Erfahrungen aus 11 KiBe-Jahren.

Pionierarbeit der SAC-Sektion Säntis Die SAC-Sektion Säntis kann heute auf über ein Jahrzehnt KiBe-Akti-vitäten und damit auch KiBe-Er-fahrungen zurückblicken. Daraus ergeben sich eine ganze Anzahl Erkenntnisse. Diese beziehen sich einerseits auf Aufbau und Entwicklung des KiBe innerhalb der Sektion, anderseits auf die Punkte, die es bei der Arbeit mit Kindern besonders zu berücksichtigen gilt.

Herzliches Lachen beim Austoben im Schneehang, stolzes Strahlen nach bewältigter Abseilübung, eifriges Steineschleppen zur Bachstauung, gestärktes Selbstvertrauen nach Durchklettern der roten Route in der Halle oder grosse, beeindruckte Augen, wenn Nebelschwaden und Wind die Kletterfelsen umziehen. Dies und vieles mehr gehört zur Erlebniswelt der 10- bis 14-jährigen Mädchen und Knaben im Kinderbergsteigen (KiBe). In der SAC-Sektion Säntis hat man das Bedürfnis der Kinder nach Naturerlebnissen in einer ausgelassenen Gemeinschaft bei gleichzeitiger wachsamer und engagierter Betreuung durch KiBe-Leiter/innen frühzeitig erkannt.

Nachdem man 1987/88 den ersten Schritt gewagt und Aktivitäten mit Kindern angeboten hatte, stieg in der nachfolgenden zweijährigen Versuchsphase das Interesse weiter an. 1989 stimmten die Mitglieder mit grosser Mehrheit der offiziellen Einführung einer Kinderbergsteiger-gruppe in der Sektion zu und dokumentierten damit die breite positive Grundhaltung gegenüber der Jugendarbeit. Gleichzeitig erhoffte man sich vom KiBe auch eine Verjüngung innerhalb der Sektion: berggängige Eltern konnten gewonnen werden, und für die JO ergab sich dadurch ein Zuwachs an Teilnehmern und Leitern. In der Tat treten seither jährlich rund zehn Kinder dem SAC bei, wovon fast die Hälfte anschliessend ihre Aktivität in der JO fortsetzt.

Voraussetzung dazu bildete ein dynamisches Leiterteam, das viel Herzblut und Systematik in den Aufbau des KiBe legte. Das Team definierte Lernziele, Pädagogik, Methodik und kinderfreundliche Bergaktivitäten und bot im Rahmen eines spezifischen KiBe-Jahresprogramms mit Schnupperklettern, Elternaben-den, Knotenlehrtag, Wochenendtouren, Kletterlagern und Winterskitou-ren einen ganzen Strauss von Aktivitäten an.

Für Kinder ist Abwechslung ein wichtiges Element, genauso wie Neugierde, Abenteuerlust und Spieltrieb. Ideal ist deshalb eine Kombination all dieser Aspekte: Mit «Froschhüpfen» und «Tatzelwurm» balancieren sie über Steinblöcke, und in der «Zwergenhocke» laufen sie mit den Steigeisen die Gletscherflanke hinunter. Lernen heisst spielen. Unbewusst werden neue Bewegungsabläufe, Balanceakte und Verhaltensweisen aufgenommen. Lernen heisst auch Aufmerksamkeit und Konzentration üben. Wenn es einen schmalen Bergpfad zu beschreiten gilt, kann das Witze-Erzählen erst an dessen Ende wieder weitergehen. Ein für alle tolles Abenteuer im rechten Mix war das Schlechtwetterprogramm «Nidlenloch» (Jura). Da erst wenige Kinder schon in Höhlen waren, hatten beim Einstieg alle (auch die Leiter/innen) Herzklopfen. Mit Stirnlampen und Helmen ausgerüstet kraxelten sie abwärts bis zum Umkehrpunkt. Hier unten (160 m tiefer) wartete der Höhlenbär (Leiter Bruno) und verteilte Gummibärli an alle Abenteurer/in-nen, die als Dank ein «Sierra Madre » sangen. So gestärkt ging es wieder zurück. Besonders glücklich über diesen Tag waren jene Kinder, die am Abend vorher bei ihren Lieblingslei-tern Geborgenheit gesucht und vor lauter Aufregung über Bauchweh und Nicht-Schlafen-Können geklagt hatten.

Zum Abenteuer gehört auch die Freiwilligkeit - wenn ein Kind nicht «hier und heute» abseilen will, lässt man es zuschauen, sucht ihm eine weniger Furcht einflössende Stelle aus, oder der Leiter seilt zusammen mit dem Kind ab. Es erfordert dann allerdings einiges psychologisches Geschick, damit sich diese Kinder nicht ausgeschlossen fühlen, sondern von der Gruppe getragen werden.

An Lagerabenden gibt es informative Texte für die Kleineren und anspruchsvollere für die Grösseren, was zum Beispiel in einem Zeichenwett-bewerb zum Thema Gewitter und Blitz endet. Der Besuch der Dinosaurierspuren in einem stillgelegten Steinbruch bei Solothurn regt die Fantasie auf allen folgenden Kalkklettereien an: Plötzlicn finden sich überall die tollsten Versteinerungen!

Kinder vergessen, sich gegen die Sonne zu schützen, sind bald erschöpft, die Konzentration lässt nach, sie frieren rasch und sind beeindruckt von Nebel und Windböen. Die Berücksichtigung all dieser natürlichen Gegebenheiten gehört neben den bergtechnischen Faktoren mit zum Sicherheitsaspekt beim Bergsteigen mit Kindern. Die bergtechnischen J+S-Richtlinien sind heute Standard bei allen KiBe-Aktivitäten, und auf drei Kinder kommt ein Leiter oder eine Leiterin. Unterstützt werden diese durch einen engagierten technischen Leiter, der Sicherheits-trainings für die KiBe-Leiter/innen organisiert, sektionsspezifische Richtlinien kommuniziert und insgesamt für eine intensive Betreuung sorgt. Stets Anlass zu langen Leiterdiskus-sionen geben Themen wie: Ist es vertretbar, beim Hallenklettern auf Wunsch der Kinder Sturzübungen zu machen? Dürfen fortgeschrittene Kinder mit dem Abseilachter und Prusiksicherungen selbst abseilen?

Die Inhalte des KiBe haben sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts stark gewandelt, u.a. auch deshalb, weil sich heute das Klettern immer mehr zum zentralen Erlebnis entwickelt. Dabei ist die Kletterhalle zu einem beliebten Ort geworden. Für die Kinder ist sie ein grosser, vermeintlich ungefährlicher Abenteuerspielplatz, denn es fehlen die beeindruckenden Naturfaktoren wie Tiefblick, Ausgesetztheit, Wind und Wetter. Lustvol-les Klettern an bunten Griffen in Schwierigkeitsgraden, wie sie sie in der Natur noch nicht bewältigen würden, ist angesagt! Für die Leiter/ -innen erfordert ein Besuch der Kletterhalle wegen der zahlreichen die Kinder ablenkenden Faktoren jedoch eine ständige Überwachung des Geschehens und damit nicht nachlassende Aufmerksamkeit.

Geblieben sind die sozialen Lernziele «Gemeinsam ein Ziel erreichen», «Verantwortung für andere übernehmen» und «Rücksicht auf Schwächere». Die Kinder lernen diese sozialen Verhaltensweisen überall im KiBe-Alltag, sei es beim Abwaschen in der Lagerküche, in der Seilschaft oder beim Vorbereiten des Abschluss-abends. Auf Grund der heutigen Gesellschaftsentwicklungen sind wir Leiter/innen überzeugt, dass gerade diese Komponenten ein besonders wertvolles Element der KiBe-Aktivitä-ten sind; ein Beitrag zur Charakterbildung einer zukünftigen Generation, die so dazu hingeführt wird, nicht nur zu konsumieren, sondern auch aktiv zu gestalten.

Eine KiBe-Lagervorbereitung ist ein Puzzle: geeigneter Lagerort, Re-ko-Touren, Leiter- und Küchen-Crew suchen, Tourenprogramm und Tourenskizzen für die Leiter/innen sowie Schlechtwetterprogramme ausarbeiten, Elternabende und Ausschreibungen durchführen, medizinische Versorgung gewährleisten usw. Wohl jenen KiBe-Chefs oder Lager-leiter/innen, die Teilaufgaben delegieren können! Abgesehen von der Begeisterung für die Sache und der bergtechnischen Erfahrung sollten KiBe-Leiter/innen über pädagogisches Flair, Fantasie und Improvisationstalent verfügen. In einem harmonischen Leiterteam verbleiben der Leiter-Crew freie Stunden (nach 22.00 Uhr!), die ebenfalls unvergessliche Erlebnisse bescheren.

Kindergerechtes Bergsteigen hat für Leiter/innen viel zu tun mit Psychologie, Methodik, Verständnis und Respekt für die anders gelagerten Bedürfnisse der Kinder, mit Fantasie und Improvisation und selbstverständlich mit Sicherheit. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Kinder Abenteuer, Spiel, Geborgenheit und angepasste Leistung für eine ausgeglichene Entwicklung brauchen. Die Bereitschaft, die Kinder als eigenständige Persönlichkeiten zu akzeptieren, heisst, sich ihren Bedürfnissen anpassen, ihnen Entscheidungsfreiräume lassen und ihnen auch Verantwortung übertragen.

Gerade der Beitrag zur Charakterbildung der jungen Jugendlichen mag - neben der Naturliebe und Bergfaszination - ein wichtiger Moti-vationsfaktor für KiBe-Leiter/innen sein. Dieser war denn auch ausschlaggebend für das frühzeitige Aufgreifen der KiBe-ldee in der SAC-Sektion Säntis.

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