Die Eisfrau – Begegnung in den vergletscherten Alpen.

Aufs Eis gelegt. Eiskälte in der Stimme. Gesicht zu Eis erstarrt. Eisiger Schreck in den Gliedern.

Diese Bilder von totem, unbeweglichem Eis im sprachlichen Alltag haben mich wohl mehr geprägt als mir bewusst ist. Sonst hätte mich die Gletscherwelt auf meinen Hochtourenwochen nicht derart fasziniert. In den vergletscherten Teilen der Bündner, Walliser und Berner Alpen bin ich der Eisfrau begegnet, der namenlosen, im Gegensatz zu Tanna beispielsweise, dergrossen Eiskönigin in der Gletschersagenwelt der Dolomiten vergangener Jahrhunderte.

Heute besuche ich dich frühmorgens und in grosser Höhe, wo berg-dicke Eiswülste sich neben und vor mir aufbauen, mich ahnen lassen, dass darunter geheimnisvolle Energien in deinen Eingeweiden schlummern. Links vorne gähnt eine Öffnung, ein hohes rhomboidförmiges Tor zwischen zwei Eisklötzen. Im fahlen Dämmerlicht sieht das schaurig schön aus. Niemand in der Gruppe spricht, alle nehmen dein geisterhaftes Schauspiel wahr, Eisfrau.

Da mischt sich in die Stille - nur das feine Krick-Krick der Steigeisen ist zu hören - ein dumpfes Grollen wie von weither. Ich blicke um mich, suche die Herkunft dieses Geräusches. Das Grollen wächst an, wird laut wie ein Trommelwirbel in einem grossen leeren Dom. Ich sehe keinen Dom, keine Höhle, bin halb von Sinnen. Stehe ich etwa auf diesem Bau? Wird das Eis nächstens brechen, mein Körper in die Unterwelt stürzen? Mein Wahn löst sich erst, als ich nicht weit entfernt eine bescheidene, parallel zu unserer Spur verlaufende Spalte von rund 5 cm Breite entdecke.Von dort dringt das Dröhnen herauf. Da muss weiter unten ein Hohlraum liegen mit einem Wasserfluss am Grund. Eisfrau, bisher kannte ich nur deine offenen Schlünde. Wie viele Geheimfächer hast du wohl in deiner Innenwelt.

Jäher Knall und ein längeres Gepolter schrecken mich aus dem Trott in der Mittagshitze, zerstören meine Betrachtungen über die zart gefurchte Hartlandschaft des Gletschers. Weiter weg sind Steine aus dem Felsen gebrochen, auch grosse Brocken. Alle suchen sie ihren neuen Platz auf dem Eis, bleiben einsam liegen. Eisfrau, du greifst hart ins Gestein, du wanderst langsam und unerbittlich, schiebst deine Masse an den Felswänden vorbei ohne zu fragen, ohne Entschuldigung. Dein Fliessen ist stärker als harter Fels. Gut, dass du mich immer wieder daran erinnerst.

Du selber wirst sogar zu Tal brechen, später, dort unten an den steilen Talstufen. Noch schöner als Fliessen muss dir Stürzen sein, wenn du lachend durch die Luft wirbelst, dass die eisigen Fetzen fliegen. Wehe denen, die dort gletscherwandern.

Heute ist «leides» Wetter, der Berg will uns nicht. Aber du Eisfrau bist gütig und lädst zum nachmittäglichen Museumsbesuch ein. In einer abgeschiedenen Ecke hast du eine Stelle, wo es immer abbricht, aufbricht, ächzt und verschiebt. Mehrere Meter hohe Eisblöcke ragen aufwärts, türmen sich quer und schräg, legen Schnittstellen zu deiner Vergangenheit bloss. Bänder in vielen Farbnuancen und Beschaffenheiten kann ich sehen, befühlen, lese aus ihnen fette und karge und andere Geschichten aus deinem Leben, an angeschnittenen Kochspeck erinnern mich die Schichtungen, an Jahrringe bei Baumstämmen, an ein liebes altes Buch mit zerlesenen Seiten, an...

Heller Morgen. Zuoberst, zuhinterst, zuinnerst im Gletscherbecken. Du zeigst dich nicht, Eisfrau, und bist doch voll da. Keine Spalten, kein blankes Türkisblau, keine Blöcke, keine Geräusche. Nicht einmal das leise Rauschen deiner Gedärme. Nichts. Reines Weiss, weicher Schnee. Wie eine Mondschale liegt diese letzte Ebene eingebettet in der Mulde zwischen Felspfeilern und -wänden, einer guten Stube gleich, vor Wind und anderen Bewegungen geschützt. Etwas Mystisches geht von diesem Ort aus, wo du fortwährend neues Eis ge-bierst, hier, unten, versteckt unter dem Schnee.

Eis will geboren sein, fliessen, schmelzen, das Land ernähren. Eisfrau, bitte verlass die Berge nicht. Oder brauchst du wieder einen richtigen Namen?

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