Gletschertische, Mittelmoränen und eingepackte Gletscher. Überstrahlungs- und wärmebedingte Eisver-änderungen

Gletschertische, Mittelmoränen und eingepackte Gletscher

Wer auf den Gletschern in den Schweizer Alpen unterwegs ist, kennt die Felsblöcke und Steinplatten, die auf einem Eissockel lagern und als so genannte Gletschertische bezeichnet werden. Was verbirgt sich alles hinter diesem Phänomen, und was haben diese mit eingepackten Gletschern gemeinsam?

Auf der Eisoberfläche entstehen verschiedene charakteristische Formen durch Ablation, das heisst den durch die Einstrahlung und Warmluftzufuhr bedingten Abbau von Schnee, Firn und Eis beim Schmelzen und Verdunsten. Vor allem auf gut ausgeaperten Gletscherzungen finden sich interessante Ablations-formen. Sie entstehen durch ( kleinräumige ) Unterschiede der Ablationsbedin-gungen. Man unterscheidet zwischen bedeckter und freier Ablation, je nachdem ob solche Phänomene mit oder ohne Auflagerungen von Fremdkörpern entstehen.

Gesteinsblöcke, Schutt oder Sand stellen natürliche Fremdkörper dar. Je nach Mächtigkeit und Ausdehnung der auflagernden Körper bilden sich Hohl- oder Vollformen. Kleinere Einzelkörper, aber auch dünne Sedimentlagen erwärmen sich durch die Sonneneinstrahlung infolge der von Schnee oder Eis verschiedenen Albedo 1 und spezifischen Wärmeleitfähigkeit stärker als das sie umgebende Eis und sinken in die Unterlage ein. Mächtigere Körper dagegen wirken als Strahlungsschutz für die Unterlage, sodass die freien Schnee- und Eisober-flächen der Umgebung rascher abschmelzen.

Eine sich im Frühling 1938 auf der Oberfläche befindende Steinplatte liegt im Sommer auf einem Eissockel als Gletschertisch.

Schliesslich kommt sie auf der Oberfläche zum Stillstand.

Im folgenden Sommer ist erneut ein Gletschertisch entstanden.

Diese Steinplatte gleitet gegen Süden ab. Gletschertische sind eine der bekanntesten Formen des durch Einstrahlung und Warmluftzufuhr bedingten Abbaus von Schnee, Firn und Eis. Sie unterliegen einem ständigen, periodischen Entstehungs- und Zer-störungszyklus.

Fotos: Reto Florin 1 Die Albedo, von lat. albidus, weiss, ist ein Mass für das Rückstrahlvermögen einer Oberfläche. So haben glatte Oberflächen wie Wasser, Sand oder Schnee einen relativ hohen Anteil spiegelnder Reflexion.

Gletschertische fliessen mit

Die bekanntesten derartigen Ablations-formen sind die Gletschertische, deren Eissockel durch eine überlagernde Ge-steinsplatte vor der Sonneneinstrahlung geschützt wird. Sie erreichen mitunter beträchtliche und spektakuläre Höhen, was neben der Grösse der Steinplatte und den klimabedingten Ablationsbeträ-gen auch vom Sonnenstand abhängt – in den hohen Breitengraden tritt dieses Phänomen nicht auf. Sie unterliegen einem ständigen, periodischen Entste-hungs- und Zerstörungszyklus: Ab einer gewissen Höhe, vom Einfallswinkel der Sonne abhängig, beginnt das einstrah-lungsbedingte einseitige Abschmelzen des Fusses, und die Deckplatte neigt sich in Richtung der Sonne, bis sie schliesslich seitlich abrutscht und der Prozess von vorne beginnen kann. Ein Gletschertisch oder genauer der schützende Ge-steinsblock wird im Zehrgebiet wie ein Boot auf der Oberfläche des Gletschers mitgetragen. Indem man diese Bewegung verfolgt, lassen sich auch Rückschlüsse auf die Fliessgeschwindigkeit des Eises ziehen.

Pyramiden auf eisiger Unterlage

Eine verwandte Erscheinung sind die in den Schweizer Alpen ebenfalls häufig anzutreffenden als Sand- oder Ablations-kegel bezeichneten Pyramiden. Oft reichen schon wenige Millimeter Sand für deren Entstehen aus. Das Bedeckungs-material wird in diesem Fall vom Schmelzwasser an der Oberfläche zusammengetragen und in kleineren Übertiefungen deponiert. Versiegt das Schmelzwasser oder ändert es seinen Lauf, beginnt der Kegel langsam aus der Oberfläche zu wachsen. Wenn der schützende Sand nicht mehr ausreicht, um den Kegel durchgehend abzudecken, oder wenn die Flanken zu steil werden und der Sand abgleitet, bilden sich Eisklippen, und die Pyramide schmilzt wieder in sich zusammen.

Von Mittelmoränen, Mittagslöchern und Penitentes

Wenn es sich nicht nur um Sand, sondern um eine durchgehende Schuttbedeckung handelt, sind die Auswirkungen ähnlich. Diese ist verantwortlich, dass Mittelmoränen die restliche Gletscher-oberfläche um mehrere Meter überragen können. In den meisten Fällen beschränkt sich die Schuttbedeckung auf einige Zentimeter bis Dezimeter, der Kern besteht jedoch aus reinem Eis. Gesteinsmaterial gelangt im Zehrgebiet höchstens durch Spalten einige Meter in den Gletscher hinein. Dieses wird jedoch durch die der Ablation entgegengerich-tete Fliessbewegung des Eises wieder an die Oberfläche befördert.

Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Phänomenen handelt es sich bei den Kryokonit- oder auch Mittagslöchern um Ablationshohlformen. Stauban-sammlungen oder sehr feiner Sand, die die einfallende Sonnenstrahlung stärker absorbieren, schmelzen lotrechte Röhren in die Eisoberfläche. Aufgrund des täglichen Sonnenbogens erhalten diese einen halbkreisförmigen Querschnitt, dessen Ausbuchtung gegen Norden gerichtet ist. Ein weiteres Strahlungsphänomen der selektiven Ablation sind die als Büsserschnee oder Penitentes bezeichneten Schnee- oder Eispyramiden, eine typi- Schmelzwasser hat diese Pyramidenreihe gebildet.

Mannshohe Sandpyramide Schulbuchmässig ausgebildete Mittagslöcher mit halbkreisförmigem Querschnitt sche Erscheinung in den subtropischen oder kontinentalen Hochgebirgen wie den Anden und im Himalaya. Bei diesem Phänomen sind keine Fremdkörper beteiligt. Wärmespeicherung in Vertiefungen der Oberfläche führt zu Schmelze und Verdunstung. Die dadurch frei werdende Feuchtigkeit resublimiert umgehend an der erhöhten Umgebung. Als Folge dieses Prozesses entsteht eine stark zerklüftete Oberflächenschicht.

Eingepackte Gletscher

Schliesslich lässt sich die Ablation auch durch künstliche Bedeckungen der Glet-scheroberfläche beeinflussen. Alpinisten, die ihr Zelt auf dem Gletscher errichten, können bereits nach wenigen Tagen feststellen, dass sie einen grösseren Schritt nehmen müssen, um ins Innere zu gelangen. Das Reduzieren der Ablation für touristische Zwecke hat in den vergangenen Monaten für grosses Aufsehen in den Medien gesorgt. Betreiber von touristischen Einrichtungen haben begonnen, durch gezieltes Abdecken künstliche Bauwerke im oder auf dem Gletscher sowie ausgesetzte Pistenbereiche zu schützen. 2 Dazu werden speziell entwickelte Folien und Vliese, aber auch Sägemehl verwendet. Solche Abdeckexperimente sind jedoch keineswegs neu. So wurde im Hitzesommer 1947 die Oberfläche über der Eisgrotte auf dem Jungfraujoch mit Sägemehl bedeckt. Diese Schicht ist heute in der Grotte als Horizont im Eis noch sichtbar. Und der gegenteilige Effekt scheint bereits in Vergessenheit geraten zu sein: das unlängst weit verbreitet angewendete Aufstreuen von Asche, um die Schmelze von Schnee und Eis zu beschleunigen. a Reto Florin, Chur, und Andreas Bauder,. " " .VAW, ETH Zürich 2 Vgl. Beitrag nebenan Ein Zelt auf der Gletscher-oberfläche schützt das darunterliegende Gletschereis vor dem Schmelzen. Abgedeckte Gletscherteile in Österreich am Ende des Sommers 2004 Foto: Ar chiv VA W/W. Schmid Foto: zvg/A. Fischer, Innsbruck

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