquaten Umgang damit Bergführer e a.

Techniken zur Intervention bei Gefahrensituationen, besonders im Bereich von Wasserfällen, bilden einen wichtigen Bestandteil des Canyoning-Lehr-gangs:

Interventions-Übung im Torrente de Barbeira ( Ligurien ).

einzuüben, ist eine entsprechende Wildwasser-Praxis unerlässlich. Dabei wird die kontrollierte Fortbewegung im turbulenten Wasser geübt: Trei-benlassen im Hauptstrom, Durchschwimmen von Problempassagen, gezieltes Verlassen der Hauptströmung, Anschwimmen von Felsblöcken oder Ruhezonen wie Kehrwasser, Einzel- und Gruppenquerung des Flusses sowie Tauchen. Mit Ber-gungsübungen durch Wurfsack und von Mann-zu-Mann, aber auch Be-freiungen von Blockaden im strömenden Unterwasser stehen wichtige Techniken auf dem Programm, um im Wildwasser jederzeit angemessen eingreifen zu können.

Sicherheitsmassnahmen bei Sprüngen und Rutschpartien Wasserdurchflutete Gumpen und Becken sowie glattpolierte Felsrutschen, wo sich in prächtiger Naturumgebung springen und schütteln lässt, sind reizvolle Höhepunkte auf Schluchttouren. Sie sind aber auch eines der grossen Probleme beim Canyoning, weil mangelhaft vorbereitete Sprung- und Rutschaktivitä- ten für einen hohen Anteil der Unfälle verantwortlich sind.

Diesbezüglich sind in der Ausbildung drei einander ergänzende Sicherheitsaspekte zu beachten:

- Der erste ergibt sich aus der spezifisch auf das Canyoning ausgerichteten Sprung- und Rutschtechnik,. " " .Der zweite Sicherheitsaspekt bildet eine Ergänzung zum ersten, indem es hier darum geht, die Sicherheit der Sprungbedingungen konsequent abzuklären. Dies erfordert die strikte Befolgung des Prinzips, die Sprung- und Rutschbedin-gungen direkt im Eintauchbereich und bei jeder Begehung erneut durch einen Seilersten sondieren zu lassen ( die Tiefe eines Beckens kann sich von Begehung zu Begehung verändern, ebenso können Felsblöcke und Baummaterial eingeschwemmt werden oder ihre Lage verändern ). Dies wird im SBV-Lehrgang nachdrücklich hervorgehoben und im Verlauf der Schluchtabstiege konsequent durchgeführt.

- Canyoning-Führer sind bei Sprung- und Rutschgelegenheiten oftmals mit unsicherem Verhalten ihrer Gäste konfrontiert. Neben Angst und Hemmung bildet auch Draufgängertum ein Gefahrenpotential. Sprin- Möglichst weitgehende Umgehung von kritischen Stellen durch spezielle Seiltechniken: Seilbahn-Übung in der Clue de la Maglia ( Alpes-Maritimes ) gen oder Rutschen wird bei entsprechender Gruppenzusammensetzung schnell zur Mutprobe und Ehrenfrage. Diese Problematik erfordert hohe Führungsqualitäten, damit prekäre Konflikt- oder Zwangssituationen beim einzelnen Teilnehmer oder in der Gruppe rechtzeitig entschärft werden können, und so Vergnügen und Genuss am weiteren Abstieg erhalten bleiben. Die bis zuletzt gebotene Möglichkeit, im Zweifelsfall auch gesichert weiterkommen zu können, spielt dabei eine wichtige Rolle.

Spezielle Seiltechnik bei Wasserfällen Das Abseilen über Wasserfälle ist aufgrund der Landschaftsszenerie und des spektakulären Erlebnisses natürlich besonders attraktiv. Hier konzentrieren sich aber auch diverse, aus der Wassermenge und der besonderen Geländestruktur sich ergebende Risikofaktoren. Sie treten sowohl beim Abgang im Wasserfall selbst ( grosser Wasserdruck auf den Körper ) als auch bei der Ankunft im Fallbecken auf ( Walzen, Rück-läufe, Kehrwasserstrudel, Verschneidungen oder Querströme, die sich noch gegenseitig verstärken können ).

Wasserfälle werden im Canyoning- müssen, erfordern die Einrichtung von Seilbahnen ( « Tyrolienne » ). Die im Canyoning-Grundkurs praktizierte Technik beruht dabei auf der interessanten Variante, dass sich der Seilerste zwecks Einrichtung der Seilbahn nicht in die Gefahrenzone begeben muss. Das Vorgehen bei der provisorischen Installation einer Seilbahn mittels eines beschwerten Rucksacks, der am Seilende befestigt wird und aufgrund der Wasserströmung das Seil spannt, ermöglicht auch dem Einrichter ein sicheres Umfahren der Problemzonen.

Interventionstechniken bei akuter Gefahr Das Sicherheitsprinzip, prekäre Strömungen durch Einsatz einer spezifisch darauf ausgerichteten Seiltechnik zu umgehen, bezweckt, dass im kritischen Bereich von Wasserfällen eine gefährliche Lage gar nicht erst entstehen kann. Dennoch bilden Techniken zur Intervention bei Gefahrensituationen einen wichtigen Bestandteil im Canyoning-Lehrgang. Gegebenenfalls muss anderen in solchen Fällen geholfen werden können. Blockierungen im Wasserfall oder im Fallbecken gehören zu den unfallträchtigsten Situationen, die schnelle Entscheidungen und den Einsatz einer entsprechenden Interventionstechnik verlangen. Drei In-terventionssysteme kommen im « Trockenen » wie im Wasserfall während der Ausbildung zur Anwendung. Während mittels des Einsatzes von Jümarklemmen ein Kappen des Seils und Ablassen des Blockierten eine Intervention von ausserhalb der unmittelbaren Gefahrenzone möglich ist, erfordern die zwei anderen Techniken ein Intervenieren im Gefahrenbereich. Beim Abstieg zur blockierten Person an einem zweiten Sicherheitsseil oder am gespannten Seil mittels Valdotain-Knoten wird diese aus dem Seil übernommen und am eigenen Gurt fixiert, um dann die Abseilfahrt fortzusetzen.

Mit diesen Interventionstechniken ist eine vollständige Sicherungskette für qualifiziertes Canyoning gewährleistet. Ambitionierten Bergführern und Bergführerinnen bietet sich mit dem Lehrgang des SBV somit eine elementare Einführung und Ausbildung in den speziellen Seil- und Führungstechniken, die für sicheres Begehen von Schluchten von zentraler Bedeutung sind.

Roger Büdeler, Hamburg ( D ) Sprünge sind stets spektakuläre Höhepunkte bei Schluchttouren. Erforderlich sind jedoch eine spezifische Sprungtechnik und eine bei jeder Durchquerung wieder neu erfolgende sorgfältige Abklärung der Verhältnisse im Einsprungbereich; 12-m-Sprung in der Garganta de Escuain ( spanische Zentralpyrenäen ).

Lehrgang deshalb als eigentliche Problemzonen eingestuft. Daraus ergibt sich das Sicherheitsprinzip einer möglichst weitgehenden Mei-dung bzw. Umgehung von kritischen Stellen. Es wird in der Führungspraxis zur Leitlinie und erfordert spezielle Seiltechniken, mit denen die Probleme gelöst werden, die sich mit der Begehung von Wasserfällen, Stufen und Becken stellen. Die alpinen Seiltechniken werden entsprechend modifiziert und erweitert. Drei fixe und drei lösbare Systeme der Seilsicherung, die sich in der Praxis bewährt haben und einfach zu handhaben sind, stehen im Zentrum der Ausbildung. Sie erlauben verschiedene Abseilvarian-ten - am Einfach- und Doppelseil, das gleichzeitige Abseilen von zwei Teilnehmern, ein Ablassen bei schon installiertem Sicherungsseil usw., die den unterschiedlichen Si-cherungsbedürfnissen angepasst sind. Dies gilt für unkritisches Gelände ebenso wie im Wasserfall, wo gefährlichen Blockierungen durch Lösen der Seilinstallation und kontrolliertes Ablassen begegnet werden kann.

Riskante Passagen, an denen starke Strömungen gequert werden Organisation Canyoning-Ausbildung Seit Anfang 1990 organisiert der französische Bergführerverband mit Hilfe professioneller Ausbildner eine Canyoning-Grundausbil-dung. Sie untersteht der Aufsicht des Ministère de la Jeunesse et du Sport.

Seit 1995 bietet die Canyoning-Kommission des SBV in enger Zusammenarbeit mit den französischen Ausbildnern einwöchige Canyoning-Kurse als Zusatzausbildung für Bergführer an.

Die Internationale Vereinigung der Bergführerverbände ( IVBV ) überwacht die Lehrgänge, um ein international gleiches Ausbildungsniveau zu garantieren.

Dem Engagement des SBV in der Canyoning-Ausbildung haben sich vor kurzem die Alpenländer Österreich, Italien und Deutschland angeschlossen. Dadurch sind die Lehrgänge auch Bergführern aus diesen Ländern zugänglich.

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