«Ohne den Unfall hätte ich viele Dinge nicht erlebt.» Thomas von Däniken, 60 Jahre, SAC Weissenstein

Der Garagist und Softwareprogrammierer hat sich ein zweites Leben aufgebaut.

Es war vor über 15 Jahren. An einem wunderschönen Herbsttag. Früh am Samstagmorgen fuhr ich mit der ersten Bahn auf die Fiescheralp im Wallis, ein Fliegermekka. Oben angekommen legte ich meinen Gleitschirm aus und beobachtete die Wolken. Es waren perfekte Bedingungen. Einmal abgehoben, flog ich über den Aletschgletscher, bestaunte das eindrückliche Bergpanorama. Die SAC-Hütten sahen von oben aus wie Zündholzschachteln. Schon in jungen Jahren war ich dem Fliegen – und fast noch mehr den Bergen – verfallen. Mit 20 machte ich mit Kollegen verrückte Touren. Wir bestiegen Nordwände und testeten unsere sportlichen Grenzen aus. Wir gehörten zu den Ersten, die in den 1980er-Jahren Kletterfinken aus Frankreich importierten. Anfänglich probierten wir diese heimlich aus, um uns nicht zum Gespött der alten Garde zu machen. Später wurde ich Mitglied beim SAC Weissenstein, führte Skitouren und war Rettungsleiter.

Ich flog über den Grimsel und die Furka Richtung Oberalp. So weit war ich noch nie geflogen, ein Rekord lag in der Luft. Am liebsten wäre ich bis nach Österreich geschwebt. Doch ich hatte um sechs Uhr eine Sitzung in Sursee und musste umkehren, was mir wahnsinnig zuwider war. Vielleicht hat sich dadurch so eine Art «Leck-mich-Stimmung» in mir breitgemacht. Ich weiss es nicht. Jedenfalls wollte ich so weit wie möglich Richtung Sursee fliegen, um nur noch eine kurze Strecke mit dem Zug zum Meeting fahren zu müssen. Ich kam bis Amsteg, ein enges Tal mit vielen Stromleitungen, einer Autobahn und nur kleinen Landeplätzen. Kurz vor der Landung, rund drei Meter über dem Boden, wich ich einem Bäumchen aus – dadurch legte sich der Schirm auf der linken Seite zusammen. Mit viel Schwung und gestreckten Beinen stiess ich in eine seitliche Böschung. Eigentlich ein blöder Unfall. Ich hatte schon viel prekärere Situationen erlebt. Doch ich spürte sofort: Etwas mit meinem Rücken stimmte ganz und gar nicht. Meine Beine surrten. Ich griff sofort zum Handy und rief die Rega an. Der zweite Gedanke galt meiner Jacke und meinem «Gstältli». Als Rettungsleiter wusste ich ja, dass bei Einsätzen immer alles zerschnitten wird. Das «Gstältli» zog ich liegend aus. Bei der neuen Jacke schaffte ich es nicht ganz, blieb mit einem Arm stecken. Dann schwirrten auch schon die Sanitäter und Polizisten um mich herum. Im Helikopter, der mich direkt nach Nottwil ins Paraplegiker-Zentrum flog, war ich ganz klar und witzelte herum. Angst? Hatte ich nicht. Auch nach der Operation, als klar war, dass meine Beine gelähmt waren, haderte ich ganz selten mit dem Schicksal. Vielleicht hing das mit meiner damaligen Situation zusammen: Ich steckte mitten in einer Midlife-Crisis. Beim Bergsteigen hatte ich meinen Zenit erreicht und stand davor, den Jungen das Feld zu überlassen. Ich arbeitete viel im eigenen Garagenbetrieb, stand kurz vor der Scheidung. Durch den Unfall hatte ich plötzlich ein neues Ziel: die Grenzen des Rollstuhls auszutesten. Rasch beherrschte ich mein Gefährt, lernte es kippen und drehen und machte mit meinen Söhnen Wettrennen. Insgesamt blieb ich neun Monate in Nottwil. Sport nahm schon da eine enorm wichtige Rolle ein. Wieder daheim, fing ich an, Monoskibob zu fahren, raste mit über 100 Stundenkilometer die Pisten herunter. Bald startete ich für das Swiss Paralympic Skiteam. Heute ist Tennis hoch im Kurs. Ich trainiere bis zu zehn Stunden jede Woche und bin im Kader. Wir spielen überall auf der Welt: in Spanien, der Türkei, den USA. Die Wettkämpfe sind extrem familiär: Man kennt sich, tauscht sich aus, trinkt nach dem Match noch ein Bier zusammen. Ohne den Unfall hätte ich viele Dinge nicht erlebt. Ich bin zufrieden mit meinem Leben.

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SAC-Mitglieder im Porträt

35 SAC-Mitglieder wurden für Helvetia Club, das Jubiläumsbuch zum 150-Jahr-Jubiläum des SAC, fotografiert. «Die Alpen» haben sieben davon ausgewählt, um sie auch in Worten zu porträtieren.

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