Die Deutschschweiz holt auf. Romands lieben Skitourenrennen

Romands lieben Skitourenrennen

Die Deutschschweiz holt auf

Skitourenrennen sind in der Romandie Volkssport, im Gegensatz zur Deutschschweiz.. " " .B.eim Angebot an Rennen hat die Deutschschweiz aufgeholt, bei den Aktiven noch nicht.

Sie trainieren, wenn es dunkel ist. Das Ziel der Hobbysportler ist: 100 000 Höhenmeter in einer Wintersaison hinter sich zu bringen. Einer von ihnen ist Daniel Bühlmann. Der Techniker arbeitet im Weltstrahlungszentrum in Davos und ist begeisterter Skitourenrennläufer. Einmal pro Woche organisiert er ein Training im Raum Davos-Prättigau. Vier bis fünf Kollegen und Kolleginnen treffen sich jeweils am Dienstagabend nach der Arbeit, um im Renndress nicht die Piste herunterzufahren, sondern hinaufzulaufen. « Manchmal werden wir schon ein bisschen komisch angeschaut », sagt Daniel Bühlmann, « einige wundern sich wohl, warum wir einen Renndress tragen. » Daniel Bühlmann nimmt regelmässig an Skitourenrennen teil, er startet als Volksläufer. Dafür muss er weit reisen. Die meisten Rennen finden nämlich in der Westschweiz statt. « Die Romands haben deshalb das Gefühl, es sei ihr Sport. Aber wir holen auf », sagt Bühlmann und lacht.

Leistung kontra Spass

In der Deutschschweiz gelten Skitourenrennen als Randsportart. Ganz anders in der Romandie: Hier sind Skitourenrennen ein Volkssport, worüber nicht nur Printmedien, sondern auch das Fernsehen berichten. Rennen wie die Trophée du Muveran, Pierra Menta oder Mezzalama sind zum « Mythos » geworden, wie der Westschweizer Journalist Claude Defago sagt. Sie ziehen Tausende von Zuschauern an, die den Athleten bis auf die Berggipfel folgen. Etwas Vergleichba- Nur ein Weg führt zum Gipfel, wo sich bereits Zuschauer eingefunden haben.

res gibt es in der Deutschschweiz nicht. Ist das ein Röstigraben auf verschneiten Berghängen? Stefan Wyer, im Kommu-nikationsteam der Patrouille des Glaciers für die Deutschschweiz zuständig und Mitglied der Skitourenrennkommission des SAC, mag nicht vom Röstigraben sprechen, sondern vom unterschiedlichen Sportverständnis, das von verschiedenen Traditionen herrühre. « Im Blick der Deutschschweizer steht eher das Bezwingen des Berges und das Erlebnis in der Natur. Die Romands hingegen messen sich gerne im Wettkampf und legen Wert auf möglichst leichtes Material. » Für Ruth Oehrli, ehemalige Rennbe-richterstatterin des SAC, hat das unterschiedliche Sportverständnis auch mit der Mentalität zu tun. « Wir Deutschschweizer sind vielleicht zu ernsthaft. Uns stört es, viel Zeit auf die Spitze zu verlieren. Dem Romand ist der Spass wichtiger. » Eine gewisse Unbekümmertheit stellt Karin Möbes, Mentaltrainerin des SAC Swiss Team, bezüglich der Sicherheit fest. Gefahren in den Bergen würden vor allem von den jüngeren Westschweizer Athleten eher ignoriert. « Ein bisschen mehr von der lockeren Art der Westschweizer täte uns zwar gut », sagt auch Michael Caflisch, Präsident des SAC-Sektion Davos und Organisator des Davos Vertical. « Die meisten Skialpinisten aus der Deutschschweiz sehen sich nicht primär als Sportler, sondern verbinden damit eher eine Art Lebensphilosophie », sagt der Sportsoziologe Hanspeter Stamm. Sie würden weder Rennski noch Renndress tragen. Das hat Auswirkungen auf den Sport. « In der Deutschschweiz fehlt noch immer die Breite », sagt Rolf Zurbrügg, Disziplinenchef der Nationalmannschaft, des SAC Swiss Team. Von den 22 Mitgliedern der Nationalmannschaft stammen nur gerade sieben aus der Deutschschweiz. Um dem entgegenzuwirken, hat der SAC jüngst ein Jugend-förderprogramm lanciert, bei dem auch Rennmaterial getestet werden kann.

Renaissance in den 1980ern

Skitourenrennen haben ihren Ursprung im Militär. Italien, Frankreich und die Schweiz unterhielten eigens Gebirgsein-heiten zur Überwachung der Grenzen in den Alpen. Um die Ausdauer der Soldaten zu testen, wurden Patrouillenläufe in Teams veranstaltet. Während des Zweiten Weltkrieges entstanden daraus grosse Rennen wie die Pierra Menta in Frankreich, Mezzalama in Italien oder die Patrouille des Glaciers im Wallis. Bis zu den Winterspielen in St. Moritz 1948 waren Skitourenrennen eine olympische Disziplin. Nach dem Krieg änderte sich das. Die Patrouille des Glaciers wurde 1949 vom damaligen Militärdepartement Amateure herzlich willkommen Skitourenrennen sind nicht nur Profi-sache. An fast jedem Skitourenrennen können Amateure in einer eigenen Kategorie mitmachen. Daten und An-meldebedingungen gibts ab sofort auf www.sac-cas.ch → WettkampfsportSkitourenrennen → Kalender.

verboten, nachdem eine Dreierpatrouille am Mont-Miné-Gletscher in einer Spalte tödlich verunglückt war. Das Rennen fand erst 1984 wieder statt.

Während sich andere Tourenrennen in Italien, Frankreich und der Romandie dennoch weiterentwickelten, erlebten sie im deutschsprachigen Teil der Schweiz erst in den 1990er-Jahren eine Renaissance. In Bivio am Julierpass gab es Anfang der 1990er-Jahre das erste Deutschschweizer Rennen. Es folgten weitere im Diemtigtal, in Grindelwald, wenige Jahre später kamen Rennen am Stoos im Kanton Schwyz, am Pizol im St. Gallischen und das Tris Rotondo im Tessin dazu. Damit hat beim Angebot an Rennen in der Deutschschweiz eine Trendwende begonnen. Allein in der Ostschweiz haben mit dem Nightattack in Flums, dem Davos Vertical und der Trofea Péz Ault in Disentis gleich drei neue Rennen in kurzer Zeit Fuss gefasst. Gemäss der Teil-nehmerstatistik nationaler Skitourenrennen des SAC nimmt die Zahl der Rennläufer und Rennläuferinnen zwar zu. Aber: Ohne die rund zwei Drittel der Teilnehmenden aus der Romandie könnten in der Deutschschweiz kaum Rennen durchgeführt werden.

In Bulle wichtig, in Davos unter « ferner liefen »

Wie stark sich ein Sport in einer Sprach-region ausbreitet, ist aber auch von anderen Faktoren abhängig, etwa der Verankerung in der Bevölkerung. Ein Skitourenrennen in Bulle, im Kanton Freiburg, hat in der Bevölkerung und am Austragungsort ein anderes Gewicht als ein Rennen im Wintersportort Davos. « Der Skitourenevent in Davos muss sich erst noch etablieren, gibt es doch viele bekannte Grossveranstaltungen vor Ort », sagt Michael Caflisch. Dagegen sprechen auch die hohen Anforderungen an die Teilnehmer, wie etwa Kenntnisse der Schnee- und Wetterverhältnisse, der Umgang mit Lawinen-suchgeräten sowie der beträchtliche Trainingsaufwand. Das ist nicht das, was die Masse sucht. Ein Vorteil hingegen könnte die Sättigung des Marktes an Sport- und Freizeitmöglichkeiten sein. Skitourenrennen haben – noch – den Nimbus des Exklusiven, was anziehend wirken kann. Für die Faszination spricht auch die Atmosphäre während eines Skitourenrennens: « Es ist wie in einer grossen Familie », beschreibt es Samuel Estoppey, Mitglied der Skitourenkom-mission des SAC. Egal ob als Zuschauer oder als Volksläufer: « Wer einmal dabei war, wird dies bestätigen .» a Rita Gianelli, Davos Foto: Gér ar d Ber thoud

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