Faszination Everest. Das goldene Jubiläum und seine Konsequenzen

Faszination Everest

Vor 50 Jahren, am 29. Mai 1953, standen Edmund Hillary und Tenzing Norgay Sherpa auf dem Gipfel des Mount Everest, 8850 m. 1 Sie waren mit Sicherheit die ersten Menschen, die den Gipfel des höchsten Berges der Welt erreichten und auch wieder heil und gesund zurückgekommen sind.

Jesuiten und Kapuziner, die auf ihren Reisen Tibet besuchten, haben bereits im 17. und 18. Jahrhundert einen mons stu-pendae celistudinis ( einen Berg von Staunen erregender Höhe ) beobachtet. Französische Landkarten von 1733 zeigten sogar schon den Eintrag « Tchoumou Lancma ». Dies ist insofern erstaunlich, als der Name « Chomolongma » 2 erst durch die ersten britischen Expeditionen wieder « entdeckt » wurde.

Die Briten nannten den Berg zunächst « Peak XV » und vermassen ihn von der Gangesebene aus, da ihnen der Zugang nach Nepal und Tibet verwehrt blieb. Diese Peilungen ergaben eine Höhe von 8846 Metern. Sir Andrew Waugh, der damalige Leiter des Survey of India, machte den Vorschlag, den höchsten Berg der Welt « Mount Everest » zu nennen, zu Ehren seines Vorgängers Sir Charles Everest. Dieser Name setzte sich international durch.

Erste Besteigungsversuche Es mag unglaublich klingen, aber der Everest war trotz seiner Höhe der erste Achttausender, auf den ernsthafte Be-

1 Dies ist die neue offizielle Höhe des Berges, welche durch Laservermessung ermittelt wurde. Lange Zeit wurden 8848 Meter als die korrekte Höhe angenommen. 2 « Göttin, Mutter des Landes », tibetischer Name des Everest. Die Nepali nennen den Berg « Sagarmatha », ein Name aus dem Sanskrit, der sowohl « Kopf über den Wolken » als auch « Mutter des Ozeans » bedeuten kann.

steigungsversuche unternommen wurden! Bereits 1921 begann die grosse Zeit der Everest-Expeditionen. Militärisch organisierte Gruppen der Engländer durften in Tibet einreisen. Berühmt sind vor allem die Versuche von 1922 und 1924. Während 1922 Geoffrey Bruce 8320 Meter erreichte und John Noel beim Anstieg auf den Nordsattel mit einer 45 Kilogramm schweren Kamera Schwarzweissplatten belichtete, deren Abzüge er nachträglich von Hand kolorierte, starteten am 3. Juni 1924 George Leigh Mallory und Andrew Irvine zu jenem legendären Besteigungsversuch, von dem sie nie zurückkehrten. Die Leiche Mallorys wurde vor wenigen Jahren gefunden, Aufschlüsse darüber, ob die beiden den Gipfel erreicht hatten, fehlen jedoch.

Somit war der Versuch von Edward Felix Norton, der auf der Nordseite ohne Flaschensauerstoff bis auf 8580 Meter kam, der absolute Höhenrekord, der erst 1952 durch die Schweizer gebrochen wurde. Weitere Versuche in den Dreissigerjahren, ebenfalls an der tibetischen Flanke, führten auch nicht zum gewünschten Ziel. Aber: 1935 war ein sehr junger Sherpa zum ersten Mal an jenem Berg, der schliesslich « sein » Berg werden sollte: Tenzing Norgay. Die Erstbesteigung war schliesslich seine siebte Fahrt zum Everest.

Schweizer Intermezzo, britischer Erfolg Nach dem 2. Weltkrieg kam das britische Monopol auf den Berg arg ins Wanken. Schweizer Expeditionen unternahmen 1952 zwei Versuche von Nepal aus, das sich inzwischen geöffnet hatte. Diese brachten wichtige Erkenntnisse über die Routenführung. Ein Jahr später, also genau vor fünfzig Jahren, waren es aber die Engländer, die es erneut wagten. Einer vorzüglich organisierten Gruppe unter John Hunt gelang die Erstbesteigung. Die berühmte Gipfelseilschaft bestand aus dem Neuseeländer Edmund Hillary und Tenzing Norgay. Für das Selbstverständnis des Sherpavolkes war es ungemein wichtig, dass einem der ihren diese unvergessliche Leistung gelungen war.

Der Mount Everest, 8850 m, von Westen. Im Winter zeigt er ein vorwiegend schwarzes Felsen-kleid. In den Sommermonaten während des Monsuns präsentiert er sich dagegen in Weiss. Die « ewige » Kondenswolke am Gipfelgrat ist ein typisches Merkmal des Berges. Links des Gipfels ist die tibetische Nordflanke zu sehen, die von den Engländern mehrmals in Angriff genommen wurde. Rechts erkennt man den Südgipfel und die Aufstiegslinie der Normalroute ( Kala Pattar/Khumbu, Nepal ).

Fo to :B er nh ar d Ru dolf Ba nz ha f DIE ALPEN 5/2003 3 Die Geschichte der Erstbesteigung ist beschrieben in John Hunt: Mount Everest, Kampf und Sieg, Wien 1954. 4 John Krakauer: In eisigen Höhen, München 1997 und Anatoli Boukreev: Der Gipfel, München 1998.

Hillary und Tenzing erreichten den Gipfel bei besten Bedingungen und nach einem Zwischenlager auf dem Südgrat am 29. Mai 1953 gegen 11.30 Uhr vormittags. 3

Mythos Everest Als die Briten nach Namche Bazar abstiegen, warfen die Sherpas ihrem Landsmann Tenzing vor, er hätte mit der Erstbesteigung den einträglichen Expeditionstourismus beendet. Niemand glaubte allen Ernstes daran, dass nun noch jemand ein Interesse haben könnte, den Berg zu besteigen. Dass dem nicht so war, wissen wir heute, denn das Epos des Everest begann eigentlich erst mit der Erstbesteigung. Und nicht nur Bergsteiger kamen, sondern zunehmend auch eine andere Art von Touristen, die einer neuen Spielart des Alpinismus frönten: dem Trekking. Es wurde nämlich Mode, auf den Spuren der grossen Expeditionen ins Basislager zu wandern. Sukzessiv entwickelte sich der Everest auch zu einem Mythos. Die spannende und erfolgreiche Geschichte seiner Erschliessung bewegte viele Menschen, die danach trachteten, es Hillary und Tenzing gleichzutun. Der Everest begann die Menschen zu faszinieren. Sanfter Tourismus, kommerzieller Ansturm Die Entwicklung ging zunächst nur zögernd voran. Die Nepali waren sich nicht so sicher, ob ihr Land wirklich für die Fremden attraktiv genug sei. In Tibet kam vorerst jeglicher Fortschritt mit dem Einmarsch der Roten Armee in Lhasa zum Erliegen. So bewegten sich die Touristenzahlen noch in überschau-barem Rahmen. Doch ein verändertes sozio-ökonomisches Umfeld im Westen und der Wunsch vieler, ein ursprüngliches, nicht erschlossenes Berggebiet zu besuchen, führte in den Siebziger- und Achtzigerjahren zu einem sprunghaften Anstieg der Besucher. Diese Epoche steht auch für das Ende der nationalen, meist militärisch organisierten Expeditionen, welche vor allem den Auftrag hatten, die

Namche Bazar ist und bleibt das Drehkreuz der Expeditionen zum Everest. Das Dorf ist enorm gewachsen, Wellblechdächer herrschen vor, auf den ehemaligen Gerste- und Kartoffelfeldern stehen Zelte von Touristen und Bergsteigern ( Namche Bazar/Khumbu, Nepal ). Viele Dörfer verdanken ihre Existenz der Tatsache, dass die grossen Expeditionen hier vorbeigekommen sind. Diese Wege sind heute als Trekkingrouten bekannt ( Shivalaya, Nepal ).

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Fahne ihres Landes auf den Gipfel des höchsten Berges zu pflanzen. Auch waren alle nur denkbaren Routen am Berg begangen worden, man flog mit Gleit-schirmen vom Gipfel hinunter und kurvte mit Ski und Snowboards auf seinen Hängen. Es war nicht mehr unbedingt eine Sensation, wenn man den Gipfel erreichte, aber es war eine, wenn man die Besteigung mit einem Rekord krönte, ohne Flaschensauerstoff oder allein ging, der jüngste oder älteste Bergsteiger war oder den Berg in einer fabelhaften Zeit oder gar mehrere Male eroberte. Fortan waren zunehmend international zusammengewürfelte Gruppen zu beobachten, deren Veranstalter sich kommerziellen Interessen verpflichteten. Der Everest wurde käuflich. Die Zahl dieser Gruppen stieg jedes Jahr enorm an, was die nepalesische Regierung veranlasste, die Bewilligungsgebühren drastisch zu erhöhen. Heute zahlt man in Nepal für die Bewilligung pro Teilnehmer zehntausend Dollar. Trotz diesen exorbitanten Gebühren fanden sich in der Folge immer mehr Alpinisten ein, um die Sagarmatha, wie die Nepali den Everest nennen, zu besuchen. Zudem lockerten die Chinesen die Bestimmungen für Tibet. Es wurde nun auch wieder möglich, den Berg auf Mallorys Spuren zu besteigen. Heute kommt es vor, dass an einem einzigen günstigen Tag über fünfzig Alpinisten den Gipfel erreichen.

Alpinistische Konsequenzen Dieser zunehmende Andrang führt zu grotesken und auch sehr bedenklichen Situationen am Berg. Während Reini-gungsexpeditionen versuchen, das Basislager einigermassen sauber zu halten, den Sherpas Belohnungen zahlen für jede leere Sauerstoffflasche, die sie vom Südsattel, der höchstgelegenen Ab-falldeponie der Welt, zurückbringen, kommt es im Mai 1996 zu einer fürchterlichen Katastrophe. Zwei sich konkurrierende Expeditionen mit Teilnehmern, die bereits bis an ihre Leistungsgrenzen beansprucht sind, geraten am Gipfelgrat in einen Schlechtwettereinbruch. Sibirische Winde verschärfen die Situation innert Minuten. Die traurige Folge sind elf Tote und ein beispielloses Chaos beim Rückzug der restlichen Teilnehmer. Diese aufwühlende Geschichte wurde zum Welt-bestseller. 4 Das Problem der Verschmutzung des Everest wurde zunehmend erkannt. Expeditionen unternahmen vermehrt Anstrengungen, diese einzudämmen. Das Problem der Leichen bleibt jedoch ungelöst. Dutzende von leblosen Körpern gehören leider zum Bild auf den Anstiegsrouten.

Die Nutzung der Wege hat auch Folgen. Hier ist angesichts des Tramserku ein erodierter Pfad zu sehen, der zum Everest führt ( Syam-poche/Khumbu, Nepal ). Die Fremden brachten nicht nur Unrat und Unrast, sondern auch die Erkenntnis, dass die Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften sind. Hier eine erfolgreiche Aufforstung von Tränenkiefern ( Junbesi/Solu-khumbu, Nepal ).

Die ursprünglichen agrarischen Tätigkeiten wie Anbau von Gerste und Hirse ( im Bild ) wurden durch den Expeditions- und Trekkingtourismus teilweise verdrängt ( Kenja/Lamjura, Nepal ).

DIE ALPEN 5/2003 5 Zu dieser Thematik siehe auch Sanjay Kumar Nepal, Thomas Kohler, Bernhard Rudolf Banzhaf: Great Himalaya – Tourism and the Dynamics of Change in Nepal, Schweiz. Stiftung für Alpine Forschung, Zürich 2002.

Nutzniesser sind auch die Sherpas Die grössten Nutzniesser dieses Expedi-tions- und Trekkingtourismus zum Everest sind die Sherpas. Dieses rege und unternehmerische Volk, einst Bauern, Händler und Viehzüchter, hat sich völlig auf die mit dem Bergsteigen verbundenen Dienstleistungen spezialisiert. Sie investierten in Hotels, Lodges, Restaurants, Läden, Trekkingagenturen und Reisebüros, betätigen sich als Führer und Träger zwischen den Höhenlagern, vermieten Yaks, Zopkyos und andere Tragtiere. 5 Sie konnten Gewinn schlagen aus der Tatsache, dass der höchste Berg der Welt in ihrem Distrikt steht. Mit Recht, wie es scheint, denn kaum eine Expedition hätte ohne die Sherpas Erfolg gehabt. Sie hatten mit Hillary einen Mann an ihrer Seite, der sich in den letzten fünfzig Jahren für Entwicklungsprojekte im Sherpaland stark gemacht hat. Und sie ziehen Nutzen aus der anhaltenden Faszination, die der Everest immer noch ausstrahlt. a

Bernhard Rudolf Banzhaf, Saas Fee Der zunehmende Bergtourismus führte eher zu einer intensiveren Pflege der religiösen Kultur. Auf dem Weg zum Everest sind viele neue Gebetssteine zu bewundern ( Phakdingma/ Pharag, Nepal ).

Füttern einer Bergdohle. Die Everest-Westschulter und der Mount Everest, 8850 m, beherrschen das Panorama ( Kala Pattar/Khumbu, Nepal ).

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