Der erste Clean Climber: «Es hat keinen -besseren Bergsteiger gegeben»

« Es hat keinen -besseren Bergsteiger gegeben »

Christian Klucker ( 1853–1928 ) aus dem Fextal war ein Pionier des Freikletterns und Wegbereiter des modernen Bergführerberufs. Aber er war noch mehr, ein Spitzenkletterer, der die Stecks und Siegrists von heute alt aussehen liesse.. " " .Seine Biografie wurde neu aufgelegt.

Am 11. Juli 1892 liess der Bergführer Christian Klucker am Fuss der Nordkante des Piz Badile seine Nagelschuhe zurück und kletterte in Socken in drei Stunden über die noch unbestiegene Kante bis 150 Meter unter den Gipfel – und ohne Seilhilfe wieder zurück. Eine epochale Leistung am Berg, denn auf dieser Erkundungsfahrt meisterte er den höchsten Schwierigkeitsgrad seiner Zeit. Zum Vergleich: Ein heutiger Spitzenkletterer müsste eine Route im neunten oder zehnten Grad « free solo » und « on sight » im Auf- und Abstieg schaffen.

Nur mit Hanfseil und Eispickel Klucker war in seinem Kletterstil und Wagemut seiner Zeit weit voraus. Über 30 Jahre vergingen, bis Walter Risch seinen Gast Alfred Zürcher am 4. August 1924 über die Badilekante führte – in zwölf Stunden Kletterei mit ausgiebigem Einsatz von Felshaken. Klucker gratulierte seinem Freund, obwohl er selber Haken strikte ablehnte.. " " .Verschiedene Autoren sehen Klucker denn auch als einen der Begründer des modernen Freikletterns oder des « clean climbing ». Mit einem 30 Meter langen Hanfseil und -einem Eispickel ausgerüstet gelangen ihm um die 3000 Bergbesteigungen, im Fels bis zum vierten und fünften Schwierigkeitsgrad und in 60 Grad steilem Blankeis. Und das stets schnell, ohne -Unfall und zum Teil mit überforderten -Gästen und furchtsamen Führerkollegen. Zu seinen Erstbesteigungen und -begehungen zählen alle Gipfel der Scioragruppe, die Pizzi Gemelli, mehrere Nordaufstiege durch die Eiscouloirs zwischen Gemelli und Trubinasca, Piz-Badile-West- und -Ostgrat, Piz Roseg und Lyskamm-Nordwand, Aiguille Noire und Peutereygrat am Montblanc, Überschreitung der Meije, neue Routen an der Fünffingerspitze in den Dolomiten und in den -Rocky Mountains. « Es hat keinen besseren Bergsteiger gegeben », lobte John Percy Farrar, von 1917 bis 1919 Präsident des Londoner Alpine Club, seinen Bergführer und Freund. Den Satz kann man auch heute noch unterschreiben, wenn man Kluckers Persönlichkeit in Bezug auf seine Zeit würdigt. Nicht nur alpintechnisch, sondern auch durch seine von hoher Ethik und Liebe geprägte Haltung gegenüber dem Berg und der Natur erscheint er als Lichtgestalt eines « besseren Bergsteigers ». « Meine lieben Berge aber hatten Rücksicht mit mir und verschonten das Leben ihres Verehrers », schreibt er nach einem überstandenen Steinschlag. Für ihn bedeutete das « ideale Bergsteigen » eine umfassende Liebe zur Bergwelt, sein Beruf war ihm mehr Leidenschaft als Broterwerb. Als er wegen einer Hautkrankheit jahrelang die Berge meiden musste, litt er unsäglich: « Nur das stille Fextal hörte meine Seufzer. » Engagiert kämpfte er noch im Alter gegen die Verschandelung der Natur durch Spekulation. Wandel im Verhältnis zwischen --Führer und Gast Der gelernte Wagner war durch eine zufällige Begegnung zum Bergführerberuf gekommen, den er ab 1874 ausübte. Es war eine Zeit der Wende im Alpinismus. Das « Goldene Zeitalter » war abgeschlossen, alle grossen Gipfel waren bestiegen. Treibende Kraft der weiteren Erschliessung waren zunehmend die « Führerlosen », Bergsteiger, die sich ohne Führer in unbekanntes Gelände wagten. Der Bergführerberuf professionalisierte sich, kantonale Reglemente wurden erlassen, der Schweizer Alpen-Club organisierte die Ausbildung und engagierte Klucker als Instruktor. Er selber hatte bereits über 30 Jahre Erfahrung als international bekannter Führer, als er 1908 sein Patent erhielt. Kluckers Autobiografie Erinnerungen eines Bergführers ist ein einzigartiges Zeugnis des Wandels im Verhältnis zwischen Führer und Geführten, aus den « Herren » wurden Gäste oder « Bergfreunde », wie sie Klucker nennt. Oft ergriff er die Initiative für die Besteigungen und Routen, er erlaubte sich, seinen Brotgebern zu widersprechen oder eine Tour zu verweigern, wenn er sie ihnen nicht zutraute. Es kam auch vor, dass er allein einen Gipfel erkletterte, wenn der Gast den Mut oder die Kraft verlor. Nebst allem Bemühen um Sachlichkeit und Genauigkeit schrieb er sich seinen Ärger, seine Verletzungen von der Seele. Gelegentlich im Groll, sarkastisch, ironisch, dann wieder anekdotisch und mit abgeklärtem Humor. Er wollte seine Leistungen ins rechte Licht rücken, auch wenn ihm Seil und Pickel leichter in der Hand lagen als die Feder. Er schrieb Alpingeschichte « von unten » aus der Perspektive derer, die bei der Erschliessung der Alpen vorangingen, Wege erkundeten, Stufen hackten und Lasten trugen. Der entscheidende Anstoss kam von Arnold Janggen, von 1914 bis 1916 Zentralpräsident des Schweizer Alpen-Clubs. Ihm schickte er immer wieder Teile seiner Aufzeichnungen, begleitet von Klagen über familiäres Ungemach, das ihm das Schreiben erschwerte, und über seine Mühe mit der Sprache. Seinem Gast und Freund Theodor Curtius klagte er: « Ja, wenn es sich darum handeln würde, eine Cima del Largo, einen Bacone-Nordgrat oder den Ago di Sciora zu besteigen, ja, dann würde ich es mit manchem jungen Literaten aufnehmen. » Das Buch erschien zwei Jahre nach seinem Tod, erlebte drei Auflagen, erschien in London in englischer Übersetzung und vor wenigen Jahren in einem italienischen Verlag. « Ein Dokument ersten Ranges in der Geschichte des Alpinismus », schrieb Ernst Jenny, von 1925 bis 1940 Redaktor der « ALPEN », im Vorwort zur ersten Ausgabe. Mit dem « Russ » in den Bergeller Bergen Am meisten quälte sich Klucker mit den Kapiteln über die Erschliessung der Bergeller Berge mit seinem ungeliebten Gast, dem russischen Baron Anton von Rydzewski. Klucker charakterisiert ihn als nervös, voll Ränkesucht, launisch, arrogant, von Gicht geplagt und von bescheidenem Können am Berg. Dass er den « Russ » trotzdem immer wieder ans Seil nahm, erklärt er damit, dass er vergeblich versucht habe, andere Gäste für sein geliebtes Bergell zu begeistern. Kluckers -Erinnerungen an jene Zeit lesen sich wie ein Klagelied. Besonders verletzte ihn, dass Rydzewski in den Jahrbüchern des SAC ausgiebig und eloquent über ihre Unternehmungen berichtete und sich dabei in ein besseres Licht rückte, als Klucker für angemessen hielt. Er klagt: « Dass ein Mann, für welchen ich sozusagen ein Jahrzehnt lang jährlich während 4 bis 5 Wochen mein bestes Wissen und Können zur Verfügung stellte und trotz sehr bescheidener Entschädigung nie zurückschreckte, wenn es hiess, Leben und Gesundheit in die Schanze zu schlagen, dass ein Mann sich so weit vergessen konnte, grundlos bei jedem Anlass in Wort und Schrift die Ehre und den guten Namen seines Führers, dem er eine Reihe der schönsten Erstbesteigungen zu verdanken hatte, in den Kot zu ziehen, war und blieb für mich ein Akt der Undankbarkeit und Gehässigkeit. » Herausragender Pionier des Alpinismus Trotz vielen Bergfreundschaften blieb der Junggeselle ein einsamer Mensch, er litt mit zunehmendem Alter unter Depressionen, besonders im Winter, wenn kaum ein Strahl Sonne ins Fextal drang und er am Ofen hockte und alpine Schriften las. Am 21. Dezember 1928 starb er auf dem Weg zur Schulweihnacht in Sils Maria. Dass Christian Klucker auch heute noch unvergessen ist, zeigt die 1999 erschienene italienische Ausgabe seiner Autobiografie. Roberto Osio, von 1978 bis 1990 Präsident des Club Alpino Italiano, schreibt mit höchstem Respekt vom « grande guida della Bregaglia ». Er charakterisiert ihn als « herausragenden Pionier in der Geschichte des Alpinismus der Jahrhundertwende, als universale Persönlichkeit und als Wegbereiter einer modernen und umfassenden Form des Bergführerberufes. »

Literatur Klucker, Christian: Erinnerungen eines Bergführers. 1. Auflage, Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach-Zürich 1930. Neuauflage mit einer Einführung von Emil Zopfi: AS Verlag, Zürich 2010. Klucker, Christian: Memorie di una Guida Alpina. A Cura di Giovanni Rossi, con una Prefazione di Roberto Osio. Edizioni Tararà, Verbania 1999. Bauer, Ursula; Frischknecht, Jürg: Ein Russ im Bergell. Anton von Rydzewski 1836–1913. Der erste Fotograf des Bergells. Desertina Verlag, Chur 2007. Das Theaterstück « Ein Russ im Bergell » von Gian Rupf, René Schnoz und Hans Hassler, nach Originaltexten von Christian Klucker und Anton von Rydzewski, bearbeitet von Emil Zopfi und Stefan Keller, kann gebucht werden für kulturelle Anlässe, z.B. an Sektionsversammlungen oder in SAC-Hütten: -gianrupf@gmx.ch.

Feedback