Der Bezug der Kletterer zur Natur. Ort der Geborgenheit oder Mittel zum Zweck?

Der Bezug der Kletterer zur Natur

Eine Befragung 1 von insgesamt 449 aktiven Kletterern aus den Regionen Basel, Bern, Westschweiz und Zürich – darunter 73% SAC-Mitglieder – zeigt, dass der Bezug der Mehrheit der Kletterer zur aufgesuchten Natur und Landschaft durch ein unbewusstes oder auch verständnisvolles Naturerlebnis gekennzeichnet ist. Bei der Lösungssuche in Konflikt-situationen zwischen Nutzen und Schützen von Klettergebieten spielt diese Einstellung gegenüber der Natur eine wesentliche Rolle.

Die Ansichten über die Art des Bezugs der Kletterer zur Natur gehen weit auseinander. Alpenforscher Werner Bätzing 2

zum Beispiel vertritt die Meinung, dass es beim Klettern nicht mehr um den Berg und die Landschaft gehe, wie es beim klassischen Alpinismus der Fall sei, sondern nur noch um die Route selbst und um technische Raffinessen. Die konkrete Landschaft stelle dabei mit ihrer unüberschaubaren Vielfalt einen Störfaktor dar, der minimiert werden müsse. Klettern könne man deshalb genauso gut in der Halle oder an künstlichen Wänden.

Vertreter der Bergsportverbände sehen im Klettern am Fels allerdings mehr als nur das blosse Erlebnis der Natur als Kulisse. Sie sind davon überzeugt, dass das Klettern im Freien an natürlichen Felsen eine emotionale Bindung und einen positiven Bezug zur Natur ermöglicht.

1 Saladin, Rebecca; Zeidenitz, Christina und Hunziker, Marcel ( 2002 ): Die Rolle von Natur und Landschaft beim Sportklettern – Mittel zum Zweck oder Ort der Geborgenheit?, Diplomarbeit am geografischen Institut der Universität Zürich in enger Zusammenarbeit mit der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf 2 Werner Bätzing, Geograf, Universität Erlangen-Nürnberg.

Naturerlebnis ist wichtig Die Auswertung der schriftlichen Befragung zeigt, dass 84% der Kletterer im Sommer sicher einmal pro Monat oder mehr an natürlichen Felsen klettern. Das Klettern in der Halle ist nur für 16% eine echte Alternative. Das Naturerlebnis beim Klettern ist für die Mehrheit der Kletterer wichtig. Die Ruhe und Erholung vom Alltag, das Aufsuchen einer möglichst schönen Landschaft und der Kontakt mit der Natur stehen dabei im Vordergrund. Die Natur kann demnach für die Kletterer nicht nur Mittel zum Zeck für ihre Aktivität sein, sondern ist vielmehr ein Ort der Geborgenheit, mit dem man zumindest auf einer emotionalen Ebene verbunden ist.

Beeinträchtigung der Natur Das Klettern am Fels kann negative Auswirkungen auf die Natur haben. Diese sind einerseits von der Häufigkeit und der Dauer der Kletteraktivitäten und anderseits der ökologischen Sensibilität des betreffenden Gebietes abhängig. Die Spannweite reicht von « nicht vorhanden », im Falle von seltenen Begehungen in nahezu vegetationslosen alpinen Hochlagen, bis zu « sehr gross » bei intensiver täglicher Begehung einer Route in vegetationsreichen Räumen. Konflikt-situationen zwischen verschiedenen Nutzergruppen sind deshalb je nach Region ein drängendes Problem. Der SAC ist darauf bedacht, den freien Zugang zur Natur zu wahren. Freizeitaktivitäten in der Natur sollen möglichst in Einklang mit dem Konzept der Nachhaltigkeit gebracht werden. Die Lösungssuche in Konfliktsituationen ist jedoch nicht nur Aufgabe des SAC. Vielmehr müssen alle am Konflikt beteiligten Akteure gleichberechtigt in den Prozess einbezogen werden. Das Verfahren sollte zudem so gestaltet sein, dass die unterschiedlichen Ziele und Interessen aller Beteiligten offen gelegt und ernst genommen werden. Ein solches partizipa-tives Vorgehen ist Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von Massnahmen zu Gunsten einer nachhaltigen Klettersportbetätigung.

Erfolgswahrscheinlichkeit verschiedener Lösungsmassnahmen Die gängigen Massnahmen zur Konflikt-bewältigung im Kletterbereich lassen sich grob in vier Kategorien unterteilen: Es sind dies Massnahmen der Selbstbeschränkung ( zum Bsp. Ehrenkodex oder Informationsbroschüren ), des Verbotes ( saisonale Sperrungen oder Totalsper-rungen ), der Infrastruktur ( Zustiegswege, Umlenkhaken etc. ) sowie Strategien basierend auf Konventionen. Massnahmen, denen ein Verbot zu Grunde liegt, werden von den Kletterern vehement abgelehnt. Saisonale Sperrungen erfahren dabei eine weniger starke Ablehnung als Totalsperrungen. Den Massnahmen der Selbstbeschränkung und der Infrastruktur stehen die Kletterer mehrheitlich positiv gegenüber. Die Kletterer sind zudem der Ansicht, dass die getroffenen oder zu treffenden Massnahmen zur Förderung einer nachhaltigen Kletter-sportbetätigung einleuchten und alle Nutzer gleichsam treffen sollen. Obwohl fast 70% der befragten Kletterer meinen, dass zunächst jeder selbst bei der Umsetzung einer ökologisch nachhaltigen Kletterausübung verantwortlich ist, will nur ein Viertel bei bevorstehenden Entscheidungen aktiv mitreden.

Die tatsächliche Einhaltung von realisierten Massnahmen ist abhängig von der emotionalen Betroffenheit und der persönlichen philosophischen Werthal-tung gegenüber der Natur. Die Untersuchung bestätigt die Annahme der Bergsportverbände, dass die Kletterer der Natur gegenüber mehrheitlich positiv eingestellt sind. Der Einbezug dieser Erkenntnis bei der gemeinsamen Lösungssuche ist deshalb von grosser Bedeutung. Denn die Erhaltung der Freude am Klettern verbunden mit der Förderung eines naturbewussten Verhaltens der Kletterer führt zu einer Steigerung der Verantwortung gegenüber der Natur, was längerfristig dem Schutz der Natur wiederum am meisten bringt. a

Rebecca Saladin, Zürich Felsschnecken bei Arco ( Lago di Como, I ). Felsen sind ein biologischer « Mikrokosmos », welcher durch das Klettern lokal beeinträchtigt werden kann.

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