Mit Geduld zum Erfolg Alltag des Spitzen(berg)-sportlers Ueli Steck

Ueli Steck ist einer der weltbesten Bergsteiger. Hinter dem Erfolg des Schweizers, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, steckt viel Arbeit. Er geht den Weg des Spitzensportlers. (1)

Sein jüngster Exploit ist die Besteigung des Makalu ( 8463 m ) am 25. September 2009. « Der Berg hat mich bis aufs Letzte gefordert », schreibt Steck auf seiner Website ( www.uelisteck.ch ). « Es war am Ende eine reine Kopfsache. Mein Verstand sagte mir schon lange, ich solle dieser Quälerei ein Ende setzen. Der Wille trieb mich aber auf den Gipfel. » Ein weiteres Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit an Körper, Technik und Psyche: Am 28. Dezember 2008 durchstieg Steck die Nordwand der Grandes Jorasses auf der Route von Colton und Mac Intyre in 2 Stunden 21 Minuten, und am 13. Januar 2009 setzte er mit der Schmid-Route in der Matterhorn-Nordwand noch eins drauf: Er rannte die 1100 Höhenmeter in 1 Stunde 56 Minuten hoch. Nachdem er am 13. Februar 2008 auch die Heckmair-Route in der Eiger-Nord-wand in der Rekordzeit von 2 Stunden 47 Minuten solo durchklettert hatte, hat Steck alle drei grossen klassischen Nordwände der Alpen allein und in unglaublichen Rekordzeiten durchstiegen.

Zurück zur Paciencia. Nur drei Monate vor dem erfolgreichen Ausflug an den Eiger war Ueli Steck von der Annapurna zurückgekehrt, wo er mit dem Zermatter Simon Anthamatten eine neue Linie in der Südwand begehen wollte. Das Duo brach sein Vorhaben ab, als der bekannte Bergsteiger Iñaki Ochoa de Olza auf einer anderen Route an der Annapurna auf 7400 Metern in Not geriet. Steck und Anthamatten eilten dem Erkrankten zu Hilfe, Steck stieg bis zu Ochoa hinauf. Trotz den Medikamenten, die er ihm verabreichte, starb der Spanier Stunden später. Steck stieg am Tag darauf mit ungenügender Ausrüstung ( seine warmen Schuhe und Kleider waren am Fuss der Südwand deponiert ) und ohne Essen und Trinken wieder hinunter. Wenig später wurden er und Simon Anthamatten mit dem « Prix Courage » ausgezeichnet: « Sicher bin ich stolz auf diesen Preis », sagt Steck. « Aber Iñaki ist dort oben gestorben. Dafür werde ich ausgezeichnet ?» Was er an der Annapurna erlebt hat, zeigt Ueli Steck, « wie überflüssig manche Diskussion unter Bergsteigern über Ethik und Stil ist; am Schluss geht es nur um dein Leben. Es hat mir auch einmal mehr gezeigt, wie unnötig das Bergsteigen ist. Und doch: Mir vermittelt es den Lebensinhalt. Ich habe hier eine gewisse Zeit zur Verfügung, und die möchte ich so gestalten, dass ich glücklich bin. Ich kann bergsteigen, ich habe meistens ein warmes Essen auf dem Tisch und eine Frau, Nicole, die mich kürzlich sogar geheiratet hat … »

Nach der extremen Ausdauerleistung im Himalaya glänzte Ueli Steck nur drei Monate später am Eiger in der Paciencia wieder im Sportklettern. Diese Disziplin verlangt ein ganz anders ausgerichtetes Training als das Höhenbergsteigen oder das Bergsteigen im kombinierten alpinen Gelände. Es gibt nur sehr wenige Allrounder, die auf Stecks Niveau in zwei weit auseinander liegenden Disziplinen des Bergsports unterwegs sind.

Während andere Extrembergsteiger bei der Vorbereitung oft auf Intui tion und persönliche Erfahrungswerte setzen, trainiert Steck wie ein Profisportler. « Seit etwa sieben Jahren richte ich meinen Tagesablauf nach dem Training aus. Seither konnte ich mich erheblich steigern », sagt er. Seit einem Jahr arbeitet er mit Simon Trachsel zusammen, einem Trainer und Physiotherapeuten des Bundesamtes für Sport: « Nun ist mein Training noch besser strukturiert. Die Ergebnisse sind deutlich sichtbar. Ich tüftle an jedem Detail und versuche, es beim Klettern und Bergsteigen umzusetzen », so Steck. In Magglingen, wo das Schweizer Kompetenzzentrum für Sport steht, bestreitet er seine Tests und Höhentrainings. Steck trainiert nach einem Jahres-plan, der Klettern und Grundlagenaus-dauer verbindet. « Eine 8b klettern und einen Marathon in guter Zeit laufen, das ist möglich. Seien wir ehrlich: Was ist schon eine 8a? Im heutigen Spitzenklet-tern ein bescheidenes Niveau, das man als Profibergsteiger einigermassen locker draufhaben sollte – sonst sollte man den Beruf wechseln! Selbstverständlich kann ich aber nicht in beiden Bereichen gleichzeitig harte Trainings machen », Steck weiss, worin er stark ist: « Es gibt in der Schweiz viele bessere Sportkletterer, als ich es bin. Meine Trümpfe sind das hohe Niveau in beiden Disziplinen und meine mentale Stärke und Fokussiertheit. »

Seit einiger Zeit lässt er sich vom Ernäh-rungswissenschafter Christoph Mannhart beraten, der auch eine gewisse psychologische Funktion innehat: Stecks Problem ist, dass er sich für eine Expedition zwar ein paar Kilogramm anfuttern darf, aber für Topleistungen im Klettern leicht sein muss. « Beim Sportklettern kann ich – bei einer Körpergrösse von 174 Zen timetern – bis zu 64 Kilogramm wiegen. Aber wenn ich immer auf die- Auch die Stoppuhr ist Ueli Stecks stete Begleiterin, sei es im Training oder bei seinen spektakulären Speed-Solobegehungen der drei grossen Nordwände der Alpen. sem, für mich niedrigen, Gewicht trainieren würde, hätte ich mehr Probleme mit Verletzungen. Für eine Expedition gehe ich auf 69 bis 70 Kilogramm. Auch hier mache ich eine Periodisierung, je nach Fokus – Klettern oder Ausdauer. » Ueli Steck gibt zu, dass der Umgang mit dem Essen nicht einfach sei und dass ihn das Hinarbeiten auf ein bestimmtes Gewicht auch schon « ziemlich gestresst » hat. Gerade deshalb schätzt er die Zusammenarbeit mit Spezialisten: « Bei jedemehrgeizigen Menschen besteht die Gefahr, dass er übertreibt. Ich weiss aber inzwischen, dass das bewusste Essen Teil des Trainings und der Erholung ist. Und gesund essen heisst nicht wenig essen !» Zugute kommt ihm, dass er selber gerne kocht: Auch wenn tagsüber oft Energieriegel genügen müssen, nimmt er sich am Abend die Zeit, Nicole zu bekochen. Und nach dem Essen geht es ab ins Bett: Bei einem Wochenpensum von 30 Stunden Sport und weiteren 30 Stunden Büro- und Vortragsarbeit ist Ueli Steck am Abend « relativ müde », wie er sagt. 

Er lebt nicht nur wie ein Athlet, er ordnet seinen bergsteigerischen Zielen sein ganzes Leben unter. Damit bringt er die Einstellung eines Spitzensportlers mit, die im Extrembergsteigen ( noch ) nicht sehr verbreitet ist oder über die zumindest nicht gerne offen gesprochen wird. Das grosse Publikum betrachtet das Bergsteigen ungern als Sport und ist sich oft des Aufwands für Höchstleistungen nicht bewusst: Bergsteigen auf einem Niveau, wie es Ueli Steck betreibt, verlangt aber nicht nur hervorragende technische, koordinative und mentale Fähigkeiten, sondern auch eine perfekte körperliche Vorbereitung. Ueli Stecks Ziel ist klar: « Technisch schwierige Wände an den Achttausendern im Alpinstil – da gibt es ein riesiges Potenzial. » Wie in allem ist er aber auch hier Realist: « Ich denke, dass ich die rein körperliche Leistungsfähigkeit in den nächsten drei Jahren noch verbessern kann, und werde versuchen, in dieser Zeit Grenzen zu verschieben. Danach will ich mich umorientieren. » In der Zwischenzeit trainiert er konsequent weiter. « Ich bin zufrieden so, auch wenn mir die Zeit für ein Bier mit Freunden fehlt. Alles kann man nicht machen, das akzeptiert man besser. » Und dann schnürt Ueli Steck seine Turnschuhe und geht bei Wind und Wetter hinaus. Am Abend wird er, nach drei Stunden Lauftraining und einer weiteren Stunde Stretching, für sich und seine Frau kochen. Um dann, einmal mehr, « relativ müde » ins Bett zu sinken. « Paciencia » ( Geduld ), gute Kommunikation und harte Arbeit: Das ist der Alltag eines Berufsbergsteigers von heute.

 

SAC bildet Spitzenbergsteiger aus

Bislang gab es in der Schweiz für junge ambitionierte Alpinisten keine formale Ausbildung. Wer in Stecks Fussstapfen treten wollte, musste sich seine Lehrmeister selbst suchen, um sich das Können anzueignen. Nun hat der SAC das Förderprogramm Leistungsbergsteigen für 17- bis 21-jährige Alpinistinnen und Alpinisten lanciert. Im drei Jahre laufenden Projekt will der SAC den klassischen Alpinismus fördern. Die Teilnehmenden sollen ihr Können danach in die JO zurücktragen. Ende Oktober hat das erste Test- und Ausbildungscamp in Martigny und Chamonix stattgefunden. 28 potenzielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden während dreier Tage im Fels und auf dem Gletscher ausgebildet. Am 16./17. Januar 2010 entscheiden Bergführer, welche 18 der ambitionierten Jungbergsteiger definitiv am Kurs teilnehmen können. Lead-Guide des dreijährigen Lehrgangs ist Denis Burdet, sein Assistent ist Roger Schäli. Beide sind Bergführer und anerkannte Spitzenbergsteiger mit grosser Expeditionserfahrung. Auf www.sac-cas.ch -> jugend wird laufend über das Projekt berichtet.

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