Pays d'Enhaut

Eine Bergregion sucht einen nachhaltigen Weg in die Zukunft Alljährlich werden die Sektionsbeauftragten für den Schutz der Gebirgswelt eingeladen, sich an einem Wochenende zu treffen, um einerseits ihre Erfahrungen, Sorgen, Erfolge und Frustrationen im Rahmen ihrer Arbeit auf Sektionsebene auszutauschen, andererseits, um sich in ein bestimmtes Thema zu vertiefen und sich weiterzubilden. Diesmal trafen sich 36 Beauftragte am Wochenende vom 2./3. November 1996 in Château-d'Oex. Damit waren 31 % aller Sektionen vertreten, was als erfreuliche Beteiligung zu werten ist.

Thema dieser Tagung war die Alpenkonvention und ihre Umsetzung. Am Samstag präsentierte Andreas Weissen, CIPRA-Präsident und Mitglied der AG Alpenkonvention, dieses grosse Vertragswerk, und am Sonntag gaben lokale Experten1 Einblick in die Entwicklungspläne für das Pays d' Enhaut. Gerade weil die Schweiz nun doch noch auf den Zug der Alpenkonvention aufgesprungen ist ( vgl. DIE ALPEN 10/96 ), betrachtet es die « Kommission Schutz der Gebirgswelt » als sehr wichtig, darüber zu informieren. Schliesslich geht es um die Weichenstellungen für die zukünftigen Entwicklungen des Alpenraumes - ein Fragenkreis, der sicher niemand im SAC unberührt lassen kann.

Das Pays d' Enhaut: Beispiel und Vorbild Mit diesem Beitrag soll bei der praktischen Seite angefangen und aufgezeigt werden, wie sich die Bergregion des Pays d' Enhaut ihre Zukunft vorstellt. Diese Pläne entstanden weitgehend unabhängig von der Alpenkonvention und sind deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass die Schweiz ein Mitmachen bei der Alpenkonvention nicht zu fürchten braucht. Dies allein schon deshalb, weil seitens der Schweiz bereits sehr viel an Vorarbeit, Erfahrungen und bewährten Konzepten eingebracht werden konnte. Eine eingehendere Vorstellung der Alpenkonvention wird in einem späteren Beitrag erfolgen.

Ein harmonisches Landschaftsbild Obwohl im Süden des Tales die wild gezackte Kette der Gummfluh anbrandet, strahlt das Pays d' Enhaut mit seinen weiten grünen Weidehängen eine friedvolle Ruhe aus. Es ist wohl nicht nur die offene Weite dieses Bergtales der oberen Saane, die diesen Eindruck vermittelt, sondern vor allem auch die vergleichsweise harmonische Form, in die sich der Mensch bis heute eingefügt hat. Keine Schnellstrasse durchschneidet brutal das Tal. Ebenso zerstören keine von gedankenloser Profitgier zeugenden Touristenagglomerationen, keine wildwuchernden Chaletsiedlungen, keine das Auge schmerzenden Gross-parkplätze den ursprünglichen Landschaftscharakter, und in den Siedlungen trifft man noch auf intakte Orts- Die alpine Kulturlandschaft oberhalb von Château-d'Oex befindet sich noch in einem Gleichgewicht.

1 F. Margot und C. Challandes von der « Association de développement du Pays d' Enhaut » und Ph. Morier-Genoud vom Waadtländischen Naturschutz bilden Das ist « Vivaldi-Musik » und nicht der « Hard Rock« anderer Alpengegenden.

Wie aber ist so etwas möglich? Hat man vergessen, dieses Gebiet zu « entwickeln »? Nein, das « Geheimnis » liegt im gemeinsamen Vorgehen. Entsprechend haben sich alle am Pays d' Enhaut Interessierten in der « Association de développement du Pays d' Enhaut » zusammengeschlossen: von Gemeinden über Seilbahnbetreiber, Hoteliers, Unternehmer bis zu Naturschützern. Die Association plant, koordiniert und versucht, divergierende Interessen unter einen Hut zu bringen.

Die geschichtliche Entwicklung Vielleicht liegt die Wurzel der eigenständigen Entwicklung des Pays d' Enhaut in seiner vielhundertjähri-gen Zeit als Teil der Grafschaft von Greyerz. Seine Entwicklung als Alpregion ist an sich ähnlich verlaufen wie diejenige vieler Bereiche der Alpennordseite: Sehr früh entwickelte sich im Mittelalter eine Spezialisierung auf Viehzucht ( zuerst Ziegen und Schafe, später Rinder ) und Käseherstellung - bis Lyon hinunter wurden die gewonnenen Produkte geliefert. Von der Hochblüte dieser Zeit zeugen die Herrschaftshäuser der reichen Bauern aus dem 16./17. Jahrhundert, riesige, mit barockem Überschwang dekorierte Holzchalets. Schon deswegen lohnt sich ein Besuch der Talschaft. Als die Mittellandbauern im 19. Jahrhundert ihre Milchproduktion durch intensiven Futteranbau ( Klee und Luzerne anstatt standortgerechte Wiesen ) massiv steigerten, begannen sie, die Überschüsse ebenfalls zu ver-käsen. Als Folge davon brach der Export aus den Almkäsereien zusammen, und die Bergbauern gerieten in eine Krise - aus der sie eigentlich bis heute nie vollständig herauskamen. Zum Glück entdeckten etwa zur gleichen Zeit englische Nobeltouristen im Zuge der damals aufkommenden Naturschwärmerei das Tal. So bot sich der Tourismus als ideale Ersatzwirt-schaft an. Aber auch dieses Glück war von kurzer Dauer, denn mit dem Ersten Weltkrieg war es auch damit zu Ende. Erst von der Mitte dieses Jahrhunderts an begann wieder eine Aufwärtsentwicklung mit dem Erstarken des Breiten-Tourismus. Gleichzeitig gingen in der Landwirtschaft durch Rationalisierung noch mehr Arbeitsplätze verloren, und die Bevölkerungszahl sank. Die neunziger Jahre brachten eine erneute Krise mit dem Einbrechen des auf Bauten und Infrastruktur konzentrierten Tourismus. Deshalb ist die Region jetzt daran, sinnvolle Entwicklungen für ihre Zukunft zu planen und realisieren.

Zukunftsträchtige Landwirtschaft?

Der erste Eindruck täuscht nicht: Hier wird noch intensiv Berglandwirtschaft betrieben. Schon kurz ob Châ-teau-d'Oex befindet sich unsere Gruppe der Sektionsbeauftragten in einer sehr ländlichen, von einer Gruppe « glücklicher » Alpschweine geprägten Umgebung, und der zweite Halt erfolgt nur etwas weiter bei einem Bergbauernhof. Von hier aus sieht man keine zu Feriendörfchen mutierten Alpen und keine vergandeten Hänge.

Auch für die Zukunft wird der Berglandwirtschaft noch eine grosse Bedeutung beigemessen. Dies äussert sich vor allem in der Raumplanung der Region, die die Erhaltung der besten Landwirtschaftszonen zwingend vorschreibt - auch wenn es sich um beste Chalet-Lagen handelt.

Eine der vielen geschützten Landschaften im Pays d' Enhaut: die wunderbaren Auenwälder entlang der Sarine Blick von Nordwesten auf Château-d'Oex ( im Vordergrund ); dahinter die Gumm-fluhkette mit dem ältesten Naturschutzgebiet der Region Erstaunlicherweise gab sich die Region diese strenge Raumplanung schon in den sechziger Jahren!

Wirtschaftliche Zielsetzungen Eine Klein-Industrialisierung will das Tal nicht, jedoch ein starkes lokales Gewerbe. Um die heutige Bevölkerung von etwa 4500 Menschen stabil zu halten, müssen jedes Jahr 5-10 neue Stellen geschaffen werden. Dies soll vor allem im Sektor Tourismus geschehen. Den Verantwortlichen schwebt eine schonende, nicht auf neuen Bauten und Infrastrukturen basierende Entwicklung vor. Es werden keine Bahn- und Skiliftanlagen mehr gebaut - obwohl es, verglichen mit andern Tourismusgebieten der Alpen, nur sehr wenige gibt. Man will keine ausufernden Chaletsiedlungen - die entsprechenden Vorschriften sind streng. Man will auch kein « Heidiland » - die Alpwesen dürfen nicht zu Ferienhäuschen umfunktioniert werden. Ein bescheidener « Agritou-rismus » und sanfter Sport werden gefördert. Das Projekt « Etivaz » könnte richtungweisend sein: Eine Alpregion schliesst sich zusammen, baut sich ein eigenes Produkt auf - in diesem Fall Käse - und vermarktet es auch selber, mit flankierenden Massnahmen wie Schaukäsen, Kursen usw.

Fast nur geschützte Natur Färbt man auf einer Karte alle Gegenden der Region ein, die in irgendeiner Art unter Schutz gestellt sind, so bleibt nur wenig « unge-schützte« Landschaft übrig. Es gibt BLN-Gebiete2, kantonale Naturschutzgebiete, geschützte Moore und Flussufer, Biotope. Ein ungewöhnlicher Fall. Der Blick nach Norden in die steilen Hänge des Vanil-Noir-Massivs, wo das grösste Schutzgebiet liegt, ist denn auch eindrücklich: Kaum eine Spur menschlicher Einwirkung. Und so geht dies noch viele Kilometer weiter, bis zum Jaunpass hinüber. Die beiden ansässigen Adlerpaare, die sich beim Kreisen im stahlblauen Himmel beobachten lassen, verstärken noch den Eindruck grossartiger Ursprünglichkeit. Bis jetzt ist der wirtschaftliche Nutzen von so viel ungestörter Natur noch recht bescheiden - aber vielleicht ändert sich auch dies in der Zukunft. Auf jeden Fall können die Menschen hier sehr gut leben mit ihren vielen Schutzgebieten - niemand hat das Gefühl, die Region sei dadurch in der Entwicklung behindert.

01 ü ;BLN: Bundes-Inventar der Landschaften von nationaler Bedeutung Schutz der Gebirgswelt Sanfter Sport Zum Konzept der Region gehört die Förderung von « sanftem Sport ». Sanfter Sport braucht keine Bau-Infrastruktur und keine Motorisierung. Man rechnet dazu neben den klassischen Angeboten wie Wandern, Bergsteigen und Reiten: Mountainbiking, Schlauchbootfahren, Hydro-speed, Canyoning, Gleitschirmfliegen, Deltasegeln usw.

Der Stelleneinbruch bei der Hôtellerie wurde bisher vollständig kompensiert durch neue Stellen in Bereich dieser neuen Aktivitäten. Doch auch hier gibt es bei der nachhaltigen Umsetzung Probleme. Das wichtigste ist dasjenige der Quantität - einige der Sportarten werden zum organisierten Massensport. Ein Beispiel: es ist keine Beeinträchtigung für die Fauna und Flora, auch nicht für die Fischer an der wunderbaren Auenlandschaft entlang der Sarine, wenn hie und da ein Schlauchboot vorbeifährt. Wenn aber fünf Unternehmen an einem schönen Sommertag dreimal mit je drei Booten den Fluss befahren45 Befahrungen ) und zudem alle Boote unterwegs an einer schönen Kiesbank für einen Picknick-halt mit Feuer anlegen - dann ist die Gefährdung eben nicht mehr vernachlässigbar. Erschwerend kommt hinzu, dass drei der fünf Unternehmen auswärtige Grossanbieter sind, die der Region wirtschaftlich nichts bringen, keine Verwurzelung in der Gegend haben und für Pflege und Unterhalt der Landschaft und Natur nichts beitragen. Es braucht daher Lenkungsmassnahmen und Kontrollen sowie sorgfältige Interessenabwä-gungen durch die regionalen politischen Instanzen. Dies kann unter Umständen auch zeitliche und örtliche Einschränkungen der Aktivitäten einschliessen.

Diese wichtigen Aufgaben werden von der « Association » wahrgenommen. Als Beispiel für solches Handeln sei die 1997 in der Region stattfindende Mountainbike-WM erwähnt: Die Strecke soll ein Stück weit entlang der Sarine auf einem bestehenden Wanderweg durch den geschützten Auenwald führen. Dem wurde unter der Bedingung stattgegeben, dass entlang dieses Teilstückes keine Zuschauer zugelassen werden, um Trampelschäden im Wald zu vermeiden.

Wie weiter?

Die Art und Weise, wie diese Bergregion versucht, mit Mut, Verantwortungsgefühl, Idealismus und Schwung eine ökologisch und ökonomisch nachhaltige Zukunftsentwicklung zu planen, kann als Musterbeispiel im Kleinen von dem angesehen werden, was die Alpenkonvention im Grossen will. Ob und wie gut sich dieser Weg verfolgen lässt, muss die Zukunft zeigen - ohne Schwierigkeiten und Rückschläge wird es kaum abgehen. Wenn jedoch über die ganzen Alpen hinweg derartige Konzepte üblich werden, schafft dies erstens viel Solidarität innerhalb der Alpenregionen und zweitens viel mehr Einfluss gegen aussen - beispielsweise gegenüber einer EG-Zentrale.

Jürg Meyer, Beauftragter für den Schutz der GebirgsweltPays d' Enhaut: Ungewisse Zukunft einer kleinen Bergregion abseits der grossen internationalen Verkehrswege ( Aussicht von einem Punkt oberhalb Châ-teau-d'Oex Richtung Col des Mosses )

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