Im Biwak am Stromboli. Vulkanbesteigung mit Kindern

Vulkanbesteigung mit Kindern

Im Biwak am Stromboli

Die Liparischen Inseln bieten im Frühling und Herbst ideale Wandermöglichkeiten. Die spektakulärste führt auf den Stromboli, den Vulkan der nördlichsten Insel. Ein besonderes Erlebnis – und nicht nur für Kinder – ist dabei ein Biwak in den Flanken des Vulkans.

Das eine ist, bis zum rauchenden Schlot des Stromboli hochzusteigen, etwas völlig anderes hingegen, auf seinen Flanken zu übernachten. Denn erst nachts wird man Zeuge seines einzigartigen Feuer-spektakels. Den meisten Touristen bleibt dann nur der ferne Blick vom Boot aus, wir aber wollen viel näher sein. Von früheren Aufstiegen wissen wir, dass es in den abschüssigen Hängen nur wenige Biwakplätze gibt – ausser man kennt die Helikopterplattform am alten Aufstiegsweg etwa auf mittlerer Höhe. Sie ist diesmal unser Ziel. Hier in Tropea, am südlichen Zipfel des italienischen Stiefels, sind es nicht die Unwägbarkeiten der Natur, die eine Bergtour erschweren, sondern eher jene der Informationsflüsse. Am schwersten scheint es, herauszufinden, wann und wo die Schiffe von Kalabrien zur Vulkaninsel Stromboli ablegen. Im Touristen-büro in Tropea bekomme ich eine andere Auskunft als von der Fährengesell-schaft « comerci navigazione motonave » im Hafen. Auch fährt unser Schiff nicht vom Strand wie letztes Mal, sondern im Hafen unterhalb der Steilklippen der Stadt, und nicht erst um halb fünf nachmittags, sondern schon am Morgen um sieben. Zum Glück hat Aldo Piccoli, der Vermieter unserer Ferienwohnung und Carabiniere von Beruf, via Handy seine Kontakte spielen lassen und für uns einen Spezialpreis herausgehandelt: zwei Erwachsene und zwei Kinder, Tropea– Stromboli retour am folgenden Tag, für nur 90 Euro.

Biwak erlaubt oder verboten?

Weil der Vulkan relativ unruhig ist, lohnt es sich erst vor Ort, Informationen über die aktuelle Sicherheitslage einzuholen. Doch auch diese können ziemlich widersprüchlich sein. Im Reisebüro bestätigt man uns, dass eine Übernachtung in der Flanke des Vulkans problemlos sei. Doch am « Mare ai Rocca Nettuno », von wo unser Schiff ablegen soll, treffen wir auf eine hier lebende Österreicherin, die überzeugt ist, dass die Übernachtung am Stromboli nicht mehr erlaubt sei. Ihre Aussage wird gestützt von einem zwei Jahre alten, offiziellen Plakat am Hafen. Wir sind enttäuscht. Was jetzt? Unsere Kinder freuen sich seit Monaten darauf, den aktiven Vulkan zu besteigen und an seinen Hängen zu übernachten. Und nun soll dieses Abenteuer nicht möglich sein. Wir beschliessen, die Überfahrt trotzdem anzutreten und uns vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Wäre es wirklich verboten, würde uns schlimmstenfalls ein Carabiniere stoppen.

Schon beim Aussteigen am Hafen grüsst der Stromboli unübersehbar. « Er spricht », sagen die Anwohner, wenn der Vulkan wieder einmal raucht oder rumpelt. Er ragt nur 924 Meter über den Meeresspiegel hinaus, vom Meeresboden aus gerechnet ist er aber an die 2700 Meter hoch.

Praktische Informationen Beste Reisezeit April/Mai, September/Oktober, im Winter zu kalt Überfahrt Schiffverbindungen ab Tropea oder anderen Hafenorten. Wichtig: keine Inselkreuzfahrt buchen, nur die Hin- und Rückfahrt Je nach Wochentag mehrere Boote, ideal ist das 7.45-Uhr-Schiff. Die Überfahrt dauert ca. 1 1 ⁄ 2 bis 2 Std. Von 13 bis 17 Uhr alle Läden auf Stromboli geschlossen Aufstieg 2–3 Std. bis zur Plattform, 4 Std. zum Gipfel. Erst am späteren Nachmit- tag mit dem Aufstieg beginnen, aber Zeit zum Einrichten des Biwaks vor der Dämmerung einrechnen. Wer oben auf den Kraterrand will, muss die Leitung durch die diplomierten Bergführer im Dorf in Anspruch nehmen.

Biwak Campieren ist auf Stromboli nicht erlaubt, auf dem eigentlichen Gipfel zu biwakieren, ist seit einigen Jahren strikt verboten. Einzig auf der Helikopterplattform an der alten Aufstiegsroute wird ein Biwak tole- riert, sofern man keine Spuren hinterlässt und alles wieder mitnimmt, was man hinaufgetragen hat. Dabei Schlafsack und Campingmatte nicht vergessen, der Wind kann heftig blasen. Das Frühstück ratten- sicher wegpacken Weitere Infos www.swisseduc.ch/stromboli/volcano/index-de.html ( d, e, i )

Warten am schwarzen Lavastrand

Kapitän Pippo setzt den Bug seines Mo-torschiffes sachte auf den Sandstrand und lässt die Brücke für die wartenden Touristen herunter. Wir sind die Einzigen mit Wanderschuhen und grossem Gepäck, die anderen reisen in leichter Kleidung, nur die Badeutensilien unter dem Arm. Sie wollen noch am selben Abend wieder retour. Mit seinen 924 m ist der Stromboli nicht sehr hoch, dennoch ist seine gleichmässige Kegelform eine imposante Erscheinung. Als Jüngling unter den Feuerspeiern ist er erst vor etwa 40 000 Jahren aus dem Meer aufgetaucht. Trotz seiner geringen Höhe ist an einen Aufstieg in der Mittagszeit im Sommer nicht zu denken. Die Rucksäcke sind mit Schlafsack, Campingmatte, Proviant und zwei bis drei Litern Wasser pro Person beladen. Nach etwa einer halben Stunde Marsch verbringen wir die heisseste Zeit am schwarzen Sandstrand im Nordwesten des Dorfteils Piscità, hinter dem einzelne Lavazüge ans Meer vorgestossen sind und uns als Schattenspender, Garderobe und Klettergerüst willkommene Dienste leisten. Die Kinder spielen mit Schwemmholz im Sand oder kühlen sich im klaren Wasser ab. Die alte, gepflasterte Strasse schlängelt sich sanft ansteigend den Hang hinauf. Im Sommer lohnt es sich, mit dem Aufstieg bis zum frühen Abend zu warten. Es ist nicht mehr so heiss, und der Wind kühlt zusätzlich.

Olivia darf bei Kapitän Pippo Steuerfrau spielen. Das Schiff wird natürlich während der zweistündigen Überfahrt mit GPS auf Kurs gehalten.

Fotos: Stefan Tolusso Nun begreifen wir aber auch, weshalb die Inselbewohner mit Sandalen von ihrem Liegeplatz zum Wasser gehen: Der schwarze Sand wird in der Sonne unerträglich heiss, unser Gang zu den Wellen gerät zum Eiertanz.

Erst am Nachmittag bergauf

Nicht wie in den Alpen üblich am frühen Morgen, sondern erst etwa um fünf Uhr nachmittags beginnen wir guter Laune unseren Aufstieg. Schnell lassen wir die letzten Häuser hinter uns und durchqueren noch einen Schilfgürtel. Nun sind die dumpfen Explosionen des Vulkans immer deutlicher zu hören. Die äl- Riesige Lavabrocken poltern die « Caldera del Fuoco » hinunter und fliegen bis zu hundert Meter ins Meer hinaus.

Hier ein sogenannter « Zuckerstock ». Die Fontäne ist an die hundert Meter hoch!

Fotos: Stefan Tolusso teren Kinder steigen gespannt den mäandrierenden, sachte ansteigenden Weg hinauf. Fiona, die Jüngste, hat sich bald in meine Obhut begeben und lässt sich von mir an der Hand geführt eine Geschichte erfinden. So merkt sie gar nicht, wie wir an Höhe gewinnen. Im schwachen Licht der Dämmerung richten wir schliesslich unser improvisiertes Lager für die Nacht ein. Die Plattform teilen wir mit einer Familie aus Ungarn.

Nächtliches Feuerwerk

In regelmässigen Abständen rumpelt, zischt und knallt es vom Krater zu uns herunter, manchmal sehen wir Rauch aufsteigen, manchmal auch kleine Lavabrocken durch die Luft fliegen. Die Einheimischen sagen dazu: « Er spricht. » Ob sie ihn auch verstehen? Jedenfalls zeigt der Vulkan seine wirkliche Pracht nur bei Nacht. Mit schwindendem Sonnenlicht wird das Spektakel immer knal-liger. Rot, orange und gelb glüht die Lava durch den Abendhimmel. Wir können uns nicht sattsehen. Aus den Schlafsäcken heraus kann jeder so lange zuschauen, wie er mag. Derweil breitet sich über uns eine weitere Sensation aus: ein Sternenhimmel, so klar, wie man ihn bei uns nur noch selten zu sehen bekommt. Unten auf dem Meer haben sich viele kleine Boote eingefunden, darunter auch ein riesiges Kreuzfahrtschiff. Um kein Geld in der Welt würden wir unsere improvisierte Übernachtung mit dem Luxus einer Schiffkabine tauschen wollen. Am nächsten Morgen, zurück am Strand, geniessen wir eine lange Rast und beobachten mit einer leichten Müdigkeit in den Knochen zufrieden, wie sich um den Krater eine dicke Wolken-suppe zusammenbraut und heftiger Wind aufkommt. Wären wir einen Tag später dran gewesen, wir hätten unser Biwak vergessen und die Nacht in einem Hotelzimmer oder einer der Höhlen am Strand verbringen müssen. a Stefan Tolusso, Willisau Die wahre Pracht entfaltet der Stromboli erst in der Dämmerung und bei Dunkelheit: Gelb, orange und rot sprüht er im Sommer 2006 seine Lava in die Luft.

Grandiose Sicht auf Meer und Vulkan: Im luftigen Biwak hält eine leichte Bise die Mücken fern.

Bücher/Medien

Libri/Media

Livres /Médias

Feedback