Feuchtgebiete in den Bergen. Seltene und reiche Flora und Fauna

Feuchtgebiete in den Bergen

Im Gegensatz zum Flachland, wo die Feuchtgebiete im letzten Jahrhundert durch menschliche Tätigkeiten grösstenteils verschwunden sind, finden sich in den Bergen Seen, Teiche und Sümpfe noch in schöner Reichhaltigkeit. Wer dort respektvoll und mit offenen Augen wandert, entdeckt einen grossen Reichtum der Natur. Zum Ende des Jahrs des Wassers schlagen wir eine Wanderung in die Gefilde von Wollgras, Wasseramsel und Frosch vor.

In den Bergen sind die Seen und Teiche bis heute weit gehend erhalten geblieben. In alten Gletschermulden oder zwischen Schutthalden und Moränen haben sich kleine Seen gebildet, die von Grundwasser und von Rinnsalen aus den Felswänden rundherum gespeist werden.

Tiefe Seen und kleine Tümpel Ein See ist ein Gewässer, dessen Grund so tief ist, dass das Licht nicht hinkommt und dort keine Pflanzen wachsen können. In unseren Breitengraden gedeihen Pflanzen in Gewässern bis auf eine Höhe von 2400 m. Weiter oben ist das Wasser zu kalt. Die Vegetation in den Bergseen unterscheidet sich von jener in den Flachlandseen. In der Höhe dominieren verschiedene Hahnenfussarten, Laich-kräuter und Igelkolben mit ihren Blättern über und unter Wasser. Die typischsten Pflanzen sind aber die verschiedenen Wollgräser mit ihren weissen Blüten-köpfen, die an Baumwolle erinnern. In einem Teich ist die Vegetation dichter als in einem See, weil das Licht bis auf den Grund reicht. Im Lauf der Zeit verlandet ein Teich und verwandelt sich durch die Ablagerung von Sedimenten und Pflan-zenresten in ein Moor. Vielfältige Moorvegetation Die vielfältige Vegetation des Flachmoors ist von Seggen ( « Riedgräsern » ) dominiert. Gewisse Typen von Flachmooren beherbergen auch Orchideen, zum Beispiel das Fleischrote Knabenkraut, das in höheren Lagen vom Breitblättrigen Knabenkraut abgelöst wird. Bemerkenswert sind auch die schöne Mehlprimel mit ihren rosa Blättern, der seltene Lungen-Enzian und das Fettblatt, eine « Fleisch fressende » Pflanze, deren Blätter Insekten anziehen, die kleben bleiben und verdaut werden.

Die Torf- oder Hochmoore unterscheiden sich von den Flachmooren durch ihre leicht nach oben gewölbte Oberfläche. Es handelt sich um Anhäufungen von Torf in Mulden auf undurch-lässigem Fels oder Ton. Die wie ein Schwamm wirkenden Torfmoose ( Sphagnum-Arten ) spielen die entscheidende Rolle, indem sie das Regenwasser speichern, von dem ein Hochmoor lebt. Torfmoore bilden auch den Lebensraum für mehrere besondere und teilweise seltene Pflanzen aus der Verwandtschaft der Heidelbeere ( Ericaceen ), die ganz besonders an die dortigen Lebensbedingungen angepasst sind. Auch der Fieberklee weist auf torfigen Boden hin. Zu den Feuchtgebieten sind nicht nur Seen, Teiche und Moore zu zählen, sondern auch wilde Bergbäche mit ihren üppig bewachsenen Ufern, Suonen ( Bissen ) und die Quellen, welche die Hangmoore speisen.

Gut sichtbare Amphibien Der Wanderer wird kaum dazu kommen, in den Flüssen und Bergseen Fische zu beobachten, obschon Bachforellen – meist von Fischern ausgesetzt –, Elritzen und Bachsaiblinge bis auf 2800 m Höhe vorkommen. Leichter zu beobachten sind die Lurche ( Amphibien ). Die in den Mooren und Teichen am häufigsten vorkommenden Arten sind die Erdkröte und der Grasfrosch. Obwohl es sich dabei um zwei verschiedene Gattungen handelt, sind die Tiere manchmal beim ungewöhnlichen Liebesspiel zu beobachten. Dies ist durch die Versessenheit der Krötenmännchen, sich irgendwo anzuklammern, zu erklären. Diese sonst kaum hörbaren Tiere können im Frühling mit ihren Paarungsrufen einen riesigen Lärm veranstalten. Laichklumpen von Fröschen, Laichschnüre von Kröten und später Schwärme von Kaulquappen aller Metamorphosestadien zeugen von ihrer Anwesenheit. Kalte Teiche und Tümpel ziehen auch den Bergmolch an, dessen Männchen an der knallorangefarbigen Bauchfärbung zu erkennen ist. Im Frühling erträgt er das eisige Wasser der noch halb gefrorenen Teiche bis auf eine Höhe von über 2000 m. Bei den Balzspielen fächelt das Männchen mit dem nach vorn gekrümm-

Wasserfall im Unterwallis. Feuchtgebiete in den Bergen sind nicht nur von der Warte des Naturschutzes aus wertvoll, sondern haben auch einen poetischen Aspekt.

See im Chablais auf 2000 m, im Mai. Trotz Schnee- und Eisresten wimmelt es bereits von Frosch- und Kröten-laichen.

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Ale xa nd re Sc he ur er Bergbach im Val d' Illiez, wort-wörtlich « Tal des Wassers ». Im Vordergrund Sumpfdotter-blumen, die im Feuchtgebiet prächtig gedeihen Kleiner See im Unterwallis mit smaragd-farbenem Wasser Torfiger Teich im Unterwallis; im Vordergrund Fieberklee DIE ALPEN 11/2003

ten Schwanz dem Weibchen seinen Geruch zu. Den verwandten, rundum schwarzen Alpensalamander bekommt man seltener zu Gesicht, da er nachtaktiv ist. Bei regnerischem Wetter bewegt er sich aber auch tagsüber in seinem Territorium. Er gleicht dann einem schwarz glänzenden Reptil, das sich unglaublich langsam und ungeschickt bewegt.

Die « geflügelte Welt » Die Luft über einem Tümpel ist bis auf eine Höhe von 2500 m von Libellen, z.B. der Torf-Mosaikjungfer, belebt. Den Frühling verbringen die räuberischen Larven im Wasser mit dem Bergmolch zusammen. Ihre Umwandlung zum ge-flügelten Insekt erfolgt später ausserhalb des Wassers. Auch besondere Schmetterlinge gehören zu den Feuchtgebieten, wie zum Beispiel der seltene Hochmoor-Gelbling, der die alpinen Torfmoore bevölkert, der Alpenapollo, der den Be-wimperten Steinbrech an den Bächen als Raupenfutterpflanze aufsucht, oder der Violette Silberfalter, der in Feuchtwiesen mit Wiesenknopf zu Hause ist.

Naturgemäss leben in den Feuchtgebieten der Berge weniger Wasservogel-arten als im Mittelland. Aber man stösst dennoch auf mehrere typische Arten. Am bekanntesten sind Stockente und Blässhuhn, die bis 1800 m in kleinen Seen oder in winzigen Tümpeln mit Vegetation brüten können. Die klaren Fliessgewässer sind die Heimat der Wasseramsel. Dieser sonderbare braune Vogel mit seiner weissen Brust taucht in den Bächen nach Nahrung, die aus Insektenlarven und anderen wirbellosen Wassertieren besteht. Zu seiner anatomischen Anpassung gehört eine Membran, die ihm unter Wasser die Augen bedeckt. Einige Wasseramseln verlassen im Winter das Gebirge, andere nicht. Ein weiterer Vogel, der die Bergbäche belebt, ist die Gebirgsstelze.

Ein Äquivalent zur Wasseramsel unter den Säugern ist die Wasserspitz-maus 1, eines der kleinsten Säugetiere

1 Davon gibt es zwei Arten, aber sie sind kaum voneinander zu unterscheiden.

Bergbach im Walliser Chablais mit seiner üppigen Vegetation Männchen des Bergmolchs mit seinem knallorange-farbigen Bauch, im Gebirge über Martigny Grasfrosch auf festem Boden. Diese Tiere können sich über weite Distanzen ausserhalb des Wassers bewegen. Torf-Mosaikjungfer kurz nach der Metamorphose. Unten im Bild sieht man die Hülle, in der sie als räuberische Larve im Wasser gelebt hat. Einige dieser Tiere pflanzen sich auf einer Höhe von über 2700 m fort.

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Ale xa nd re Sc he ur er DIE ALPEN 11/2003

Europas. Aber während die Wasseramsel leicht zu beobachten ist und ihr spitzer Schrei gehört werden kann, ist die Was-serspitzmaus wie ein Phantom, das man etwa so selten zu Gesicht bekommt wie den Luchs.

In den Bergen bekommt der Ornithologe auch seltenere Wasservögel zu Gesicht. Bis vor kurzem kam es kaum vor, dass man beispielsweise im Val de Bagnes einem Graureiher begegnete. Aber jetzt sieht man sie dort sogar im Winter. Der Vogel wird durch die in den Gewässern ausgesetzten Fische angelockt. Die Ufer der Bergseen bis 2500 m ziehen oft auch wenig bekannte Gäste auf der Durchreise an: Stelzvögel ( Limikolen ), Wasser- oder Strandläufer, die auf dem Weg von Nord nach Süd im Herbst oder auf der Rückreise im Frühling dort Halt machen. Schliesslich lebt auf einigen alpinen Seen und Teichen mit üppiger Vegetation der Zwergtaucher, dessen Ruf an ein spöttisches Lachen erinnert. Alter Aberglaube Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die Volkskultur. Die Fauna der Feuchtgebiete hat eine ganze Reihe von Sagen inspiriert. An den Bergseen soll früher der Drache, ein fantastisches, schlangenähnliches Tier, sein Unwesen getrieben haben. Man kennt auch das Unheil bringende Bild der Kröte, deren Gift ebenso tödlich sein soll wie jenes des Feuersalamanders. Schon ihr Anblick konnte angeblich Unglück bringen. Sogar die schöne Libelle hatte den Ruf, mit einem tödlichen Stachel die Augen des Menschen zu zerstören. a

Alexandre Scheurer, Martigny ( ü ) Ein mit Tau bedeckter Natter-wurz-Perlmutterfalter. Diese Art lebt in feuchten Wiesen und Weiden mit dichter Bewachsung ( Walliser Chablais ).

Der Rotschenkel ist einer der kleinen Stelzvögel, die man am ehesten in den Bergen antreffen kann. Trotzdem sind diese Vögel selten. Bach im Mittelwallis, dessen Ufer mit Wollgras bewachsen ist DIE ALPEN 11/2003

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