Graubünden 3000. 460 Gipfel in einem halben Jahr?

460 Gipfel in einem halben Jahr?

Emil Inauen hätte gewarnt sein können: Irrsinnig sei dieses Vorhaben, so seine Freunde, ein Ding der Unmöglichkeit, körperlich niemals zu schaffen. Doch er liess sich nicht beirren. Lange hatte er gegrübelt, die Zweifel bekämpft, die Gefahren abgewogen. Und irgendwann den Moment erreicht, wo man mit seltsamer Klarheit weiss: Es geht. Heute, gescheitert, aber nicht geschlagen, denkt er noch immer: « Wir hätten es schaffen können. »

Alle Dreitausender Graubündens wollte Emil Inauen besteigen, einen nach dem anderen, in nur einem halben Jahr. 200 Tage, 460 Gipfel, 700 000 Höhenmeter, alles in allem. « Graubünden 3000 » nannte er sein Projekt, und der grösste Schweizer Kanton leistete damit einen Beitrag zum Internationalen Jahr der Berge 2002. Inzwischen hat sich der Rummel gelegt. Die UNO hat die Bergwelt hinter sich gelassen, das neue Jahr ist dem Süsswasser gewidmet. Inauen aber macht weiter. Er will, er muss es zu Ende bringen. 230 Berge haben er und sein Partner Walter von Ballmoos im vergangenen Sommer bestiegen, genau die Hälfte des Programms.

Ungnädig gesinnter Wettergott Dass es nicht mehr waren, lag vor allem am Wetter. Im Vorfeld hatten sich die beiden Sportler genaue Routen zurechtgelegt, die Berge in Gut- und Schlecht-wetter-Ziele aufgeteilt. 1 Doch der lau-nischste Sommer seit 26 Jahren zwang sie, ständig die Region zu wechseln. Und machte viele ihrer Touren schwierig oder ganz unmöglich. Eisige Winde peitschten mit 120 Stundenkilometern durch ihre Kleidung, dichter Nebel nahm die Sicht, metertiefer Neuschnee hemmte den Schritt. « Wir haben das Wetter unterschätzt », sagt Inauen. « Das andauernde Hin und Her, die vielen Fahrten haben Zeit gekostet. » Bei besseren Bedingungen hätten sie bis zu fünf Gipfel pro Tag besteigen und Gebiet für Gebiet abarbeiten können.

Denn körperlich, so glaubt er, wäre das Projekt zu meistern gewesen. Emil Inauen ist Extremsportler. Er kennt seine Kräfte und weiss, was der Berg seinem Bezwinger abverlangt. « Natürlich hatten wir mit der körperlichen Abnutzung zu kämpfen, in den Knien, den Gelenken », sagt Inauen. « Aber das war nicht das Problem. Eigentlich spielt sich alles im Kopf ab. » Das nämlich ist das Schwierige an einem solchen Projekt: dass kein Ende abzusehen ist. Niemals wird ein grosser Sieg errungen, nur viele kleine. Niemals der sehnlich erwartete Zielpunkt erreicht, sondern Etappe für Etappe im Schneckentempo überwunden. Und an jedem Abend weiss man, dass der nächste Morgen die gleiche Mühsal bringen wird. Abseits des Modetrends An diesen Tagen, wenn der Körper ausgelaugt und der Geist erschöpft war, hat sich Emil Inauen darauf besonnen, warum er dieses « Irrsinnsprojekt » eigentlich begonnen hatte: Damals vor zwei Jahren, als er mit seinen Schlittenhunden Graubünden durchquerte, fielen ihm die vielen Gipfel auf, die er gar nicht kannte. Dreitausender, die in keinem modernen Führer verzeichnet sind und seit Jahrzehnten nicht mehr bestiegen werden. Und er nahm sich vor, sie alle kennen zu lernen.

Im Bergsteigen gibt es wie in anderen Bereichen Modeströmungen: Pflicht-berge mit hohem Imagefaktor, auf deren Gipfeln sich die Alpinisten gegenseitig auf die Füsse treten, und andere, fast völlig vergessene Gipfelziele. « Viele machen die 20, 30 Modetouren und denken, mehr gibt es nicht », meint Inauen. « Dann reisen sie in immer exotischere Länder, obwohl es vor ihrer Haustür noch so viel zu entdecken gäbe. » Auf seinen Touren fand er zerfallene Hütten, marode Gipfelkreuze und Gipfelbücher, deren letzter Eintrag Jahrzehnte zurück-

Unterwegs zu Las Sours und Piz Muragl 1 Vgl. ALPEN 3/2002, S. 38 Fo to :Ga ud en z Da nus er DIE ALPEN 3/2003

liegt. Zahllose seiner Rucksackschnüre hat er geopfert, um die kaputten Kreuze notdürftig zu reparieren.

Was soll das? Das Projekt « Graubünden 3000 » hat seinerzeit für einige Aufregung unter den Alpinisten gesorgt. Wozu soll das gut sein, so fragten sich die Kritiker, einen Gipfel nach dem anderen hinaufzuhet-zen, Woche für Woche, ohne rechts und links zu schauen, ohne sich Zeit zu nehmen für die Schönheit der Natur? Besessene ohne Frage, getrieben nur von der Sucht nach dem Rekord! Die Wahrheit sah anders aus: Emil Inauen und Walter von Ballmoos genossen ihre Wanderungen, fotografierten Enzian und Edelweiss, beobachteten Murmeltiere, Steinböcke und Gämsen. Und auf ihrer Internetseite führten sie Tagebuch über ihre Erlebnisse.

« Wenn wir mit unseren Kräften am Ende waren, stärkte uns die Schönheit dieser Berge », sagt Inauen. Und darum ist das Projekt « Graubünden 3000 » auch nicht gescheitert. Sicher, das sportliche Ziel wurde verfehlt, die selbst gestellte Aufgabe zum Jahr der Berge nicht erfüllt. Aber wer mit Inauen spricht, merkt, dass das alles gar nicht wichtig ist. Er hat sich vorgenommen, alle 460 Dreitausender zu besteigen. Und er wird es tun, ganz gemächlich sich die verbliebenen 230 Gipfel vornehmen, parallel zu seinen neuen Projekten. 2

Seilkameraden « Graubünden 3000 » ist auch die Geschichte einer Partnerschaft: Emil Inauen und Walter von Ballmoos kennen sich von der Bergführerausbildung her, miteinander gearbeitet hatten sie noch nie. « Ich glaube, die meisten Expeditionen dieser Art gehen im Streit auseinander », denkt Inauen. « Weil die Beteiligten normalerweise extreme Menschen sind, die

2 In diesem Jahr etwa bereitet er sich auf seine Teilnahme am härtesten und längsten Hunde-schlittenrennen der Welt vor, dem « Yukon Quest » in Alaska, und dazwischen wird er mit seinem Partner weiter Berge besteigen. 2004 wollen die beiden dann endlich fertig sein.

Bei Fuorcla Crast'Agüzza, nach der Übernachtung in der Marco-e-Rosa-Hütte Fo to s: Ga ud en z Da nus er Auf dem Morteratschgletscher oberhalb Labyrinth Crast'Agüzza DIE ALPEN 3/2003

leicht aneinander geraten. Walter und ich sind uns kein einziges Mal in die Haare geraten. » Den Grossteil der Touren hätte Inauen auch alleine machen können, leichte, schnelle Routen, für die man eigentlich keine Hilfe braucht. Aber für die Motivation war es wichtig, zu zweit zu sein. Und am Berg Nummer 226 hat sein Partner vielleicht sogar Inauens Leben gerettet.

225 Berge lang war alles gut gegangen. Dann, am 14. September, stiegen die beiden über den brüchigen Nordwest-Grat des Piz Linards Richtung Piz Sagliains ab. « Wir wussten, dass der Grat gefährlich ist », erzählt Inauen. « Aber wir wollten unbedingt auch noch den zweiten Gipfel machen. » Inauen hat Respekt vor den Bergen, das hat er von früh auf gelernt. Und als Bergführer hat er selber nicht wenige Lawinenopfer aus dem Schnee gegraben. Einmal, vor acht Jahren, stürzte er ab und verletzte sich am Halswirbel. Er war lange halb gelähmt und dachte schon, es wäre vorbei mit dem Klettern.

Am Piz Linard war zunächst alles ganz einfach. Die ersten 350 Höhenmeter am Grat brachten die Bergsteiger schnell hinter sich. Inauen ging am Seil voraus, von Ballmoos etwa 35 Meter über ihm. Dann löste sich ein Steinschlag. Die Felsbrocken trafen Inauen an Kopf, Schulter, Hand und Knie und schleuderten ihn den Grat hinunter. Als von Ballmoos den Verletzten endlich sichtete, seilte er sich zu ihm ab und rief per Funk um Hilfe. Fast einen Monat lang musste Inauen sich zu Hause auskurieren. Und dann hat er weitergemacht. Natürlich. Immerhin drei Berge konnte Emil Inauen im vergangenen Jahr noch schaffen, bevor der Winter kam. Er wird es zu Ende bringen. « Graubünden 3000 »: 460 Berge, zwei Männer und ein Ziel – sie alle zu bezwingen. a

Johannes Strempel, Berlin Fo to s:

Ga ud en z Da nus er Im Aufstieg von Las Sours über Pontresina Aufstieg zum Piz Argient, im Hintergrund die Bernina Am Piz Segnas. Die Spalten werden immer grösser.

Auf dem Weg zum Glarner und Bündner Vorab. Es geht direkt hinab nach Elm.

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