Landschaft und Mythologie. Zwischen Fakten und Gefühl

Zahlreiche Untersuchungen belegen die Entwicklung der alpinen Kulturlandschaft. Dass neben wirtschaftlichen Überlegungen auch mythologische Vorstellungen die Landschaft strukturiert haben, gilt heute als unbestritten.

Viele Bergsteiger und naturverbundene Menschen kennen dieses Gefühl: wegen einer dunklen, verstandesmässig nicht begründbaren Ahnung eine Route meiden, einen Schneehang nicht queren oder eine Tour ganz verschieben. Man ahnt «etwas» - einen Sturz vielleicht oder einen Lawinenniedergang - und kommentiert nachher die Situation mit «zum Glück» oder «zufällig» oder «mein Schutzengel» oder «mein siebter Sinn». Erzählungen dieser Art sind zahlreich und belegen die Tatsache, dass nicht allein rationale Beweggründe unsere Entscheidungen beeinflussen.

Gefühle und innere Bilder haben auch jene Menschen beeinflusst, die das Berggebiet vor Jahrtausenden kultiviert haben. Ihre Vorstellungen von der Welt, von ihrer Entstehung und ihrer kosmischen Ordnung manifestieren sich bis heute in der alpinen Kulturlandschaft. Um ihrem Lebensgefühl nachzuspüren, sind wir allerdings auf Indizien angewiesen: Sagen und Legenden, Flurnamen und Bräuche, Schalen- und Zeichensteine, frühe Siedlungs- und Kultanlagen, aber auch die Gestaltung der Kulturlandschaft. Längst nicht alle Indizien sind prähistorisch, und viele haben ihre äussere Form im Lauf der Jahrhunderte verändert.

Was die vorchristliche Felszeichnung, die wunderliche Sagengestalt, der Betruf oder die Ornamentik einer heutigen Tracht miteinander verbindet, ist die Vorstellung, dass neben der sichtbaren, materiellen Welt eine unsichtbare, immaterielle besteht.

Die Felsgravur, die Sagenfigur, der Betruf oder das Ornament bilden ei-| ne symbolische Brücke zu dieser un-5 sichtbaren Welt, die unsere reale j Welt beeinflusst. Alle Kulturen haben die Entste- rem Alpenraum siedelten, nicht ausgenommen.

Das bewusste Abwenden von der äusseren Welt wird griechisch als «myein» bezeichnet, was so viel bedeutet wie « die Augen und die Lippen schliessen ». Eine Form dieser Innen-schau ist die Mystik und, was die Vorstellung von der göttlichen Ordnung der Welt betrifft, die Mythologie. Wer «mit geschlossenen Augen und Lippen» durch die Alpen wandert, wird dieser Mythologie da und dort begegnen.

Ein besonders gut untersuchtes und in seiner Grundstruktur leicht erkennbares Gebiet sind das Vorderrheintal (vgl. Abschnitt «Zwei Beispiele») und das Domleschg. Die deutlichsten prähistorischen Indizien einer Rückverbindung mit der unsichtbaren Welt sind die Felszeichnungen von Carschenna und die Menhire von Falera. Daneben gibt es eine Vielzahl von Schalensteinen, deren Bedeutung nicht geklärt ist, von Kirchen und Kapellen sowie von markanten Geländepunkten, die in ein Landschaftssystem eingebunden sind.

Die Anordnung der sakralen Kulturlandschaft lässt vermuten, von welchen Erkenntnissen sich die Menschen vor rund 3500 Jahren leiten liessen: Über die Erde spannt sich das Firmament, ziehen die Sonne, der Mond und die Sterne ihre Bahnen. Unten auf der Erde waltet zyklisch die Natur mit Entstehen und Vergehen, Säen, Reifen und Ernten der Frucht. Wie der Himmel musste auch <adie Erde geordnet werden, kurz: wie oben - so unten. Zu diesem Zweck legten die Menschen ihre «Observatorien» an. Steinsetzungen wie jene in Falera dienten zusammen mit markanten Horizontpunkten zur Bestimmung der Sommer- und Wintersonn-wenden und zur Festlegung bäuerlicher Tätigkeiten. Verschiedene Termine im Jahreslauf wurden mit Hilfe von Sonnenauf- und Sonnenunter-gangspunkten am Horizont bestimmt, beispielsweise der 11.11. und der 2.2. - je 42 Tage vor und nach der Wintersonnwende (berechnet ab Mitternacht 22/23.12.). Das eine Datum markiert bis heute den Beginn der Fasnacht, der andere Tag ist im christlichen Jahresablauf zum - aussagekräftigen - Fest Maria Lichtmess geworden. Bestimmte Verbindungsund Visierlinien zu Sonne und Mond, aber auch häufig vorkommende Winkel müssen als heilbringend oder eben heilig gegolten haben. Auf diesen Linien, mit denen das Land überzogen wurde, standen Siedlungen und Orte kultischer Bedeutung - und stehen noch heute Kirchen und Kapellen. Das Land wurde zu einer mythologischen Landschaft.1

Der Talkessel von llanz, die Foppa, weist zahlreiche Visuren auf. Die Menhiranlage bei S. Remigius/Falera gilt als zentraler Ort. Besonders auffällig präsentiert sich hier eine Steinreihe Richtung Ostnordost - zum Sonnenaufgangspunkt einen Monat vor und nach der Sommersonnwende (21.5. und 21.7.). In entgegengesetzter Richtung (Westsüdwest) liegen die Kirchen S. Sein/Ladir, S. Gieri/Ru-schein, die Schalensteine von Frunds-berg/Ruschein und die Kapelle in Schnaus. In Fortsetzung dieser Linie sinkt die Sonneam 11.11. und2.2. hinter den Horizont.

Wenig unterhalb der Kirche S. Remigius befindet sich der so genannte Sonnenstein. Seine glatte Fläche neigt mit 64° genau nach Süden und trägt eine kreisförmige Rille von 120 cm Durchmesser. Dies entspricht dem Winkel der Erdachse zur Ekliptik. Mit einfachen Manipulationen, beispielsweise mit Hilfe eines Schatten werfenden Stabes, lassen sich verschiedene Stichtage im Jahreslauf bestimmen.

Ebenfalls auf einer Visur liegen die Kirchen von Siat, Ladir, Schleuis, Vitg Dadens und Valendas ... oder, in Obersaxen, jene von St. Joseph, Affeier, Egga und Flond.

Zentraler Knotenpunkt des «sakralen Landschaftsnetzes» ist die Talkirche von Pleif bei Velia. Sternförmig lassen sich mehrere der umliegenden Kirchen, Kapellen, Schalen- und Sagensteine anpeilen. Dieses äussere Netz wird ergänzt durch inhaltliche Querverbindungen zur Sagenwelt und zu den christlichen Heiligenfiguren im Tal. Verschiedene Visuren bestehen zudem zwischen den visuell getrennten Landschaftskammern der Lumnezia und der Foppa. Die Kapelle S. Carli und die Krete bei Saultas, beide östlich des Piz Mundaun, scheinen dabei als «Relaisstationen» gedient zu haben, denn die meisten Verbindungen laufen über diese Punkte. Allein zwischen Vrin, Vais und Laax lassen sich rund 30 präzise Visierlinien rekonstruieren.

Generell scheint für die bronzezeitlichen Menschen das Zusammenspiel von Oben und Unten bedeutungsvoll gewesen zu sein - ein Prinzip, das auch von der frühchristlichen Vorstellungswelt übernommen wurde. Die Nutzung des Berggebiets musste im Rahmen einer kosmischen Ganzheit erfolgen. Der Faden zur unsichtbaren Welt konnte so aufrechterhalten werden und verlief gleichsam durch die Herzen der Menschen selbst. Man vermutet, dass Plätze wie Falera nicht nur der Beobachtung des «Oben» dienten, sondern auch als Orte der Seelenwanderung und damit der konkreten Verbindung der beiden Welten galten.

Von der Vorstellung, dass die Nutzung des Berggebiets etwas mit der kosmischen Ganzheit zu tun haben könnte, sind wir heute weit entfernt. Machbarkeit, Gewinnmaximierung oder Leistungseffizienz sind Maximen, die sowohl oben (im Berggebiet) wie unten (im Unterland) die Entscheidungen bestimmen. Sollten wir also zurück in die Bronzezeit? Keinesfalls! Es genügt, gelegentlich « die Augen und die Lippen zu schliessen », den Klängen des Windes zuzuhören und die unsichtbare Welt sprechen zu lassen. Es ist dies derselbe Zugang zu einer Weisheit, wie sie sich den Bergsteigern unterwegs gelegentlich mächtig aufdrängt. Würde diese Weisheit vermehrt bei Entscheidungen berücksichtigt, könnte das Berggebiet - davon bin ich überzeugt - einen weit sanfteren, aber ebenso erfolgreichen Entwicklungs-weg gehen.2

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