Ein Ägypter in Andermatt Zwischen Euphorie und Ernüchterung

Im Bergtal Urseren macht sich ein reicher Ägypter auf, Andermatt in die touristische Zukunft zu führen: Luxushotels, Appartements und Villen sollen entstehen. Dies stellt die Urner Gemeinde vor grosse Herausforderungen und wird die Talschaft verändern, ökologisch und ökonomisch.

Anfang des 21.Jahrhunderts mutet wieder wie eine Sage an, was den Urschnern widerfährt. Ein reicher Ägypter namens Samih Sawiris entdeckt das Dorf am Fusse des Gotthardpasses und will ein riesiges Ferienresort erstellen. Und dies gerade zur rechten Zeit: Das Militär ist abgezogen, und der Tourismus kommt nicht recht vom Fleck. Ob er der Märchenprinz sei, der Andermatt wie Dornröschen aus dem touristischen Tiefschlaf wachküssen wolle, wurde der Investor damals gefragt. Nein, entgegnete Sawiris, er verstehe sich vielmehr als Vater, der seine Tochter zum Wiener Opernball führe, gut vorbereitet und adrett gekleidet. Inzwischen ist die Realität in Andermatt eingekehrt: Baupläne, Quartierpläne und die Bewilligungen liegen auf dem Tisch, die Baumaschinen sind aufgefahren. « Der Ägypter », wie die Einheimischen Sawiris nennen, hat bisher Wort gehalten. Derzeit wird das Fundament gelegt für das « Chedi », ein 5-Sterne-Luxushotel mit 50 Zimmern und 199 Residenzen. Das Prunkstück des Resorts soll Alt- und Neu-Andermatt verbinden, wird rund 35 Meter hoch und überragt damit beinahe den Kirchturm des Dorfes. Beim 18-Loch-Golfplatz werden die Erdbauarbeiten vorgenommen, Gewässer umgeleitet und der Boden von den Altlasten des Militärs befreit. In den kommenden zehn Jahren sollen im Urner Ferienort insgesamt sechs neue Hotels mit über 800 Zimmern, über 40 Gebäude mit rund 490 Appartements, 20 bis 30 Villen, fast 2000unterirdische Parkplätze und ein Sport-und-Freizeit-Zentrum entstehen sowie Kongress- und Konzertmöglichkeiten geschaffen werden. Über eine Milliarde Franken wird in Andermatt investiert. Mit den rund 3000neuen Betten soll « Andermatt Swiss Alps », so der weltläufige Name der Anlage, das grösste der derzeit rund 50geplanten Ferienresorts in der Schweiz werden. Ohne Villen und Heliport Wenn es denn eine Sage ist: Wo bleibt das Pfand, das die Talbewohner einlösen müssen? Verlieren sie ihre weitgehend unberührte Landschaft, den Dorfcharakter, oder gar ihre Seele? Noch herrsche Euphorie vor, wehrt sich Roger Nager, Vizepräsident der Gemeinde Andermatt. Häufig folgt bei Grossprojekten auf die Euphorie die Ernüchterung, gefolgt von der Enttäuschung. Tatsächlich gelang es aber dem perfekt deutsch sprechenden Sawiris mit einem geschickten Vorgehen, zuerst die Dorfbevölkerung von seinem Vorhaben zu begeistern und schliesslich auch die Umweltverbände einzubinden. Diese konnten denn auch etliche Verbesserungen erzielen, wie etwa den Verzicht auf einzelne Villen inmitten des Golfplatzes, den Verzicht auf einen Helikopterlandeplatz oder die Pflicht, das Golfareal rückzubauen, sollten in Andermatt keine Bälle mehr fliegen. Und der ägyptische Baumogul, der einer schwerreichen christlich-koptischen Familie entstammt, ist bemüht, seine Pläne möglichst ökologisch umzusetzen. CO2-neutral soll « Andermatt Swiss Alps » werden, Minergiestandard bei seinen Bauten sind eine Selbstverständlichkeit. Um auch die Bauzeit möglichst umweltschonend zu überstehen, hat die Gemeinde ihrerseits das Zentralschweizer Umwelt-Baustellen-Inspektorat beauftragt, die Kontrollen der Baustellen in Bezug auf Abfallentsorgung, Entwässerung, Umgang mit gefährlichen Stoffen, Lärm und Luftreinhaltung wahrzunehmen. Trotzdem bleiben gewisse Ängste, wie eine Studie der Hochschule Luzern kürzlich gezeigt hat. Vor allem die Jugendlichen sorgen sich demnach um die Auswirkungen auf die Natur. Auch als Reaktion auf Sawiris'Resort ist zu werten, dass Pläne bestehen, die Gotthardregion als Unesco-Biosphäre einzutragen und so zu schützen. Insgesamt, so macht es bisher jedenfalls den Eindruck, wird der Nachhaltigkeit in Andermatt aber grosses Gewicht beigemessen und so die Natur geschützt. Lauern auf das schnelle Geld Diese Bemühungen verlangen eine wache und gut gerüstete Gemeindeverwaltung. Deshalb wird Andermatt als erste Gemeinde im Kanton Uri ab nächstem Jahr einen vollamtlichen Präsidenten verpflichten. Diese Aufgabe wird Roger Nager, dem designierten Präsidenten, und seiner Crew obliegen. Denn etliche Schlaumeier versuchten und werden versuchen, vom neuen Boom rund um das Bergdorf zu profitieren, legal oder weniger legal. So musste die Gemeinde bereits vor zwei Jahren einen Baustopp verfügen, weil gewisse Hoteliers ihre Liegenschaften Spekulanten vermachen wollten, die mit Appartements das schnelle Geld gesucht haben. Daraufhin wurde das Baureglement überarbeitet: Es wurden Zonen ausgeschieden, in denen der Erstwohnungsanteil mindestens 50 Prozent betragen muss. Die Bekämpfung der kalten Betten hat sich auch Sawiris auf die Fahne geschrieben: So werden die Käufer von Ferienwohnungen angehalten, diese in den Vermietungspool zu geben. Zudem hat die Andermatt Swiss Alps AG festgelegt, dass zehn Prozent der Wohnungen Personen mit Erstwohnsitz in Andermatt vorbehalten werden – diese kosten denn auch weniger als die Hälfte des normalen Verkaufspreises. Auch gesamtschweizerisch sind Bestrebungen im Gang, den überbordenden Zweitwohnungsbau in Tourismusgebieten zu bremsen. Noch streiten die beiden Räte, wie das neue Raumplanungsgesetz gestaltet werden soll. Der zu erwartende Aufschwung wird sich auch auf den Dorfcharakter auswirken. Sollten tatsächlich 3000neue Betten gebaut werden, könnten dereinst mehr « Auswärtige » in Andermatt wohnen, als dort Einheimische leben. Seit Mitte der 1990er-Jahre nimmt die Bevölkerung ab: Inzwischen leben nur noch etwas über 1350 Leute im Bergdorf. Ob dieses wirklich seinen « alpinen dörflichen Charme » bewahren kann – laut Sawiris die gesuchte Marktnische –, steht derzeit noch offen. Obwohl Nager auch davon ausgeht, dass sich Andermatt einschneidend verändern wird, will er unter keinen Umständen ein Alpen-Disney-World. Zumindest die bisher aufliegenden Projektpläne gehen nicht in diese Richtung, sondern zeigen Hotels und Villen, die sich gut in die alpine Architektur einfügen. Der Kritiker hat resigniert Noch wirbeln in Andermatt vor allem die Aushubarbeiten für das Luxushotel viel Staub auf. Die Bevölkerung selbst ist derzeit noch vorwiegend optimistisch, hört man sich an den Stammtischen um. Selbst der prominenteste Kritiker des Projekts, Dorfarzt Andreas von Schulthess, hat inzwischen fast resigniert, obwohl er den Ägypter am liebsten in die Wüste zurückschicken möchte. Der Zürcher, der einst wegen der Idylle des Bergdorfes in den Kanton Uri zugewandert ist, ist nach wie vor überzeugt, dass Andermatt seine Identität verlieren wird und die Natur erheblichen Schaden nimmt. Es wird sich erst in ein paar Jahren weisen, ob die Besucher von Andermatt noch immer die gleiche Freude erfasst wie einst den deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe: « Unter allen Gegenden, die ich kenne, ist diese die liebste und interessanteste », entfuhr es ihm, als er das Urserental sah. « Das Tal wird profitieren » Gregor Poletti: Samih Sawiris, Sie bauen ein für Schweizer Verhältnisse riesiges Resort in Andermatt. Sie bescheren dem Tal eine Invasion von zwar reichen, aber ausländischen Leuten, die nur ein paar Wochen in Andermatt verbringen werden. Da muss ich vehement widersprechen. Erstens haben wir bisher den Wohnungsmarkt im Urner Bergdorf primär schweizerischen Interessenten geöffnet, und die Nachfrage ist erfreulich hoch. Zudem wollen wir zehn Prozent der Wohnungen nur an Leute verkaufen, die permanent dort wohnen. Weiter will ich möglichst wenig kalte Betten im Bergdorf und werde das auch kontrollieren, denn diese bringen nur kurzfristigen Erfolg.

Ein zweites St.Moritz soll hier nicht entstehen. Denn lässt man zu viele Zweitwohnungen zu, ist dies im Nachhinein kaum mehr zu korrigieren. Das könnte Ihnen doch egal sein, Hauptsache der Rubel rollt? Schnelles Geld interessiert mich nicht. Den Tatbeweis habe ich mit dem Feriendorf El Gouna in Ägypten erbracht, wo ich immer noch das meiste kontrolliere und weiterhin investiere. Ähnlich einer Art Regierung, die baut, managt und dafür auch Gebühren einnimmt. Das sind die Gelder, die aus dem Verkauf und der Vermietung von Wohnungen eingenommen werden. Damit bleiben wir in der Verantwortung, was ein länger-fristiges Engagement nach sich zieht. Aber dort können Sie schalten und walten, wie Sie wollen. Hier müssen Sie doch auf vieles und viele Rücksicht nehmen? Das stimmt zwar, aber an unserem Grundprinzip ändert das nichts. Es dauert einfach alles ein bisschen länger. Andermatt wird sich trotzdem massiv verändern. Ja, aber zum Guten. Wäre es denn besser, wenn die jungen Leute weiterhin abwandern, weil nach dem Wegzug des Militärs nur noch wenige Arbeitsplätze zur Verfügung stehen? Die Talschaft wird durch die neuen hochwertigen Jobs profitieren, davon bin ich überzeugt.

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