Ingenieur, Auswanderer, Parkranger Begegnung mit einem Adelbodner in Kanada

Seit 1972 lebt der Berner Oberländer Chris Zimmermann in Kanada. Die letzten 25 Jahre arbeitete er als Parkranger im Mount Robson Provincial Park. Der 65-Jährige liebt die unberührte Natur seiner neuen Heimat und könnte sich ein Leben in der Schweiz nicht mehr vorstellen.

Der 24 Kilometer lange Berg Lake Trail in British Columbia, Kanada, führt im Halbkreis um einen der schönsten Gipfel Nordamerikas, den 3954 Meter hohen Mount Robson. Vor vier Stunden sind mein Sohn Christian und ich vom Visitor Center am Highway 16 losmarschiert und haben noch niemanden gesehen. Es ist Mitte Mai, neblig und kalt. Vor wenigen Tagen lag hier noch Schnee, der Kinney Lake ist zugefroren.

Die Hängebrücke über den Whitehorn River schwankt unter meinen Schritten. Christian ist bereits auf der anderen Seite, steht neben einem Mann im Überkleid. Beim Näherkommen höre ich urchigen Berner Oberländer Dialekt. Parkranger Chris Zimmermann ist in Adelboden aufgewachsen. Er erneuert hier zurzeit die Hängebrücke. « Ihr seid die Ersten, die in diesem Frühling vorbeikommen », sagt Chris und lädt uns für den Abend zum Tee ein. Seine bescheidene Blockhütte steht gleich neben dem Whitehorn Campground und besteht aus einem einzigen Raum. Die Teerunde wird zu einem interessanten Abend. Chris spricht von seiner Arbeit und davon, wie es kam, dass er vor bald 40 Jahren von Adelboden in die kanadischen Rockies ausgewandert ist.

Sein Interesse an Kanada weckte ein Schweizer namens Hans Furrer. Er lebte in Kanada und arbeitete auch als Parkranger. Die Wintermonate verbrachte er jeweils in der Schweiz und hielt da und dort Diavorträge über seine Kanadaabenteuer. Chris Zimmermann und sein Freund Edi Klopfenstein besuchten solche Veranstaltungen. Die Begeisterung des Erzählers steckt sie an. Das Fernweh nach dem grossen, weiten Land jenseits des Ozeans liess sie nicht mehr los. Die jungen Adelbodner hatten auch in der Schweiz Orte zum Wandern und Klettern gesucht, die möglichst abgelegen und menschenleer waren.

Es blieb nicht bei der Sehnsucht. Der gelernte Fotograf Edi Klopfenstein, Spross des Fotogeschäfts Klopfenstein in Adelboden, wanderte 1970 mit seiner Frau Elisabeth nach Jasper aus. Zwei Jahre später liess er sich als Lokführer bei Canadian National Railway Company ( CN ) ausbilden. Bis zu seiner Pensionierung fuhr er Güterzüge durch die Rockies. Chris folgte seinem Freund zwei Jahre später. In Kanada angekommen, besuchte er zuerst seinen Freund Edi, danach eine Cousine, die schon früher ausgewandert war. Diese unterstützte ihn bei der Erledigung der Formalitäten mit den Einwanderungsbehörden. Es klappte sofort mit der Bewilligung. Als Maschineningenieur und mit dem Englischen in Wort und Schrift vertraut, erfüllte Chris wichtige Voraussetzungen.

Nach fünf Jahren Aufenthalt erhielten er und seine Familie die kanadische Staatsbürgerschaft, auch das recht unbürokratisch: Ein kurzer Kursbesuch und das Beantworten von ein paar Fragen genügten. Die Umtriebe und der Papierkram bei einem Umzug von Biel nach Yverdon seien erheblich komplizierter gewesen, erinnert sich Chris.

Sein beruflicher Werdegang verlief abwechslungsreich. Dabei ging er Jobs in seinem gelernten Beruf als Maschineningenieur tunlichst aus dem Weg, denn um einen solchen auszuüben, hätte er in einer Stadt leben müssen. Und genau das hatte er mit seiner Auswanderung nach Kanada vermeiden wollen. Seine solide Ausbildung, die er in der Schweiz gemacht hatte, war ihm in all den Jahren trotzdem eine wertvolle Basis. Das strukturierte Denken, das allgemeine Fachwissen und die Fähigkeit, Projekte zu planen und zu realisieren, haben ihm gute Dienste geleistet.

Im ersten Winter filmte er Skischüler. Das Filmmaterial diente einer Skischule unter anderem zu Trainingszwecken. Später fertigte er ein paar Jahre für die CN Güterwagen ab, danach arbeitete er als Schreiner. 1985 schliesslich wurde er Parkranger im Mount Robson Provincial Park. Dank seinen beruflichen Voraussetzungen und den vielfältigen Erfahrungen war dazu keine zusätzliche Ausbildung nötig.

Zu seinen Pflichten gehört es, von Frühling bis Herbst den Trail zu unterhalten, die Campingplätze zu kontrollieren, Feuerholz bereitzustellen, Wege auszubessern und Brücken und Geländer instand zu halten oder zu erneuern. Grössere Arbeiten macht er im Frühling und im Herbst, während der Hauptsaison bleibt dafür kaum Zeit. Chris arbeitet jeweils acht Tage am Stück, danach folgen sechs freie Tage. Der Marsch bis zur Whitehorn-Hütte, wo er im Frühling übernachtet, dauert vier Stunden. In der Hauptsaison sind es ein paar Stunden mehr, weil er dann in der Hütte am Berg Lake logiert. Jeden Frühling steht den Parkrangern ein Heliflugtag zu. Dabei werden haltbare Lebensmittel, Werkzeug, Benzin und anderes Material zu den Hütten geflogen. Was nachher noch fehlt, zum Beispiel frische Früchte und Gemüse, tragen die Ranger im Rucksack zu den Hütten.

Chris besitzt in Valemount ein Haus, in dem er mittlerweile alleine wohnt. Im Winter arbeitet er manchmal im Wald oder schreinert in seiner Werkstatt. Jahrelang stellte er Kanus aus Zedernholz her, 23 Stück bisher. In einem solchen Kanustecken rund 100 Stunden Arbeit.

Zu seinen Freizeitvergnügen gehören in den Wintertagen Langlaufen oder lange Skitouren mit Freunden. Im Sommer paddelt er gerne über die Seen der Rockies.

Ans Sich-pensionieren-Lassen denkt der 65-Jährige noch nicht, er fühlt sich fit und möchte noch eine Weile so weitermachen. Für später stellt er sich vor, vielleicht noch zwei oder drei Monate pro Jahr im Park auszuhelfen. In seiner Freizeit würde er dann gerne kleinere Möbel herstellen und hin und wieder ein Kanu bauen. Auch das Fotografieren gehört nach wie vor zu seinen Hobbys. Und ganz wichtig: Einmal pro Monat fährt er zu seinen beiden Töchtern und den vier Enkelkindern nach Calgary. Eine 540 Kilometer lange Reise. Für einen Kanadier nichts Besonderes.

Natürlich interessiert uns, was Chris an Kanada besonders gefällt und ob noch Beziehungen zur Schweiz bestehen. Bei der ersten Frage braucht Chris nicht lange zu überlegen: « Die Wildnis und die unberührte Natur », ist seine spontane Antwort. Ausserhalb des Nationalparks, im Hinterland, gibt es Gebiete, wo noch kaum Menschen waren. Solche Orte aufzusuchen und die Landschaft zu erforschen, das fasziniert ihn noch immer sehr. Er ist gerne mit seinen Freunden aus Jasper unterwegs, da sei immer etwas los, schmunzelt er.

Hin und wieder zieht es Chris in die Schweiz, er besucht Angehörige und Bekannte. Ganz zurückkommen wollte er aber nie. Er führt in seiner jetzigen Heimat ein ausgefülltes, freies Leben ohne Stress. Die Lebenshaltungskosten sind deutlich tiefer als hierzulande. Seine Vorstellungen von einer selbstständigen, eigenverantwortlichen Tätigkeit konnte er verwirklichen. Er ist sein eigener Chef und wird – wie er mit einem Augenzwinkern bemerkt – sogar noch dafür bezahlt, fit zu bleiben.

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