Die «Schneeschmecker» vom Weissfluhjoch Ein Tag im Lawinenwarnraum 011

Im Winter publiziert das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos täglich zwei Lawinenbulletins. Ein Blick ins Nervenzentrum der Schweizer Lawinenprognostik, in den Lawinenwarnraum 011, wo die Fäden zusammenlaufen.

Daten von 180 Beobachtern und 170 Messstationen, Rückmeldungen von Bergführern und Tourengängern, nationale und internationale Wetterprognosen und alle zwei Wochen 80 Schneeprofile – all dies bildet die Grundlage der beiden täglichen Schweizer Lawinenbulletins. Ohne die Erfahrung der Lawinenprognostiker des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos wären die vielen Daten jedoch wertlos. Denn bis heute ist die Erstellung des Bulletins reines Handwerk.

Still liegt das « Versuchsfeld » unterhalb des Weissfluhjochs in der Morgensonne, nur die Absperrfähnchen bewegen sich träge im Wind. Mitten im Skigebiet Parsenn markieren sie eine unberührte Schneefläche von der Grösse eines Fussballplatzes, auf der Messinstrumente wie Antennen aufragen. Es ist die schweizweit umfangreichste Messstation für Schnee: Neuschnee, Schneehöhe, Schneetemperatur, Schmelzwassermengen, Wetterdaten – das alles wird auf dem Weissfluhjoch erfasst und in die Datenbanken des SLF gespeist. Datenbanken, die den Rohstoff liefern für eine der am meisten beachteten Publikationen im Schweizer Bergsport: das nationale Lawinenbulletin. Über 1,4 Millionen Mal riefen Tourengängerinnen und Freerider letzten Winter den Text im Internet ab, zigtausend Mal hörten sie die Prognose per Telefon.

Hier beim Versuchsfeld ist nichts von dieser Emsigkeit zu spüren: Stille wie im Hochgebirge. Die Pisten sind leer, und die Sessel hängen reglos an den Drahtseilen. Nur der Physiker Marius Schäfer ist mit den Ski bei den Messgeräten unterwegs. Er misst mit einem Stab die Einsinktiefe, hebt eine Tafel aus dem Schnee und trägt sie in ein Holzhaus neben dem Feld. Dort schabt er das bisschen Weiss von der Tafel auf eine Platte, legt diese auf eine Waage: Sechs Gramm wiegt der Oberflächenreif. Eine Information, die Marius Schäfer in eine Tabelle einträgt und in den Computer tippt, der leise zwischen Schneeschaufeln und Messkabeln surrt.

Gut 1000 Höhenmeter weiter unten an der Flüelastrasse in Davos. « Lawinenwarnraum 011 » steht auf der Tür eines Büros, daneben warnt manchmal ein Licht. « Lawinenwarndienst – bitte nicht stören ». Hier sitzt Lawinenprognostiker Kurt Winkler vor einer Reihe Bildschirme. Er ist einer von sechs Lawinenprognostikern und während jeweils vier Tagen verantwortlich für das nationale und die regionalen Bulletins, unterstützt wird er von zwei Teammitgliedern. An den Wänden des Warnraums hängen Zettel und Karten: Wetterdaten, Bilder von Lawinen, die Bulletins vergangener Tage. Hier liegt das Nervenzentrum des SLF, die Intensivstation der Prognostiker, ausgerüstet mit Notstromaggregaten und Back-up-Systemen.

An diesem Februarmorgen bleibt das Warnlicht neben der Bürotür aber dunkel – sechs Gramm Oberflächenreif pro Messplatte versprechen Ruhe an der Lawinenfront. Dennoch beginnt Kurt Winkler bereits am Vormittag mit der Analyse der aktuellen Schneeinformationen und Wetterdaten. Klickt sich an den Bildschirmen durch Wetterprognosen, Daten automatischer Schweizer Messstationen, Angaben der Beobachter und Auswertungen von Schneeprofilen, die alle zwei Wochen mittels Grabungen erstellt werden. Daten, die der Prognostiker allesamt per Mausklick in einer Reihe von Schweizer Karten mittels Symbolen grafisch darstellt. « Aus Tabellen kann man sich nichts merken », sagt er und blickt immer wieder auf die Umrisse des Alpenraums auf dem Bildschirm.

Neben diesen Grundlagendaten sammelt das SLF mehr und mehr Informationen von Bergführern und Tourengängern aus dem Gelände: Seit dem Winter 2008/09 läuft das Pilotprojekt « mAvalanche », in dessen Rahmen 15 Bergführer per Mobiltelefon Angaben zur Schneedecke und der am Berg beobachteten Gefahrenstufe ins SLF-System übermitteln. Seit Anfang 2010 bietet das SLF gemeinsam mit der Suva die Applikation « White Risk mobile » für Skitourengänger an, welche die Bergsportler einerseits mit aktuellen Lawineninfos versorgt, ihnen anderseits aber auch während der Tour Rückmeldungen ans SLF ermöglicht.

So scrollt Kurt Winkler im Warnraum durch Grundlagendaten und Meldungen der Tourengänger. Eine Lawinenauslösung bei Engelberg, eine « heimtückische Situation » im Unterwallis und « Fischmäuler », die in Südexpositionen beobachtet wurden. Wertvoll seien solche Angaben, sagt Winkler, jedoch nicht in jedem Fall verfügbar: Etwa bei Schneesturm oder der Gefahrenstufe « gross » – Warnstufe vier von fünf – erleide dieses System « einen Totalausfall », da dann weder Bergführer noch Skitourengänger in heiklem Gelände unterwegs seien.

Bis zur Sitzung um 15 Uhr, bei der die Warnstufen für den Folgetag festgelegt werden, arbeitet sich Winkler durch die Datenfülle und zieht daraus seine Schlüsse zur aktuellen Lawinensituation. Automatisierte Modelle zur Gefahrenermittlung stehen ihm dabei nicht zur Verfügung. Wenn es um das Interpretieren der Daten geht, ist der Mensch der Maschine nach wie vor überlegen.

Der tägliche Kulminationspunkt am SLF ist die Sitzung um 15 Uhr: Kurt Winkler und seine Kollegen Hans-Jürg Etter und Thomas Stucki setzen sich im Nervenzentrum an den Tisch. Die Tür wird geschlossen, das Telefon bleibt still. Als turnusgemäss verantwortlicher « Bulletinschreiber » erklärt Kurt Winkler seine Sicht der Dinge, legt Schweizer Karten auf den Tisch – Windpfeile, Neuschneemengen, Temperaturangaben, Lawinen – und deutet mit dem Kugelschreiber mal auf das Bündnerland, mal auf die Zentralschweiz, erläutert den Lawinenabgang im Engelbergertal und erwähnt die « Fischmäuler » und die « heimtückische Situation » im Unterwallis. 20 Minuten dauert es, dann liegen die Fakten auf dem Tisch, und die drei Prognostiker blicken auf die Karten, um sich ein Urteil zu bilden. « Liegen Gefahrenstellen über 1600 oder 1800 Metern Höhe ?» – « Ist die Gefahrenstufe im Goms eher mässig oder erheblich ?» Sie diskutieren bis um 15.45 Uhr. Danach setzt sich Kurt Winkler an den Computer und beginnt zu tippen.

Die Diskussion zeigt: Die Prognose der Lawinengefahr ist keine exakte Wissenschaft. Anwender müssten das Bulletin deshalb auch « als regionale Einschätzung » betrachten, betont Thomas Stucki, Leiter des Lawinenwarndienstes. Es sei eine « Grundlageninformation, die im Gelände ständig überprüft » werden müsse. Denn die SLF-Prognose sei keinesfalls sakrosankt. Vielmehr liege die Trefferquote des Bulletins in Bezug auf die effektive Lawinengefahr bei rund 80 Prozent, mit Abweichungen nach unten und nach oben. Wobei « eine wissenschaftliche Verifikation der Prognose » schwierig sei, so Stucki, da die « effektive Gefahrenstufe » sehr aufwendig zu messen sei.

Ein Problem, dem das SLF mit Fragebogen beizukommen versucht, auf denen Bergsportler ihre Beobachtungen im Gelände mit der veranschlagten Gefahrenstufe vergleichen. Kurz vor 17 Uhr, dem Publikationstermin des nationalen Lawinenbulletins, ist der Bericht für den nächsten Tag erstellt: Die Gefahrenstellen liegen über 1600 Metern Höhe. Die Lawinengefahr im Goms wurde, nach zwei Anrufen bei Beobachtern vor Ort, als mässig eingestuft. Hans-Jürg Etter kontrolliert den Text, genauso wie er eine Stunde später noch die italienische, französische und englische Übersetzung kontrollieren wird – jedes Bulletin des SLF wird vor der Veröffentlichung gegengelesen.

Während Hans-Jürg Etter liest, setzt sich Kurt Winkler den Kopfhörer mit Mikrofon auf und wartet auf seinen Einsatz bei Radio DRS1. Nach dem Radiowetterbericht geht er live auf Sendung und liefert den Hörerinnen und Hörern eine Zusammenfassung der Lawinensituation. Erst dann ist Feierabend. Aber schon am nächsten Morgen um 5.30 Uhr wird der Lawinenprognostiker wieder im Warnraum sitzen und die ersten Daten der Beobachter und Wetterstationen analysieren. Denn spätestens um 8 Uhr müssen die regionalen Bulletins geschrieben sein.

Hinweis: Dieser Beitrag entstand als Auftragsreportage der NZZ im März 2010. Die Zahlen und Daten wurden für die Publikation aktualisiert.

Weiterführende Infos

www.slf.ch: nationales und regionale Lawinenbulletins

www.whiterisk.org: interaktives Lerntool für Touren­anfänger und Fortgeschrittene, vor allem für die Heimanwendung. Seit rund einem Jahr gibt es "White Risk" auch fürs iPhone.

www.mavalanche.com: interaktives Ausbildungstool für unterwegs

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