Höhepunkt für Skialpinisten: Blick hinter die Kulissen der Patrouille des Glaciers

Ivo Burgener heisst der neue Kommandant der Patrouille des Glaciers. Er hat einen Anlass zu organisieren, der inzwischen zu den grössten Sportereignissen der Schweiz gehört. Rund 1600 Soldaten und Freiwillige sind im Einsatz, wenn 4200 Skialpinisten in 1400 Dreier-patrouillen um die schnellste Zeit kämpfen.

«Die Patrouille löst bei mir Emotionen aus», sagt der neue Kommandant der Patrouille des Glaciers ( PDG ). «Die Patrouille, das ist nicht einfach ein Skitourenrennen. Sie ist Legende und Mythos in einem.» Und legendär beginnt sie jeweils auch. Während bei anderen Sportanlässen schlicht der Startschuss fällt, beginnt die Patrouille des Glaciers schon am Abend vor dem Rennen in der Dorfkirche von Zermatt. In den zum Bersten vollen Rängen warten Teilnehmer, Armeeangehörige und Bundesrat auf den Entscheid des PDG-Kommandanten: Kann die Patrouille stattfinden oder nicht, lautet die bange Frage. Die Antwort hängt vom Wetter und von den Schneeverhältnissen, aber auch von der Gründlichkeit der Vorbereitungen ab. Ivo Burgener überlässt nichts dem Zufall, dementsprechend eng ist in diesen Tagen sein Programm. Am Morgen noch in Bern, hat er im Café Fédéral einen Produzenten der Fernsehsendung «Schweiz aktuell» getroffen. Er ist zufrieden: «Es war ein erstes Treffen, um zu sehen, welche Beiträge im Fernsehen gesendet werden könnten. Die Patrouille ist ein militärischer Anlass, das wurde bis jetzt vor allem in der Deutschschweiz zu wenig wahrgenommen. Hier kann die Armee ihre Leistungen, etwa die der Gebirgsspezialisten, gut darstellen.» Und schon um halb zehn ist Burgener in St-Maurice im Wallis, wo sich das Sekretariat der PDG befindet. Hier koordiniert er das Rennen mithilfe von 35 Freiwilligen – zum Beispiel den Empfang und die Unterbringung der rund 1600 Soldaten und zivilen Helfer, die teilweise bereits einen Monat vor dem Anlass eintreffen. Vier Mal hat Ivo Burgener als Skialpinist selber an der PDG teilgenommen. «Zwei Mal sind wir in Zermatt, zwei Mal in Arolla gestartet. Einmal hat unsere Patrouille aufgegeben, einmal wurde das Rennen abgebrochen», erzählt Burgener. «Ich weiss nicht mehr, auf welche Ränge wir gelaufen sind, aber wir waren etwa 13 Stunden unterwegs.»

Während er sich als Teilnehmer nur auf sich und das Team konzentrierte, muss er nun die Gefahren für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer abschätzen. «Mir wurde erst jetzt bewusst, wie anspruchsvoll die Strecke eigentlich is », sagt er. Schon Monate vor dem Start des Rennens unternimmt Burgener deshalb mit Bergführern und Lawinenexperten Erkundungstouren auf der Strecke. So auch heute. Nach seinem Abstecher nach St-Maurice trifft er sich am Mittag in Martigny mit dem Chef Sicherheit, Xavier Fournier. Die beiden starten in Verbier. «Ich will mir den zweiten Teil der Strecke nochmals aus der Perspektive des Organisators ansehen», so Ivo Burgener. Der Blick in die Karte reiche ihm nicht. Er wolle zum Beispiel wissen, wie die Gletscher rund um den Rosa-blanche-Gletscher aussehen. «Wichtig für mich ist, dass ich die ganze Strecke verinnerliche», erklärt Burgener. Nur so könne er im Notfall schnelle Entscheidungen treffen. Nach dem Augenschein folgt der Abstieg zur Cabane du Mont-Fort, wo Burgener und Fournier übernachten. Die Idee für die Patrouille des Glaciers entstand während des Zweiten Weltkriegs. Zwei Hauptmänner einer Gebirgsbrigade testeten die Ausdauer ihrer Soldaten, indem sie die Männer in Dreierpatrouillen von Zermatt nach Verbier um die schnellste Zeit laufen liessen. Die erste offizielle Austragung der PDG fand 1943 statt. Bei der dritten, 1949, stürzten drei Männer in eine Gletscherspalte und konnten erst acht Tage später tot geborgen werden. Das Eidgenössische Militärdepartement verbot daraufhin den Wettkampf. Nach der Neuauflage 1984 mutierte die PDG zum grössten Skitourenrennen der Welt. 2006 mussten erstmals mehrere Starts durchgeführt werden. Auch bei der diesjährigen Ausgabe mussten Hunderte von Dreierteams abgewiesen werden, die Anzahl der Teilnehmenden ist auf 4200 beschränkt. Heute liegt das Budget der Patrouille des Glaciers bei rund sechs Millionen Franken. Den Löwenanteil von rund vier Millionen trägt die Armee. Allerdings zahlt das Departement Maurer diesen Betrag nicht direkt, es sind vor allem Mannstunden und Material, die zur Verfügung gestellt werden. Den Rest teilen sich die Sponsoren, die Austragungsorte und der Kanton Wallis. Dort hat man die Bedeutung der PDG erkannt. «Wenn ich die Patrouille erwähne, gehen sofort alle Türen auf», schwärmt Ivo Burgener von der Zusammenarbeit mit den Walliser Behörden. Wieder von der Gletscherrekognoszierung zurück und bevor er am Samstagabend ins kurze Wochenende reist, ist Burgener zu einer ganz besonderen Veranstaltung geladen: Es ist die jährliche Zusammenkunft der Patrouilleure zur «Choucroute de Verbier», einer Veranstaltung, an die auch die Patrouilleure der ersten PDG im Jahre 1943 eingeladen sind. «Nirgends spürt man den Geist der Patrouille so stark wie hier», erzählt er. Der älteste Teilnehmer sei mittlerweile 91 Jahre alt. Und den Geist der Patrouille will Burgener weitertragen – dann, wenn er am 21. und am 23. April als Kommandant in der Dorfkirche von Zermatt hoffentlich sagen kann: «Die Patrouille findet statt.»

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