«Ich mache nur Dinge, die mir etwas abverlangen». Cédric Lachat zum Leben als Wettkampfkletterer

Cédric Lachat zum Leben als Wettkampfkletterer

« Ich mache nur Dinge, die mir etwas abverlangen »

Wie eine Eidechse klettert Cédric Lachat die Wand hoch. Konzentriert sucht er Griff um Griff. In wenigen Minuten, überhängend und in 20 Metern Höhe, hat er sein Ziel erreicht. Schwierigkeitsgrad dabei: 8 c. Diese Route hat in der Kletterhalle Magnet in Niederwangen bei Bern noch keiner geschafft. Nach einem Training, kurz vor seiner Abreise an die WM in China, nahm sich Cédric Lachat Zeit für ein Gespräch mit den ALPEN.

ALPEN: Du bist der beste Schweizer Wettkampfkletterer. Im letzten Jahr hast du alle nationalen Wettkämpfe gewonnen. Mit 17 warst du bereits Juniorenweltmeister. Gibt man deinen Namen bei einer Inter-netsuchmaschine ein, erscheinen über 500 Einträge. Bist du ein Star?

Cédric Lachat: Ja, vielleicht ( lacht ). Ich mache Wettkämpfe, seit ich zehn Jahre alt bin. Doch der Klettersport ist zu wenig bekannt, um als Star zu gelten. Roger Federer ist ein Star, weil er einen Sport ausübt, den die Massen auch ausüben. Das ist der Unterschied. Für mich ist Klettern einfach mein Beruf.

Sportklettern ist eine Randsportart. Wie schaffst du es, davon zu leben?

Es ist tatsächlich ziemlich hart, vom Wettkampfklettern zu leben. Aber wenn man auf dem Topniveau der Weltmeisterschaften klettert, klappt es nicht schlecht. Ich habe Sponsoren, die mir das Material zur Verfügung stellen und mich auch finanziell unterstützen. Weiter habe ich als Swiss Top Athlete eine wichtige finanzielle Unterstützung von Swiss Olympic. Der Schweizer Alpen-Club ( SAC ) organisiert für mich die Trainings und übernimmt die Wett-kampfspesen sowie einen Teil meiner Autospesen. Wie viel verdienst du denn im Monat? Konkrete Zahlen möchte ich nicht nennen. Aber wie gesagt, nur wer zu den Besten der Welt gehört, kann davon leben. Ich trainiere dafür täglich bis sechs Stunden. Was ich im Durchschnitt verdiene, hängt von den Resultaten ab, die ich liefere. Als Fussballer oder Tennisspieler würdest du wahrscheinlich mehr als das Zehnfache verdienen, selbst wenn du nicht zu den Top-Ten zähltest. Ich klettere nicht des Geldes wegen. Klar, wenn ich mehr Geld verdienen würde, wäre alles einfacher, ich lebe wirklich mit dem Minimum. Im Hintergrund des Klettersportes gibt es keine grosse Geldmaschinerie. Daher wird man mit Klettern nie so viel verdienen wie etwa im Fussball oder im Tennis. Ich klettere, weil es mir Spass macht. Unterstützt deine Familie dich dabei? Ja, sehr. Meine Eltern sind immer für mich da, sie tun alles, um mir zu helfen. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis.

Klettern sie auch?

Meine Mutter nicht. Mein Vater nicht mehr, seit er wegen eines Arbeitsunfalls körperlich behindert ist. Unsere Eltern nahmen mich und meine Geschwister früher oft mit in die Berge. Ich war zehn, als ich zu klettern anfing, und wollte so gut werden wie mein älterer Bruder.

Wie sieht dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders. Ich lasse mich da nicht fixieren. Das funktioniert nicht. Natürlich habe ich meine Trainingsziele, die ich mit dem Cheftrainer der Schweizer Nationalmannschaft, Lukas Iseli, und dem Chef Leistungssport, Hanspeter Sigrist, definiere. Als Mitglied der Schweizer Nationalequipe absolviere ich zudem verschiedene Trainings gemeinsam mit meinen Kameraden. Wie ich meine Ziele erreiche, bestimme aber ich. Manchmal verbringe ich einen ganzen Tag in der Halle, manchmal bin ich nur am Felsen. Ich habe auch keine persönlichen Coachs, die mir zum Beispiel einen Er- Reich wird Cédric Lachat auch als bester Schweizer Wettkampfkletterer nicht, doch er sagt: « Ich klettere nicht des Geldes wegen. » nährungsplan erstellen. Ich verzichte für den Sport auf vieles, gehe nicht auf Partys oder abends aus. Da will ich wenigstens essen, was ich mag.

Du bist der einzige Schweizer Wettkampfkletterer, der auf internationalem Niveau mithalten kann. Warum hat die Schweiz nicht mehr Topkletterer?

Wir sind ein kleines Land. Frankreich zum Beispiel hat einfach mehr Auswahl, weil es grösser ist. Andere Länder wie Österreich investieren mehr Geld in den Sport. In China erhalten die Kletter-sportler vollumfängliche Unterstützung vom Staat. Wir haben zwar viele sehr gute Kletterer, aber kaum grosse Talente. Nur wer früh anfängt, kann später mit den Besten mithalten.

Was ist denn die Faszination des Kletterns?

Klettern ist für mich eine Lebensart. Wie jemand klettert, so ist er auch im Leben. Ich erkenne, was für einen Charakter jemand hat, wenn ich ihm zu-schaue, wie er klettert. Da gibt es jene, die überlegen kurz, riskieren und gewinnen; dann die, die Angst haben, zögern und aufgeben. Gewinner kämpfen weiter; ich bin ein Gewinner. Egal ob Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Schweizer Meisterschaft: Wenn ich mich entscheide mitzumachen, dann, um den Titel zu holen.

Wird dir nie schwindlig?

Manchmal schon, dann hab ich auch Angst. Aber das macht nichts. Das vergeht. Wenn nicht, trainiert man es sich weg, indem man die Route mehrmals macht. Wichtig ist, das Problem zu akzeptieren und anzupacken. Bist du ein Einzelgänger?

Es ist schwierig für mich, etwas an einem Ort aufzubauen. Ich bin viel unterwegs. Aber mir gefällt das. Drei Tage am selben Ort, das halte ich nicht aus. Deswegen bin ich aber nicht isoliert. Ich treffe eine Menge Leute. Gibt es eine Altersgrenze für einen Profikletterer?

Bleibt man gut in Form, kann man es sicher bis 35 machen. Aber es ist schwierig, denn mit 25 fangen die Abnützungserscheinungen schon an. Dann beginnt man zu selektionieren und nimmt nicht mehr an allen Wettkämpfen teil, sondern nur noch an den wichtigen.

Was macht einen guten Kletterer aus? Ein guter Kletterer glaubt an sich selber und gibt nie auf. Was machst du eigentlich, wenn du nicht hoch oben an einer Wand hängst?

Dann bin ich tief unten im Boden ( lacht ). Wir haben viele Höhlen im Jura. Vor ein paar Jahren hab ich mit Freunden begonnen, Höhlen zu erforschen. Höhlenforschung ist dem Klettersport ähnlich: der Umgang mit Seil, Helm und Haken – und beides ist hart. Ich mache nur Dinge, die mir etwas abverlangen. Die Höhlenforschung ist zu meiner Passion geworden. Nebst meiner Ausbildung zum Kletterführer habe ich mit der Ausbildung zum Führer von Höhlenbe-sichtigungen begonnen. Ich hoffe, dass ich damit mein Brot verdienen kann, nach der Karriere.

Es scheint, als ob alle deine Träume in Erfüllung gingen.

Fast. Irgendwann möchte ich noch die Eiger-Nordwand besteigen. a Inter view: Rita Gianelli, Davos « Gewinner kämpfen weiter; ich bin ein Gewinner. » Der Sportler kämpft am Boulderwettkampf in Grindelwald. So wie jemand klettert, so sei er auch im Leben, meint Lachat. Der Kletterer an einem Leadwettkampf in Bern 2008.

Foto: Rita Gianelli Foto: David Schw eiz er Foto: David Schw eiz er

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