Klettern wie die Erstbegeher Clean Climbing

Die Schweiz ist das Land der mit Bohrhaken gesicherten Plaisirklette-rei. Auf der Suche nach dem authentischen Bergerlebnis setzen einige Kletterer jedoch wieder auf selbst abgesicherte Routen. Dennoch dürfte das sogenannte Clean Climbing eine Nische bleiben. 1

Schweizer Kletterkultur

Seit einigen Jahren ist in der Schweizer Kletterszene eine leichte Tendenz zum Klettern in selbst abgesicherten Routen zu beobachten: Seit 2006 bietet etwa die Alpinschule Bergpunkt, für die auch Marbacher arbeitet, einen Kurs unter dem Titel « Klettern ohne Bohrhaken » an, und im selben Jahr hat der Bergführer Daniel Silbernagel zusammen mit Christoph Blum den Kletterführer « Best of keepwild!climbs » publiziert; dieser beschreibt Routen zum Selbstabsichern in den Schweizer Alpen. Im SAC lernt man im Kurs « Sportklettern alpin » die einschlägigen Techniken dafür. Aus Sicht von Marbacher ist es in erster Linie das Buch, das dem Clean Climbing in 1 Der Erstabdruck dieses Beitrags erschien in leicht veränderter Form in der NZZ vom 2. Oktober 2008.

Traumriss in der Route Motörhead ( 7– ) im Grimselgranit – wenn man das Legen von Klemmkeilen und Friends beherrscht. Während die Klettergärten der Schweiz vollständig mit Bohrhaken eigerichtet sind, gibt es gerade im alpinen Gelände etliche Routen, die teilweise oder sogar vollständig selber abzusichern sind. Foto: Rober t Bösch der Schweiz Auftrieb verliehen hat: Auf einmal hätte ein breiteres Publikum wieder erkannt, dass diese Art des Kletterns eine Alternative zu komplett mit Bohrhaken ausgerüsteten Routen ist.

In anderen europäischen Ländern blieb das Clean Climbing – oder wie es in England auch heisst: das Traditional Climbing oder kurz Trad Climbing – in den letzten Jahrzehnten immer präsent. In der Schweiz hingegen sei es durch die hiesige Plaisirkletterkultur in den Hintergrund gedrängt worden, erklärt Emanuel Wassermann, Bergführer und Präsident des Verwaltungsrats von Bergpunkt. Während in manchen Ländern das Sichern mittels Bohrhaken nämlich bis heute verpönt ist, habe sich das Plaisirklettern in der Schweiz im grossen Stil durchgesetzt: Unterwegs mit Akkubohrmaschinen hätten Kletterer die Schweizer Alpen in den 80er-Jahren mit Tausenden von Haken ausgerüstet, und die heimischen Berge seien zum « Gebiet der Bohrhaken par excellence » geworden.

Fehden am Fels

Dass das Clean Climbing in der Schweiz als neuer Trend wahrgenommen wird, hängt also allem voran mit der hiesigen Salonfähigkeit der Bohrhaken zusam-keepwild!climbs » feststellen, dass drei ihrer « cleanen » Routen umgehend nach Erscheinen des Führers mit Bohrhaken ausgerüstet wurden. Silbernagel und Wassermann finden dies « schade »; aus ihrer Sicht sollte man mit Blick auf eine vielfältige Kletterszene sorgsam mit schönem, noch unverbohrtem Fels umgehen. « Es ist bereits jetzt nicht ganz einfach, solche Routen in den Schwierigkeitsgraden vier und fünf zu finden », sagt Silbernagel.

men. Anders in den USA, England oder den Dolomiten: Dort hat das « saubere » Klettern seine Vorrangstellung nie verloren, und das Setzen von Bohrhaken führt dort teils bis heute zu ideologischen Fehden am Fels. Im Südtirol etwa würden Bohrhaken oft wieder mit Hämmern entfernt, weiss Marbacher. Solche Grabenkämpfe seien in der Schweiz aber selten. Dennoch mussten die Autoren des Kletterführers « Best of Friends oder Camelots sind mobile Sicherungsgeräte, die vor allem in parallelen Rissen zum Einsatz kommen. Die beweglichen Backen können zusammengezogen und in eine Spalte aufgespannt werden. Es gibt sie in verschiedenen Grössen.

Keile verschiedenster Grössen und Formen kommen zum Einsatz, wenn sich ein Riss zum Felsinnern hin öffnet.

Selber absichern heisst viel schleppen und langsamer klettern. Nicht nur deswegen ist es ratsam, beim Clean Climbing etwa um zwei Grade leichtere Routen zu wählen, als man im Klettergarten onsight schafft. Fotos: Caroline Fink Wie viele Felskletterrouten es in der Schweiz gibt, die komplett selbst abgesichert werden müssen, ist schwer zu sagen. Silbernagel schätzt eine Zahl von 200 Einseillängenrouten und 150 bis 250 Mehrseillängenrouten. Die meisten – und bekanntesten – dieser Routen seien aber mit den Schwierigkeitsgraden 6a bis 7b bewertet, so Silbernagel, und daher für angehende Clean Climber nicht geeignet. « Vor allem im Tessin gibt es aber noch unbekannte, ‹cleane› Routen mit den unteren Schwierigkeitsgraden 3 bis 6a », sagt der Autor, der, wiederum gemeinsam mit Christoph Blum, diesen Sommer den Kletterführer « Ticino keepwild!climbs » publizierte.. " " .Warum aber zieht es Kletterer überhaupt in jenen Fels, wo keine Bohrhaken glänzen? Die Protagonisten nennen unterschiedliche Gründe: Für Marbacher etwa hat diese Kletterei mehr mit « Freiheit, Kreativität und Abenteuer » zu tun, und Silbernagel geniesst es, wie « die Erstbegeher unterwegs zu sein ». Die Alpenschutzorganisa-tion Mountain Wilderness wiederum stellt den Anspruch in den Vordergrund, keine Spuren im Fels zu hinterlassen, und macht sich daher gemeinsam mit Extrembergsteiger Robert Jaspers für den « sauberen » Stil stark. Die schlichtweg « schönste, erlebnisreichste und ehrlichste Art zu klettern » ist das Clean Climbing wiederum für Christian Jaeggi, Geschäftsführer von Black Diamond Europa – einer der nach wie vor grössten Herstellerinnen von Klemmgeräten.

Per se nicht gefährlicher

Fragen im Zusammenhang mit dem Clean Climbing wirft allerdings immer wieder der Sicherheitsaspekt auf. Laut Marbacher sind selbst abgesicherte Routen jedoch nicht per se gefährlicher als Plaisirklettereien. Ein Klemmkeil halte über eine Tonne, ein Klettersturz verursache aber maximal eine Belastung von 800 Kilogramm, erklärt er seinen Schützlingen im Bedrettotal. Die Crux liegt aber darin: Wird ein Klemmkeil schlecht gesetzt oder liegt er im brüchigen Fels, kann er bei einem Sturz ausreissen und unter Umständen einen Seilschaftsab-sturz zur Folge haben. Deshalb empfiehlt Marbacher jedem Novizen eine solide Grundausbildung im Umgang mit selbst gelegten Sicherungen sowie ein langsames Herantasten an das Klettern ohne Bohrhaken.

Darüber hinaus legt Marbacher seinen Neulingen die Feuerprobe – in einer zusätzlich mit Bohrhaken gesichertenWand ans Herz: « Nur wer in eine selbst gelegte Absicherung springt, vertraut ihr wirklich », so seine Erfahrung. So steigt Teilnehmer Marco im Gotthardfels hoch, springt ins Seil und wird – nach 10 kN 14

20 kN

Nicht bei allen Modellen zulässig!

Friends funktionieren nach dem Kniehebel-prinzip. Sie entwickeln viel mehr « Spreng-kraft » als ein Keil, bei Zug geht doppelt so viel Kraft auf die Seiten wie in die Zugrichtung.

Klemmkeile funktionieren – wie der Name sagt – nach dem Klemm- prinzip; die meiste Sturzkraft geht nach unten. Beim Setzen gilt es zu beachten:kompakten Fels wählenKlemmkeil beim Setzen mit einem Ruck im Riss « festziehen»Klemmkeil nur in eine Richtung belastbar Foto: Rober t Bösch Grafiken: villard.biz aus Bergsport Sommer, SAC-Verlag 2008 Korrekt gelegter Friend: Seine Grösse ist so gewählt, dass die mittlere Partie der Backensegmente aufliegt. Falsch gewählte Friend-Grösse: Es liegen nicht alle Backen am Fels auf. Der Friend würde bei Belastung sofort raus-rutschen.

10 kN 14

20 kN

Nicht bei allen Modellen zulässig!

10 kN 14

20 kN

Nicht bei allen Modellen zulässig!

Infos für ( angehende ) Clean Climber Kurse Es gibt verschiedene Anbieter von Kursen im Segment Clean Climbing. Die Ausbildungen sind verschieden lang und stellen unterschiedliche Anforderungen an die Teilnehmenden. Der Schweizer Alpen-Club SAC bietet unter dem Titel « Sportklettern alpin » jeden Sommer einen Kurs im Bereich Clean Climbing an. Kontakt: SAC, Tel. +41 31 370 18 18, www.sac-cas.ch. Der Kurs « Klettern ohne Bohrhaken » von Bergpunkt, der im Text beschrieben ist, wird mehrmals jeden Sommer durchgeführt und durch einen anschliessenden Aufbaukurs ergänzt. Kontakt: Bergpunkt AG, Tel. +41 31 832 04 06, www.bergpunkt.ch. Weitere Angebote unter www.bergsportschulen.ch Literatur Daniel Silbernagel, Christoph Blum: Best of keepwild!climbs. Panico Alpinverlag, Köngen 2006. Fr. 48.– ( beschreibt 66 Kletterrouten zum selbst Absichern in 18 Schweizer Gebieten in den Schwierigkeitsgraden 4a bis 6b ) Daniel Silbernagel, Christoph Blum: Ticino keepwild!climbs. Topoverlag, Basel 2009. Fr. 39.– ( beschreibt 60 Kletterrouten auf der Alpensüdseite zum selbst Absichern in den Schwierigkeitsgraden 3 bis 6a ) Adrian Berry, John Arran: Trad Climbing+, Rockfax Limited, Sheffield 2007. Fr. 57.– ( Lehrbuch in englischer Sprache zum Thema Clean Climbing ) Winkler, Brehm, Haltmeier: Bergsport Sommer, SAC-Verlag 2008.

drei Metern freiem Fall – von einem Keil in der Grösse eines Daumennagels aufgefangen.

Nachfrage trotz höherer Anforderung

Trotz diesen markant höheren Anforderungen als beim Plaisirklettern scheint Schweizer Bergsportlern die « saubere » Kletterei zu gefallen: So verzeichnet etwa Bächli Bergsport eine Zunahme beim Verkauf von Klemmgeräten und geht von einem künftig wachsenden Kunden-segment der « Clean Climbers » aus, sagt Michael Roth, Verantwortlicher Marketing des Fachgeschäfts. Und auch die Umsatzzahlen der Firma Black Diamond, die seit 50 Jahren Klemmgeräte vermarktet, zeigen denselben Trend: « Wir haben noch nie so viele Produkte verkauft wie heute », sagt Jaeggi. Dennoch dürfte das reine Clean Climbing aus Sicht all seiner Vertreter auch in Zukunft eine Nische innerhalb des Bergsports bleiben. Zu hoch sind aus Wassermanns Sicht die Voraussetzungen punkto technischen Wissens und geduldigen Übens. Auch Marco und die weiteren fünf Novizen im Bedrettotal sehen sich in ihrer ersten Route ohne Bohrhaken gefordert. « In diesen Wänden wirst du demütig », sagt Teilnehmerin Claudia Merkel. Als allesamt gewiefte Bergsportler brauchten sie und ihre Kurskollegen für das Überwinden einer 40 Meter hohen, « cleanen » Steilstufe im vierten Schwierigkeitsgrad ganze drei Stunden. a Caroline Fink, Zürich Am Salbitschijen-Westgrat, Turm 4, in der Route Herzbarag-ge: Solche Routen müssen viel stärker « gelesen » werden, da keine Bohrhaken den Weg weisen. Das entschleunigte Klettern ist intensiver, und weil man die Zwischensicherungen wieder mitnimmt, kann auch die nächste Seilschaft « Erst-begeher»-Luft schnuppern.

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