«Es ist eine Ehre, SAC-Präsident zu sein» Zentralpräsident Frank-Urs Müller zum Ehrenamt

Freiwillige Arbeit hat im SAC eine grosse Tradition. Der höchste Freiwillige ist der Präsident des Zentralverbands, ein Amt, das viel verlangt, aber auch viel bringt.

Frank-Urs Müller: Ich war zuerst in der Jugendorganisation des SAC aktiv, dann aber längere Zeit nicht mehr. Mit 30 wurde ich sesshaft, die Familie kam hinzu, und ich ging wieder ab und zu auf Sektionstouren. Und dann hat mich jemand angefragt, ob ich mich in der Sektion Weissenstein engagiere wolle – direkt als Präsident. Das war ich dann acht Jahre lang. Für mich war das eine sehr gute Zeit. Seit 2004 bin ich im Zentralvorstand (ZV), 2005 wurde ich Zentralpräsident.

Ich habe mir vor allem wegen des zeitlichen Engagements Gedanken gemacht. Aber der SAC ist für mich etwas Spezielles.

Viele glauben, der Zentralpräsident sei zu 30 oder 50 Prozent angestellt. Man weiss nicht, dass ich das Präsidium in der Freizeit ausübe. Ich arbeite zu 100 Prozent als Oberrichter. Zu Beginn gab das Präsidium etwa einen Tag Arbeit pro Woche. Es dauert eine Weile, bis man bei jedem Gremium war. Heute ist es etwa ein halber Tag pro Woche. Im langjährigen Schnitt entspricht das einer 15%-Stelle, dafür gebe ich auch einen Teil der Ferien her.

Ja, also, die Spesen sind gedeckt. Ich darf im Zug erste Klasse fahren, wenn ich für den SAC unterwegs bin, privat fahre ich zweite Klasse. Es gibt auch kleine Vergünstigungen, ich erhalte alle neuen Clubführer gratis. Das ist mir etwas wert. Es gibt Rabatte bei Partnern des SAC, und Ende Jahr erhalten die Mitglieder des Zentralvorstands und die Kommissionspräsidenten ein Weihnachtsgeschenk. Ich lerne aber auch interessante und engagierte Leute kennen, bin in einer Position, die als ehrenvoll angesehen wird. Die Leute schätzen es, wenn man bei ihnen ist, man wird in aller Regel mit Respekt und Anstand behandelt. Es ist für mich tatsächlich auch eine Ehre, den SAC präsidieren zu dürfen.

Nicht gerade den roten Teppich, aber der Verbandspräsident wird anders empfangen als andere Gäste. Man freut sich. Es gibt eine immaterielle Wertschätzung.

Das ist so. Es gab letztes Jahr den einen oder anderen Moment, wo ich mir die Frage gestellt habe, ob ich mir das antun will. Aber das waren seltene, kurze Momente, dann etwa, wenn auf den Mann gespielt wurde. Es ging nicht mehr um die Sache, sondern darum, dem Zentralpräsidenten eins auszuwischen.

Viel. Mehr als negative Reaktionen. Viele schätzen meine Arbeit und bedanken sich. Das ist der Lohn, den man mir gibt. Ein Merci, dass ich mich für den SAC und seine Ziele einsetze.

Nein, ich denke nicht. Wenn wir im ZV einen Entscheid fällen, versuchen wir, möglichst viele Argumente auf den Tisch zu legen, sie abzuwägen. Wir fragen uns: Liegen wir in der Stossrichtung unserer Statuten und Reglemente? Dann stimmen wir ab. Wenn es ein Patt gibt, hat der Präsident den Stichentscheid. Das unterscheidet ihn von den anderen Mitgliedern des ZV. Für den ZV gilt das Kollegialitätsprinzip, die Unterlegenen tragen den Entscheid mit.

Der Druck auf Alpen und Hochgebirge nimmt zu, die Fliegerei ist so betrachtet ein Detail, es geht um Erschliessungsprojekte, Hängebrücken und die Tatsache, dass immer mehr Leute in die Berge gehen und Erholung suchen. Das wird uns weiter beschäftigen. Ich bedaure den Entscheid der Abgeordnetenversammlung (AV) gegen das Projekt Alpenlandschaft Zukunft (ALZ). Die Arbeit des ZV wäre einfacher geworden. Es hätte eine Karte gegeben, der ZV hätte sich auf die Vorgaben der Abgeordneten stützen können. Notabene wäre die Karte ja auf sehr demokratische Art und Weise zustande gekommen. Jetzt ist es halt anders. Wir müssen jedes Bauprojekt separat diskutieren und die betroffenen Sektionen befragen. Damit steigt auch das Risiko, dass es zwischen dem Zentralverband und den Sektionen Differenzen gibt. Das ist aber meine persönliche Meinung. ALZ war ein Projekt, die AV hat gesagt, wir wollen es nicht. Ende der Debatte.

Ich denke, der SAC ist dazu in der Lage, auch wenn es nicht einfach werden wird. Dem SAC wird aber in der öffentlichen Meinung ein hoher Stellenwert beigemessen. Wir sind die Fachleute fürs Gebirge und für viele Outdooraktivitäten, und wir sind mit 130 000 Mitgliedern ein starker Verband. Der SAC kann eine wichtige Rolle für das Land spielen, wir sind aus der Tradition heraus und von den Statuten her verpflichtet, mitzureden, wenn es um die Bergwelt geht. Ja und dann sind wir wieder beim alten Thema. Die Pole Nützen und Schützen. Mit diesen Rollen müssen wir leben. Das mussten wir früher schon. Ich war am 100-Jahr-Jubiläum der Sektion Lauterbrunnen. Im Jahrbuch 1911 ist zu lesen, dass die AV über einen Antrag der Sektion Basel beraten musste. Die Sektion verlangte, dass der SAC den Kampf gegen die Gipfelbahnen nicht aufgeben dürfe. Heute reden wir eigentlich immer noch über dasselbe, auch wenn sich die Welt seither massiv verändert hat.

Es wird möglicherweise in einzelnen Bereichen eine Tendenz hin zu mehr Professionalität geben. Technische Probleme beim Bau und Unterhalt der Hütten werden wohl zunehmend von Fachleuten gelöst werden müssen. Das kostet dann mehr Geld. Auch Leute, die eine Woche lang freiwillig an einer Hütte Dachkännel montieren, werden wohl künftig schwieriger zu finden sein, denn die Ansprüche steigen auch im Bereich Freizeitgestaltung. Man will etwas Spezielles erleben und dafür wenig Zeit investieren. Im SAC können sich die Mitglieder für etwas Besonderes einsetzen, denn der SAC ist aus meiner Sicht eben etwas sehr Spezielles. Er ist eben ein Club und kein gewöhnlicher Verband.

Das ist ein schwieriges Thema. Ich persönlich bin dagegen, das war ich schon als Sektionspräsident. Wir haben einmal den Redaktor des Bulletins entschädigt, schon das wurde schwierig. Als Nächster kommt der Hüttenchef: Er sei so und so viele Male mit dem Auto gefahren, oder er habe einen Helikopterflug aus eigener Tasche bezahlt. Und am Schluss bezahlen wir auch den Sekretär, weil er die Protokolle zu Hause schreibt. Was ich damit sagen will: Hat man mit der Entlöhnung begonnen, wird es schwierig, eine Grenze zu ziehen. Aber das ist meine persönliche Meinung, der ZV hat sich nie zu diesem Thema geäussert. Ich bin froh, ist mein Amt ein 100-prozentiges Ehrenamt. Der SAC sollte in dieser Frage hart bleiben. Ausser bei den Angestellten auf der Geschäftsstelle, von denen Professionalität erwartet werden darf, sollte er weiter aufs Ehrenamt setzen. Wegen der Vorbefassung, der Abgrenzung, der Befangenheit, der Frage: Was ist Beruf, was ist Ehrenamt? Wenn wir an der Ehrenamtlichkeit festhalten, haben wir eine saubere Regelung.

Man sollte versuchen, den Gemeinschaftsgedanken und das Erlebnis in den Vordergrund zu stellen. Man sollte sagen, kommt doch einmal eine Woche in unsere Hütte die Wände neu streichen, und am Abend gibt es ein feines Znacht. Man redet, sitzt zusammen. Vielleicht bringt ja einer eine Gitarre mit. Nebenbei malt man zusammen. Und selbstverständlich macht man auch eine gemeinsame Bergtour. Es sollte ein Erlebnis werden.

 

Das europäische Jahr des Ehrenamtes

Sie arbeiten viel, oft bis in die Nacht. Doch es gibt weder Lohn, und selten Ruhm. Am ehesten lockt noch ein Dankeschön – mit etwas Glück. Doch ohne Ehrenamtliche könnten alle Sportvereine der Schweiz und sehr viele andere Organisationen schlicht nicht funktionieren. Laut einer Studie des Bundes aus dem 2004 haben die Freiwilligen geschätzte 741 Millionen Stunden pro Jahr unbezahlt gearbeitet. Zum Vergleich: Im Gesundheits- und Sozialwesen wurden im Jahr 2000 gesamthaft in der Schweiz 587 Millionen bezahlte Arbeitsstunden geleistet.

Immer weniger Menschen können oder wollen sich aber ehrenamtlich betätigen. Um die Bedeutung des Ehrenamtes für die Gesellschaft zu erforschen und zu stärken hat die Europäische Union 2011 zum Jahr der Freiwilligen ausgerufen. Mehr Infos unter www.benevol.ch, www.freiwilligen-monitor.ch, http://europa.eu/volunteering/de ( F: http://europa.eu/volunteering/fr ). Der SAC plant, im Laufe des 2011 eine Umfrage zur Freiwilligenarbeit durchzuführen.

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