Die Waldeidechse. Unscheinbar, aber erfolgreich

Unscheinbar, aber erfolgreich

Die Waldeidechse

Die Waldeidechse ist ein Tier, das auch in den Bergen vorkommt. Das ist aber nur eine der vielen Anpassungen des weitverbreiteten kleinen Reptils. Es weist zudem zwei Fort-pflanzungssysteme auf und hat ein süsses Frostschutzmittel im Blut.

Ein kurzes Rascheln in den Alpenrosenstauden, dann Stille, dann wieder dieses Geräusch. Man schaut, sieht nichts, schaut genauer hin. Plötzlich eine Bewegung im trockenen Laub; eine Eidechse, die nach Futter sucht und im selben Augenblick erschrocken die Flucht ergreift. Das hier beobachtete Tier ist eine Waldeidechse. Die zumeist unauffälligen und scheuen Reptilien kennt man in manchen Gegenden auch unter dem Namen Mooreidechse, und im deutschsprachigen Alpenraum sind sie als Bergeidechse bekannt. Gemeint ist immer Zootoca vivipara – eine kleine Eidechsenart, die es in sich hat!

Kommt von Irland bis Japan vor

Ihre Gestalt ist unspektakulär: maximal 15 Zentimeter lang, knapp über fünf Gramm schwer und bescheiden, was Zeichnung und Färbung betrifft. Die Waldeidechse ist schlicht braun oder grau gefärbt, mitunter finden sich rötliche oder gelbliche Tiere. Auf dem Rücken verläuft ein mehr oder weniger deutlich ausgeprägtes, dunkles Band vom Nacken bis zum Schwanzansatz, und auch die Körperflanken sind dunkel gezeichnet. Vereinzelt säumen helle Punkt- und Fle-ckenreihen den dunklen Flankenbereich, was den Tieren zusätzlich ein längs gestreiftes Aussehen verleiht. Hin und wieder treten völlig schwarz gefärbte Exemplare auf. Doch was ihr an Grösse und Farbenpracht fehlt, macht die Waldeidechse durch eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an schwierige Lebensraumbedin-gungen wett. Wir finden die Art über weite Teile Mittel-, Nord- und Osteuropas und in praktisch ganz Nordasien, wo sie die Mongolei und China erreicht, bis an die russische Pazifikküste. Hier begegnet man ihr auf der Insel Sachalin ebenso wie auf Hokkaido. Das Verbreitungsgebiet von Irland bis Japan hat eine West-Ost-Ausdehnung von über 11 000 Kilometern. Ein Rekord unter den Reptilien! Und damit nicht genug: In Norwegen lässt sie sich auch von subarktischen Klimabedingungen nicht beeindrucken und überschreitet knapp den 7O. Breitengrad in nördlicher Richtung. Auch das macht ihr kein anderes Kriech-tier nach.

Waldeidechsen sind auch Bergsteiger

Wer am Polarkreis überlebt, der kommt auch im Hochgebirge zurecht. Noch auf über 2500 Meter kann man in den Schweizer Alpen der Waldeidechse begegnen, und tatsächlich wäre vielerorts Waldeidechsen fühlen sich auch in felsigem Gelände wohl.

Fotos: A. Mey er der Name « Bergeidechse » der treffendere. Zwar lebt die Art bei uns auch im Mittelland, wo sie eher feuchte Wald-standorte bevorzugt, aber ihr Verbrei-tungsschwerpunkt liegt im Jura und im Alpenraum. Nur in den wärmsten Landesteilen, namentlich im Genfer Becken, im Wallis und im Tessin, kommt sie nur teilweise oder gar nicht vor. Hier überlässt sie das Feld anderen Eidechsenarten wie beispielsweise der Smaragdeidechse. Im Gebirge sind es vor allem Zwerg-strauchheiden, Block- und Blockschutt-halden, mit Lesesteinhaufen und Trockenmauern durchsetzte Weiden und Wiesen sowie steinige, lichte Wälder, die besiedelt werden. Am ehesten lassen sich die Tiere an kühlen, bewölkten Tagen beobachten, wenn sie sich stark abgeplattet der diffusen Sonnenstrahlung exponieren, um sich aufzuheizen. Das tun sie oft an windgeschützten Stellen, die sich schnell erwärmen. Besonders beliebt sind vegetationsfreie Flecken auf torfigen Böden, ein Stück trockenes Holz oder ein flechtenbesetztes Stück Fels. Immer ist ein Versteckplatz ganz in der Nähe.

Ein Tier, zwei Fortpflanzungsweisen

Die Waldeidechse gehört zu den wenigen viviparen ( lebendgebärenden ) Eidechsenarten – daher rührt auch ihr lateinischer Name. Unter den Reptilien ist die Viviparie, wie beispielsweise auch bei der Kreuzotter, eine Anpassung an kühle Lebensräume, in denen ein erfolgreiches Schlüpfen der Jungtiere aus den abgelegten und unbebrüteten Eiern nicht mehr möglich wäre. Waldeidechsen paaren sich kurz nach der Winterruhe, je nach Höhenlage und Witterungsbedingungen zwischen März und Juni. Die Eier entwickeln sich dann im Eidechsenleib, was dem Muttertier ermöglicht, im Tages- und Saisonverlauf die jeweils optimalen Sonnenplätze zu nutzen und so die Entwicklung der Eier zu beeinflussen. Die Trächtigkeitsdauer beträgt bis zu 90 Tagen, entsprechend fällt die Geburt der maximal acht Jungtiere in den Spätsommer oder Herbst. Interessanterweise sind Waldeidechsen im südlichsten, wärmsten Teil des Verbreitungsgebietes, etwa in den Pyrenäen oder am östlichen Alpen- Eine Waldeidechse mit besonders deutlich ausgeprägtem Rückenstreifen und markanter Flanken-zeichnung aus dem Waadtland.

südrand, nicht lebendgebärend, sondern eierlegend wie zahlreiche andere Eidechsenarten. Offenbar hat diese Fortpflan-zungsart hier Vorteile gegenüber dem Austragen der Jungen. Auch das hat Seltenheitswert, sind doch weltweit nur gerade etwa zehn Echsen- und Schlangenarten bekannt, die innerhalb derselben Spezies zwei unterschiedliche Repro-duktionssysteme aufweisen.

Frostschutz im Blut

Die Aktivitätsperiode von Schweizer Waldeidechsen dauert im Mittel etwa sieben Monate. Allerdings hat man festgestellt, dass in den höchsten Lagen der Alpen erste Tiere bereits in der zweiten Augusthälfte ihre Aktivität einstellen und die Winterquartiere aufsuchen. Hier dauert die Aktivitätsperiode im Extremfall nur drei bis vier Monate pro Jahr. Während dieser kurzen Zeit müssen die Tiere genügend Nahrung – vor allem Insekten und Spinnen – aufnehmen, um ausreichend Energiereserven für die Fortpflanzung und eine gut achtmonatige Überwinterung anzulegen. Reptilien sind nicht in der Lage, ihre Körpertemperatur durch Verbrennungsprozesse im Körper selber zu regulieren, und sind damit auf externe Energiequellen angewiesen. Fehlen diese, müssen sie sich in frostgeschützte Winterquartiere zurückziehen, etwa in Nagetierbauten, alte Wurzelkanäle oder Felsspalten. Dass eine Reptilienart, die derart raue Klimaberei-che wie die Waldeidechse bewohnt, besondere Anpassungen entwickelt hat, um der Kälte zu trotzen, liegt auf der Zwergstrauchheide im Urserental ( UR ) auf 1650 m Gerne halten sich Waldeidechsen hier im Bereich von Alpenrosenstauden auf.

Diese hell gefärbte Waldeid echse wurde im Unterwallis angetroffen.

Reptilienbeobachtungen melden Hinweise auf Waldeidechsenvorkommen sind für die Koordinationsstelle für Am-phibien- und Reptilienschutz in der Schweiz ( karch ) von grossem Interesse. Bitte melden Sie deshalb Ihre Wald-eidechsenbeobachtungen, aber auch Beobachtungen anderer Reptilienarten der karch. Gerne übernimmt die karch für Sie auch die sichere Bestimmung aller einheimischen Reptilienarten ab Foto. Kontakt: www.karch.c.h, andreas. meyer(at)unine.ch oder Tel. 032 725 72 07 Literatur: Jacques Gilliéron/Claude Morerod, Tiere der Alpen, SAC-Verlag, 2005 Hand. Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass Waldeidechsen auch Temperaturen knapp unter dem Nullpunkt über mehrere Wochen hinweg überstehen können, ohne dass es zu einer Eisbildung im Körper kommt. Kurzfristig können Waldeidechsen sogar einfrieren, ohne Schaden zu nehmen. Wissenschaftler fanden heraus, dass die Blut-Glukose-Werte bei Waldeidechsen während der Wintermonate ansteigen. Der Traubenzucker dient als Frostschutzmittel im Gewebe.

Viele Jäger, viele Schwänze

Zu den zahlreichen Fressfeinden der Waldeidechse gehören hauptsächlich verschiedene Vögel und kleinere Raubtiere wie etwa das Wiesel. Gefahr droht den Eidechsen aber auch aus den eigenen Reihen. Aspisvipern und Kreuzottern, zwei Schlangenarten, die sich den Lebensraum oft mit der Bergeidechse teilen, ernähren sich in den ersten Lebensjahren vorwiegend von Waldeidechsen. Auch die weitverbreitete Schlingnat-ter oder grössere Eidechsen dürften die Waldeidechse als Beutetier betrachten. Wie andere Eidechsenarten verfügt die Waldeidechse über die Fähigkeit, ihren Schwanz bei Gefahr abzuwerfen. Durch eine Muskelkontraktion kann der Schwanz an mehreren Sollbruchstellen aktiv vom Rumpf abgetrennt werden. Der abgeworfene Körperteil bewegt sich dann noch eine Weile heftig hin und her und lenkt damit die Aufmerksamkeit des Beutegreifers auf sich, was der Eidechse oft die Flucht ermöglicht. Der Eidech-senschwanz wächst anschliessend nach. Im Regenerat selber sind zwar keine Sollbruchstellen mehr vorhanden, aber solange noch Sollbruchstellen des Origi-nalschwanzes verbleiben, kann der Schwanz inklusive Regenerat auch ein zweites oder drittes Mal abgeworfen werden. Nicht wegen ihren Fressfeinden, sondern wegen mangelnden geeigneten Lebensräumen sind im Mittelland die Bestände der Waldeidechse in den vergangenen Jahrzehnten vermutlich stark zurückgegangen. Im Gebirge ist sie aber auch heute noch eine häufige Erscheinung und muss nicht als gefährdet betrachtet werden. Vielleicht ist gerade das ein Ausdruck ihrer bemerkenswerten Lebenstüchtigkeit und Anpassungsfähigkeit, die man von einem derart unscheinbaren Tier nicht erwarten würde. Grund genug, der Waldeidechse auf unserer nächsten Wanderung mit etwas mehr Aufmerksamkeit zu begegnen. a Andreas Meyer, Bern Versteckreicher Waldeidech -sen-Lebensraum auf 1650 m im Val de Bagnes ( VS ).

Fotos: A. Mey er

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