Michel Vaucher (1936–2008) Tod eines grossen Alpinisten

Der Bergführer Michael Vaucher ist Anfang November 2008 im Alter von 72 Jahren verstorben. Das ist früh für einen Mann im Vollbesitz seiner Kräfte und einen, der immer noch kletterte und sich seiner neuen Leidenschaft, der Höhlenforschung, hingab.

Michael Vaucher war einer der aktivsten Bergsteiger seiner Zeit. Sein Pamarès sprengt fast jeden Rahmen. Es beweist, dass er in jedem Gelände ein Meister war, ob im Eis oder am Fels. Er war nicht nur ein versierter technischer Kletterer, sondern auch ein sehr starker Freikletterer. Auf seiner Tourenliste fehlte keiner der grossen Pfeiler, keine der grossen Wände der Alpen. Es bestieg unter anderen Les Drus, den Grand Pilier Central du Frênes, die Grandes Jorasses, die Dent Blanche, das Matterhorn, das Wetterhorn, den Eiger, die Tre Cimedi Lavaredo und La Civetta.

Michael Vaucher ist auch Urheber zahlreicher Erstbesteigungen. Oft wird seine ausserordentliche Solobesteigung der Arête Sud de l'Aiguille Noire de Peuterey 1957 in der Rekordzeit von 4 Stunden und 30 Minuten erwähnt. Aber Michael gelang auch - und das ist weniger bekannt - die erste Solobesteigung der Castiglioni-Route in der Westwand der Cima della Busazza in den Dolomiten. Das ist eine sehr anspruchsvolle Route, 1000 Meter hoch und in manchmal gefährlichem Fels. Am 10. August 1958 bricht er auf und steigt nach weniger als zehn Stunden aus der schwierigen Route aus. Für jene Zeit war das eine sensationelle Leistung. Zwei Jahre später nimmt er an der Himalaya-Expedition teil, die als erste den Dhaulagiri (8172 m) bezwingt. Er ist damals 24 Jahre alt. Michael Vaucher schloss Bekanntschaften mit vielen berühmten Alpinisten und machte mit ihnen Besteigungen.

Darunter waren Gaston Rébuffat, Lionel Terray, André Contamine, Ignazio Piussi, René Desmaison, Michael Darbellay, Hugo Weber, Walter Bonatti. Mit Bonatti zusammen gelingt ihm 1964 die Erstbesteigung der Nordwand der Grandes Jorasse auf die Pointe Whymper. Ein ausserordentlich schwieriges Unternehmen, das fünf Tage dauerte.

Die grossen Touren waren also das tägliche Brot von Michael Vaucher. Aber wer ihn nur mit seinen bergsteigerischen Leistungen beschreibt, geht am Wesentlichen vorbei: Michael Vaucher war ein einnehmender Mensch. Er verfügte über eine Gelassenheit, die selbst den Wind zu beruhigen schien. Er konnte so in schwierigen Momenten aufkommende Spannungen abbauen. Seine Grosszügigkeit brachte ihn dazu, für sich stets den schlechtesten Platz in einem Biwak auszusuchen. Seine Hauptsorge galt dem Komfort seiner Kameraden. Gibt es ein einfacheres Bild, um den Charakter eines Menschen darzustellen?

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