Internationaler Kongress für Gebirgsmedizin in Interlaken

Vom 27. bis 3O. August 1997 bot das Kursaal-Kongresszentrum in Interlaken den passenden Rahmen für den Internationalen Kongress für Gebirgsmedizin. Alles, was im Zusammenhang mit Höhen-, Rettungs- und Gebirgsmedizin Rang und Namen hat, war vertreten.

Die in lockerer Atmosphäre präsentierten Vorträge vermittelten einen vielfältigen Überblick über die verschiedenen Aspekte der Gebirgsmedizin, oftmals geschmückt mit persönlichen Anekdoten der Referenten aus eigener hochalpiner oder Expedi-tions-Erfahrung. Es wurde aber nicht nur in allen Sprachen gefachsimpelt, der Kongress bot auch Gelegenheit, alte Kontakte aufzufrischen und neue Bande unter Gleichgesinnten zu knüpfen.

Prophylaxe und Therapie Hier kam Altbewährtes zum Zug. Obwohl der medikamentösen Prophylaxe und Therapie ( Diamox, Adalat, Dexamethason ) in besonderen Situationen ( keine Abstiegsmöglichkeit, z.B. überdurchschnittliche Anfälligkeit, keine Akklimatisationsmöglich-keit, z.B. bei Rettungen ) grosse Bedeutung zukommt, legte Dr. Oelz Wert auf die « natürlichen » Möglichkeiten:

langsamer AufstiegÜberanstrengung meidenoberhalb 2500 bis 3000 m sollte die Zunahme der Schlafhöhe maximal 300 bis 500 Höhenmeter betragen.

Das Wichtigste für die Früherkennung der Symptome aber ist, sich bewusst zu sein, dass unabhängig vom Trainingszustand jeder höhenkrank werden kann. Bei den ersten Zeichen der akuten Bergkrankheit verbietet sich ein weiterer Aufstieg. Verschlimmern sich die Symptome bei konstanter Höhe, bleibt nur der Abstieg.

Der Überdrucksack fand sowohl Befürworter als auch Gegner. Laut einigen Studien scheint er den Verlauf der akuten Bergkrankheit wenig- Die drei Formen der Höhenkrankheit Keine neuen Erkenntnisse, aber interessante Ansätze Am ersten Tag standen die drei Formen der Höhenkrankheit « akute Bergkrankheit », « Höhenlungenödem » und « Höhenhirnödem », deren Ursachen, Prophylaxe und Behandlung im Vordergrund. Zwar konnten, obwohl auf diesem Gebiet mit grossem Elan geforscht wird, keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse präsentiert werden. Insbesondere gibt es immer noch keine allgemeingültigen Untersuchungen, durch die vorausgesagt werden könnte, wer warum unter welchen Umständen für welche der drei Krankheitsbilder anfällig ist ( Peacock, Bartsch et al ). Aber es gibt viele interessante neue Ansätze.

Höhenlungenödem Dass Sauerstoffmangel zu einem erhöhten Widerstand in den Blutgefässen der Lunge führt, ist seit länge- stens vorübergehend positiv zu beeinflussen und dadurch z.B. den Abstieg zu erleichtern. Auf der andern Seite stehen Befürchtungen, dass er bei unfachmännischer Anwendung den Patienten gefährden kann ( Kayser, Hirt, Oelz ).

Bergrettung und diverse alpinmedizinische Themen Überblick Der zweite Kongresstag begann mit einer interessanten Auswahl praktischer Themen zur Bergrettung. In den weiteren Referaten beschäftigte man sich mit der Schmerzbekämpfung im Gelände, wandte sich dann den besonderen Bedingungen des Kinderbergsteigens zu und Schloss mit dem stets aktuellen, aber auch sehr umfassenden Problemkreis der Unterkühlung und Erfrierungen, vor allem auch im Hinblick auf Lawinen- und Spaltenrettungen.

Kostenersparnis durch effiziente Bergrettung Auf diese Frage eingehend relativierte Dr.. " " .Wiget die hohen Kosten, die eine effiziente Bergrettung verursacht, indem er sie den Einsparungen gegenüberstellte. So können z.B. durch professionelle medizinische Versorgung an der Unfallstelle und durch korrekte Bergung durch Spezialisten das Ausmass der Verletzung und damit die Hospitalisationsdauer, der Invaliditätsgrad und der volkswirtschaftliche Schaden in vielen Fällen verringert werden.

Dr. Jacomet betonte die Wichtigkeit einer guten Team-Arbeit aller Beteiligten einer Rettungsaktion. Vor allem in den Bergen wird die Erste Hilfe an der Unfallstelle häufig nicht allein durch medizinische Überlegungen bestimmt. Vielmehr beeinflussen Faktoren wie Wetterverschlechterung, sinkende Temperaturen, Gefahren durch Stein- und Eisschlag oder Lawinen den Ablauf einer Rettung nachhaltig.

Schmerzbekämpfung im Gelände Schmerzen sind nicht nur eine unangenehme Begleiterscheinung von Verletzungen und deshalb im Interesse einer schnellen Rettung zu ignorieren, wie das früher oft der Fall war. Schmerzen können die Folgen von Verletzungen massiv verschlimmern. So führen z.B. gebrochene Rippen wegen der starken Schmerzen zu einer oberflächlichen Atmung mit entsprechend negativen Folgen, oder sie können die Symptome eines « Blu-tungsschocks » verstärken und so zum Versagen verschiedener Organe beitragen ( Thomas ).

Neue Aspekte bieten Lokal- oder Regionalanästhesietechniken, die es ermöglichen, z.B. nur das gebrochene Bein unempfindlich zu machen. Damit würden die Gefahren, die mit der Anwendung starker Schmerzmittel einhergehen ( eingeschränkte Atmung bis Atemstillstand, Schläfrigkeit usw. ), umgangen. Dies bringt Vorteile bei langdauernden und technisch aufwendigen Bergungen, wie sie mit dem Aufkommen des Canyoning häufiger werden ( Ledoux ).

Kinderbergsteigen Kinder sind nicht nur kleine Erwachsene. So sollte speziell grosser Wert auf ein an die kindlichen Bedürfnisse angepasstes Aufbautraining gelegt und eine Überbeanspruchung des noch wachsenden Organismus unbedingt vermieden werden ( Schlegel ).

Unterkühlung Es konnte über einige neue Entwicklungen wie z.B. ein mobiles, auch in Spalten einsetzbares Warmluftbe-atmungsgerät ( Wendung, Marsigny ) berichtet werden. Aber es blieben auch viele Fragen offen. So wurde einmal mehr diskutiert, wie das Dilemma « Tod oder Scheintod » im Zusammenhang mit der Unterkühlung gelöst werden könnte. Schliesslich ist das die wichtigste Entscheidung im Leben eines Betroffenen, wie Dr.. " " .Zollinger von der Gerichtsmedizin bemerkte.

Eine Nachuntersuchung von Patienten, die im Rahmen einer Unterkühlung einen Herzstillstand erlitten, zeigte optimistische Resultate. Obwohl die Patienten im Durchschnitt länger als 2 Stunden ohne eigene Herzaktion waren, konnten einige unter optimalen Bedingungen ( keine zusätzlichen schweren Verletzungen, frühzeitiger Beginn mit korrekter Wiederbelebung ) ohne gravierende Schäden überleben ( Walpoth ). Welcher Unterkühlte mit Herzstillstand aber letztlich gute Überlebens- Interlaken war Tagungsort des Internationalen Kongresses für Gebirgsmedizin 1997: Blick von der Höhenmatte ( Interlaken ) gegen Lauterbrunnental und Jungfrau.

chancen hat, hängt von vielen Faktoren ab und lässt sich nur eingeschränkt voraussagen. Im Zweifelsfall gilt nach wie vor: « Nobody is dead until warm and dead !» Erfrierungen Trotz vieler Therapievorschläge in den letzten Jahren, wie Erfrierungs-schäden im Gelände vermindert werden könnten, gibt es das Wundermittel immer noch nicht. Das Wichtigste bleibt, dass ein erfrorenes Glied möglichst schnell aufgetaut und ein Wie-dereinfrieren um jeden Preis vermieden werden muss ( O'Malley ).

Einig war man sich aber bis anhin, dass erfrorene Extremitäten erst möglichst spät ( Monate später ) amputiert werden sollten, weil nie genau vorhergesagt werden kann, wie weit sich das Gewebe wieder erholen wird. Dazu wurde am Kongress eine Untersuchung aus Spanien vorgestellt, mit der vielleicht in Zukunft in der zweiten Woche nach Auftreten der Erfrierung das Amputationsniveau vorausbestimmt werden könnte. Durch eine frühere Operation könnte allenfalls das Infektionsrisiko kleiner und die gesamte Hospitalisationsdauer kürzer gehalten werden ( Morandeira, Martinez ).

« Was zählt, ist ein Ziel zu haben !» ( Nicole Niquille ) Während des ganzen Kongresses standen Erste Hilfe und Notfallmedizin im Vordergrund. Geschlossen wurde der Kreis aber durch jemanden, der am anderen Ende der Rettungskette steht! Als erste Bergführerin der Schweiz machte Nicole Niquille 1986 Schlagzeilen. Noch beeindruckender aber sind ihre Leistungen, die sie seit einem schweren Unfall, der sie an den Rollstuhl gefesselt hat, erbringt. Es war still im Saal, als Dr. Brodmann Nicoles harten Weg der Rehabilitation zurück ins Leben beschrieb und als Nicole Niquille selber erklärte: « My concept of happi-ness has changed! Was zählt, ist ein Ziel zu haben. » Ein eindrückliches Ende fand der vielseitige Kongress mit Rettungsdemonstrationen im Lauterbrunnental. Den Organisatoren und allen, die zum guten Gelingen beigetragen haben, sei dafür herzlich gedankt.

Dr. med. Kathrin Blunschi, Frutigenc V o.

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