Cortison hilft gegen das Höhenlungenödem. Als «Bergmedikament» entdeckt

Als « Bergmedikament » entdeckt

Cortison wirkt gegen das Höhenlungenödem

Überraschend haben Zürcher Forscher auf der Capanna Margherita ( 4554 m ) Cortison als Mittel gegen das bei Bergsteigern gefürchtete Höhenlungenödem entdeckt. Gemäss Prof. Marco Maggiorini vom Universitätsspital Zürich könnte Cortison, richtig angewendet, als Lungen-ödemprophylaxe eingesetzt werden.

Rund die Hälfte der Trekker oder Bergsteiger, die ab einer Höhe von ca. 2500 m pro Tag mehr als 300 Höhenmeter bewältigen oder sich auf über 4000 Meter aufhalten, leiden unter Beschwerden der Höhenkrankheit. Bei rund fünf Prozent der Kranken sammelt sich zusätzlich Wasser in den Lungen an, sie haben ein Höhenlungenödem. Der Höhenmediziner Prof. Marco Maggiorini vom Universitätsspital Zürich forscht seit Jahren an der Entstehung dieses gefürchteten Ödems. Nun hat Maggiorini zusammen mit anderen Spezialisten der Universitäten Basel, Brüssel und Heidelberg eine überraschende Entdeckung gemacht. Nicht nur das Potenzmittel Viagra, sondern auch das wegen zahlreicher Nebenwirkungen problematische Medikament Cortison senkt den in der Höhe für das Lungenödem verantwortlichen hohen Blutdruck im Lungenkreislauf. Überraschend deshalb, weil das Cortison bis dahin nicht als blutdrucksenkendes Medikament bekannt war. Eigentlich wollte Maggiorini mit seiner jüngsten Studie herausfinden, ob sich Cortison als Therapiemedikament bei einem bereits vorhandenen Lungenödem eignet; ob mit diesem Medikament die Lunge von Wasser befreit und die Blutgefässe « abgedichtet » werden können. Stattdessen entdeckte Maggiorini überraschend, dass Cortison den für das Ödem verantwortlichen Bluthochdruck in der Lunge zu senken vermag und somit auch prophylaktisch wirken kann.

Studie mit lungenödemgefährdeten Bergsteigern

Die Basis für den Forschungserfolg legte eine Feldstudie auf der Margheritahütte ( 4554 m ) im Monte-Rosa-Massiv, an der 29 erwiesenermassen lungenödemanfäl-lige Bergsteiger teilgenommen hatten. Maggiorini schickte die Bergsteiger im Eiltempo auf die Hütte. Ausgehend vom auf 1190 Meter hoch gelegenen Alagna in Italien mussten sie mit einem Zwischenstopp in der Gnifettihütte ( 3647 m ) innert zweier Tage die Margheritahütte erreichen. Dort blieben sie zwei Nächte. Die Forscher gaben einem Drittel der ( zu ) schnell aufgestiegenen Versuchspersonen eine wirkungslose Tab- Der Eingang zur Capanna Margherita: Die schmale weisse Fläche vor der Hütte ist der unentbehrliche Helikopterlande-platz. Nur dank dem Helikopter, der jedes Jahr Tonnen von Material hoch- und runterfliegt, sind die aufwendigen Forschungsprojekte durchführbar.

Der letzte Abschnitt des Aufstieges zur Margheritahütte führt unter der Ludwigshöhe ( 4341 m, rechts ) und der Parrotspitze ( 4432 m ) zur Signalkuppe.. " " .Vorne links erhebt sich die Zumsteinspitze ( 4563 m ).

Der Südwestgrat der Signalkuppe mit der Margheritahütte ( 4554 m ) Fotos: Mar co Maggiorini Die Höhenkrankheiten Höhenkrankheiten treten bei einem Aufenthalt in Höhen ab ca. 2500 Metern auf. Einziges Heilmittel ist der Abstieg in tiefere Lagen. Im Normalfall bleiben keine Schädigungen zurück. Zu den Höhenkrankheiten zählt man u.a. das Höhenlungenödem und die akute Bergkrankheit, welche im Endstadium in einem Hirnödem gipfelt. Höhenbedingte Ödeme entstehen durch Flüssigkeitsansamm-lungen in Lunge oder Hirn. Untrügliche Anzeichen für ein Höhenlungenödem sind neben einem Leistungsabfall ein trockener Husten, feines Rasseln in den oberen Atemwegen und oft Fieber. Die akute Bergkrankheit äussert sich durch Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, manchmal auch Erbrechen, Schwindelgefühl und einen unerklärlichen Leistungsabfall. Das höhenbedingte Hirnödem zeigt sich u.a. durch Gleichgewichtsstörungen und eine beeinträchtigte Bewusstseinslage bis hin zur Ohnmacht. Das Risiko, erneut an einem höhenbedingten Ödem zu erkranken, ist mit rund 70% sehr hoch, weshalb Gefährdete auf eine besonders sorgfältige Akklimatisation achten müssen.

lette ab. Eine gleich grosse Gruppe von Bergsteigern bekam ein viagraähnliches Medikament. Die dritte Gruppe schliesslich wurde mit einem cortisonhaltigen Medikament behandelt. Dabei wussten auch die Ärzte nicht, wer was bekam.

Von den Forschungsresultaten überrascht

« Die Resultate waren überraschend und verblüffend zugleich », fasst Maggiorini die Forschungsresultate zusammen: Wie erwartet, erkrankten 70% der mit einem Placebo – einer wirkungslosen Tablette – behandelten Testpersonen schon kurze Zeit nach der Ankunft auf der Margheritahütte an einem Lungenödem. Bei jenen Bergsteigern, die das viagraähnliche Medikament verabreicht bekamen, entwickelte nur einer ein Lungenödem. « Am unglaublichsten aber war », so Maggiorini, « dass von den mit Cortison behandelten Testpersonen keine einzige an den Symptomen eines Lungenödems zu leiden hatte. » Zudem erkrankten in der mit dem cortisonhaltigen Präparat behandelten Gruppe nur wenige an den Symptomen der akuten Bergkrankheit. In der Viagra- wie in der Placebogruppe erkrankten fast alle an akuter Bergkrankheit.

Lungenödemgefahr bei Test gebannt

Cortison ist ein vielseitiges Medikament, dessen Wirkungsweise noch nicht vollumfänglich verstanden wird. Gemäss den neuesten Forschungsresultaten erweitert es die Lungenblutgefässe so, dass der Blutdruck in den Lungen reduziert und die Gefässe entlastet werden. Mit der Druckre-duktion wird auch die Gefahr eines Zerreissens der Blutgefässe und der damit einhergehenden « Überschwemmung » der Lungenbläschen mit blut- und eiweissreicher Flüssigkeit vermindert. Die auf der Margheritahütte gesammelten und in den letzten drei Jahren ausgewerteten Resultate unterstützen zudem frühere Forschungsresultate. Diese belegen, dass Cortison positiv auf das Hirn- Eine Bergsteigerin gibt auf dem Liegefahrradergometer Vollgas zur Messung der maximalen Sauerstoffaufnahme. Diese Untersuchung diente zur Bestimmung der individuellen Belastungsstufe für die Belastungsprüfung am nächsten Tag.

Die Margheritahütte ( 4554 m ) bietet auch im Hochsommer schwierige klimatische Arbeitsbedingungen: Kälte, Wind und die grosse Höhe zwingen die Foto: Tommy Dätwyler Wissenschaftler jedes Jahr zu Programmänderungen. Es kommt sogar vor, dass die Forscher selber von der akuten Bergkrankheit betroffen sind.

gewebe wirkt, eine bessere Sauerstoffversorgung des Blutes erreicht, die Lungen-gefässe abdichtet und die Wasserrück-resorption aus der Lunge fördert. Demnach vermindert Cortison auch die Gefahr, an anderen Höhenkrankheiten zu leiden. « Es sieht ganz so aus, dass wir nun die Möglichkeit haben, mit einem einzigen Medikament nicht nur die akute Bergkrankheit, sondern gleichzeitig auch die Lungenödemgefahr zu bannen », zieht Maggiorini Bilanz. Er hat seinen jüngsten Forschungserfolg im Oktober 2006 im Wissenschaftsmagazin « Annals of Internal Medicine » publiziert und ist dabei auf grosses Echo gestossen.

Eindringliche Warnung vor Einsatz als Dopingmittel

Maggiorini warnt aber vor einem sorglosen Einsatz von cortisonhaltigen Präparaten ( siehe Interview gleich anschliessend ). Die jüngsten Forschungsresultate hätten nämlich auch eine Vielzahl neuer Fragen aufgeworfen, unter anderem auch diejenige der Sicherheit, dies wegen der bekannten Nebenwirkungen des Cortisons wie der Erhöhung des Blutzuckers, Infektionsgefahr usw. Bereits im nächsten Sommer will Maggiorini zusammen mit Forscherkol-legen das Wissen über die Wirkung von Cortison bei Lungenödempatienten und Lungenödemgefährdeten weiter vertiefen. 1 Gleichzeitig laufen auch die Vorbereitungsarbeiten für ein umfassendes Studienprojekt mit Cortison im Himalaya. 2008 soll die neu entdeckte Wirkung von Cortison an rund 600 Berggängern in grosser Höhe getestet werden. a Tommy Dätwyler, Kölliken

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