Erlebnis-Vater. Kinder prominenter Bergsteiger

Kinder prominenter Bergsteiger

Erlebnis-Vater

Kinder von Extrembergsteigern müssen nicht ohne Vater aufwachsen. Das beweist die Familie von Thomas Ulrich, die viel Zeit zusammen unter kundiger Leitung im Freien verbringt. Ist der Vater weg, reisen die Kinder in Gedanken mit.

Als Alpinist hat Thomas Ulrich schon extrem schwere Routen begangen und ungewöhnliche Unternehmungen gewagt. So gelang ihm zusammen mit drei anderen Alpinisten die Winterbegehung der Westwand des Cerro Torre in Patagonien. Sein jüngster Coup ist ein 1400-Kilometer-Marsch vom Nordpol zurück bis zum Franz-Joseph-Land auf den Spuren von Fridtjof Nansen. Bei all seinen Projekten hat der Bergführer, Fotograf und Autor seine Familie bewusst von der Öffentlichkeit ferngehalten. Für die ALPEN macht er eine Ausnahme. Die Gespräche mit Linn ( 13 ), Silje ( 11 ) und Julie ( 7 ) zeigen: Die Kinder reisen in Gedanken mit ihrem Vater mit, sie freuen sich mit ihm, und sie leiden mit. Den Abbruch der Expedition zum Nordpol ( 2006 ) erlebten die Kinder aber weit weniger dramatisch, als dies in den Medien oft dargestellt wurde. An jenem Wochenende war seine Frau mit den Mädchen unterwegs. Die Rückkehr von Papa war dann für alle einfach eine grosse Freude.

Mamas Malstunden und Papas Pullover

Die Kinder sehen ihren Vater unregelmässig, und manchmal ist er ein paar Wochen am Stück weg. Für längere Ab-wesenheiten haben die drei Töchter deshalb ihre eigenen Strategien entwickelt. Ihnen ist eines gemeinsam: Die Kinder versuchen ihren Vater zu spüren, zu fühlen – irgendwie wahrzunehmen. Telefone aus der Ferne stimmen Silje besonders glücklich: « Dann wissen wir, dass es ihm gut geht. Und manchmal schlafe ich im Bett von meinem Papa oder ziehe seinen Pullover an, das riecht dann nach ihm. » Auch Julie vermisst ihren Vater hin und wieder. Åsta Ulrich, ihre Mutter, macht dann mit Julie Zeichnungen. Die Zeichnungen sind zugleich das Willkommens-geschenk für Thomas bei seiner Rückkehr. Linn geht es aber am einfachsten, wenn sie nicht zu fest an ihn denkt, « sonst wird man zu traurig ».

Wenn Papa Angst hat

Wenn Thomas Ulrich zu Hause ist, widmet er sich intensiv seiner Familie, oft gleich an mehreren Tagen am Stück. Gemeinsam geht die Familie Ski fahren oder verbringt Ferien in Norwegen, dem Heimatland von Åsta. Die Familienausflüge führen vielfach in die Berge, an steile Felswände oder auf ausgesetzte Grate. Zwischendurch kann es aber auch ein gemütliches Picknick im Freien oder eine gemeinsame Biwaknacht sein. Als sympathische Fotomodelle waren die Kinder auch schon im Einsatz – Linn zum Beispiel mit dem Vater auf einem Gleitschirmflug. Silje erinnert sich gern an ihren achten Geburtstag: « Papa hat eine Seilbahn über den Lombach gespannt, und wir konnten über den Bach sausen. Das war ‹henne-cool› und meine ‹Gspändli› erzählen heute noch davon !» Für Linn war das beeindruckendste Erlebnis die Reise nach Patagonien, « weil wir Pferdetrekkings gemacht haben und so selber geritten sind. » Der Jüngsten, Julie, gefiel das Biwakieren an Weihnachten besonders: « Die andere Familie hatte einen Hund dabei – der hat dann auch bei mir im Die ganze Familie Ulrich auf dem Bällenhöchst. Von links: Julie, Åsta, Linn, Silje und Thomas Fotos: Thomas Ulrich Schlafsack übernachtet », erzählt sie verschmitzt lächelnd. In den Aussagen schwingt Stolz mit. Thomas Ulrichs Freude am Spiel und seine sportliche Vielfalt bieten der ganzen Familie einzigartige Chancen, die Berge zu erleben. Doch so wagemutig die Expeditionen des Alpinisten zuweilen wirken, so vorsichtig ist er selbst bei all seinen Unternehmungen. Silje erinnert sich an den Ausflug auf die Solboden-hütte beim Hardergrat. Sie hat dabei das Gefühl gehabt, dass « Papa ein wenig Angst um uns hatte. Jedenfalls durften wir beim Abstieg keine Purzelbäume machen !» Es scheint, als hätten die Ulrichs die richtige Lebensform gefunden: Die Kinder und seine Frau geben Thomas Kraft, Mut und Zuversicht für seine Touren. Ihr Vater umgekehrt ermöglicht Linn, Silje und Julie einzigartige Erlebnisse in der Natur. Sie lernen dabei, was Ausgeglichenheit, Beharrlichkeit, Ehrgeiz, aber auch Selbstverantwortung, Bescheidenheit und Demut bedeuten. a Andreas von Deschwanden, Luzern Silje geniesst das winterliche Biwak auf der Lombachalp. Für einmal hat sie ihren Vater nur für sich, und dieser kann gleich sein neues Nordpol-zelt ausprobieren.

Gleitschirmflug von Beatenberg nach Interlaken: Linn steuert den Gleitschirm ihres Vaters, während dieser ein Foto macht. Im Hintergrund: der Brienzersee Linn sichert Silje beim Klettern im Diemtigtal.

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