Piz Palü – nur für Könner. Mit dem Snowboard im Hochgebirge

Piz Palünur für Könner

Schon immer hat der Piz Palü Skitourengänger angezogen. Neuerdings schlägt er auch Snowboarder in seinen Bann. Die guten Boarder müssen über eine exzellente Kondition vor allem für den Aufstieg verfügen, am Seil fahren können und – total un-cool – unter Umständen sogar Stöcke einsetzen.

Kaum ein anderer Gletscher zeigt so ungehemmt seine abgrundtiefen Spalten und hält gleichzeitig dermassen heimtückische Risse und Runsen unter einer trügerischen Schneedecke verborgen wie der Persgletscher zwischen Diavolezza und Piz Palü. Trotzdem übt diese hochalpine Eiszunge eine Anziehungskraft auf Touristen und Alpinisten aus, die ihresgleichen sucht. Zu Tausenden bestaunen ihn die Gäste, die mit der Seilbahn vom Berninapass auf die Diavolezza gelangt sind. Und zu Dutzenden pfaden Skitourengänger im Winter immer neue Wege durch das Spaltenlabyrinth. Neuerdings tauchen am Piz Palü noch andere Wesen auf. An ihren weichen Snow-boardschuhen sind Schneeschuhe festgezurrt. Ihre Rucksäcke verbergen sie unter Brettern, die sie wie Hinkelsteine überragen. Snowboarder sind es, unterwegs wie Obelixe. Die einen mit, die andern ohne Zaubertrank.

Glühwürmchenatmosphäre

Unheimlich krachen bei der Abfahrt vom Berghaus Diavolezza zum Gletscher die gefrorenen Schneeschollen unter den Brettern der Boarder. Noch steht der Mond über dem Palü, denn sie sind vor sechs Uhr morgens losgefahren. Der Lichtkegel der Stirnlampen reicht kaum über die Nase des Boards hinaus. Die meisten Boarder nehmen bei dieser Abfahrt die Skistöcke zu Hilfe, um das Gleichgewicht zu wahren. Die Rucksäcke wiegen schwer, denn darin sind Steigeisen und Pickel verstaut. Die anschliessende Montage der Schneeschuhe zieht sich ebenso in die Länge wie die « Glühwürmchen-Prozes-sion », die sich langsam in weiten Kehren Die Palükette im Mondschein Sicher mit dem Snowboard auf Hochtouren – Sicherer als Schneeschuhe sind Kurzski als Aufstiegshilfe. Am besten solche mit abnehmbaren Fellen und einer vollständigen Tourenbindung. Das erlaubt, im Bedarfsfall ( Steiltraversen, Gegenanstiege ) vom Brett vorübergehend wieder auf die Ski umzusteigen. – Schneeschuhe müssen alpintauglich sein. Alurahmen sind genauso gefährlich ( ausrutschen ) wie eine mangelnde Ausstattung mit griffigen Zahnkränzen. – Das Snowboard ist so am Rucksack zu befestigen, dass der Luftwiderstand und die Behinderung möglichst gering gehalten werden kann. Auf keinen Fall waagrecht – Es ist wichtig, dass der Rucksack gut angepasst ist, um mit den Tragriemen das zusätzliche Gewicht möglichst auffangen zu können. – Auch wenn unter Snowboardern fürchterlich verpönt: Der Sicherheit zuliebe lohnt es sich, bei heiklen Passagen oder bei starkem Wind Skistöcke – oder gar in einer Hand einen Pickel – zu Hilfe zu nehmen, um das Gleichgewicht zu festigen. – Nie vergessen, auf dem Gipfel eventuelle Eisrückstände von der Lauffläche des Boards wegzukratzen. Wenn es in der Steil-passage unter dem Brett rupft, ist es zu spät. – Am Seil fahren muss gelernt sein – ob mit Ski oder Boards. Also: ÜbenSnowboardtouren erfordern ein anderes Zeit- und Kraftmanagement als Skitouren. Bevor eine Hochtour angepackt wird, muss der Snowboarder ein Gefühl dafür entwickelt haben, wie viel Zeit er bei welchen Verhältnissen braucht und wie viel er sich kräftemässig zumuten kann. – Um beim Umrüsten von den Schneeschuhen auf die Boards keine Zeit zu verlieren, muss dies rechtzeitig trainiert werden. – Auch das Gehen mit den Softboot-Steig-eisen muss vorgängig geübt sein. Was können sie leisten, was nicht? bergauf arbeitet. Auch wenn die Snowboarder von Skiaufstiegsspuren profitieren, ist das Vorwärtskommen mit den Schneeschuhen hart genug. « Bei tiefem Schnee kostet der Aufstieg mit Schneeschuhen mindestens ein Drittel mehr Kraft als mit Ski », sagt Bergführer und Spezialist für Snowboardtouren Walter Müller.

Gletscherspalten«wie ein Einfamilienhaus »

Heute ist der Schnee tief, einen halben Meter mindestens. Der Tag naht, und mit ihm die erste Bruchzone. « Shit !», entfährt es Sebi. Der 18-jährige Lehrling aus Schaffhausen starrt hinunter in die Tiefe eines « Riesenschranzes ». So etwas hat er noch nie gesehen. Sein Bruder Florian stapft voraus, auf einer Kante zwischen zwei Spalten, in denen man ohne weiteres ein Einfamilienhaus versenken könnte. Seil und Nerven sind angespannt. Dann hält Florian inne, stakst sorgfältig zurück. Vor ihm tut sich im Schnee ein Loch auf. Ein kleines nur, aber mit einem Schwindel erregenden Tiefblick. Drei Meter weiter rechts hält die Schneebrücke stand. Glücklich er- Auch das muss gelernt sein: Festzurren des Boards auf dem Rucksack. Mit klammen Fingern und im Schein der Stirnlampe In aller Herrgottsfrühe: Aufbruch beim Diavolezza- Berghaus Fotos: David Coulin reicht Florian die andere Seite des Spal-tenlabyrinths. Er weiss: Der Gletscher hat schon seine Arme nach ihm ausgestreckt. Oder wars die Diavolezza, jene teuflische Fee, die gemäss Sage mit ihren Gesängen schon manchem Jäger den Kopf verdrehte und ihn in tödliche Glet-scherschlunde lockte?

Aufstieg kostet Energie

Immer tiefer gräbt sich die Spur in den bodenlosen Pulverschnee. Dafür hat die Bergfee den Wolkenmantel über dem Gipfel des Piz Palü, 3901 m, abgestreift. Er scheint zum Greifen nah. Aber der Aufstieg zieht sich dahin, der Atem geht rasch. Auch das letzte Stück hat es in sich. Die Spalten sind zwar nun kleiner, aber Nicht ganz ohne: Blick ins Bodenlose Langsam, aber stetig vorwärts: Die Snowboarder mit ihren aufgeschnallten Brettern erinnern an Obelixe aus einem Comics-band.

Fotos: David Coulin unter einer dünnen Schneeschicht glitzert blankes Eis. Die Skitourenfahrer montieren ihre Harscheisen, den Snow-boardalpinisten müssen die Krallen genügen, mit denen die Schneeschuhe ausgerüstet sind. « Vor allem im Frühling, wenn Schrägpassagen vereist sind, werden sie für Schneeschuhe zum Problem », sagt Walter Müller. Ausrutschen ist verboten: « Wenn jemand mit Schneeschuhen ausgleitet, kann er sich kaum mehr auffangen », warnt Müller. Anseilen ist also Pflicht. Die speziellen Softbootsteigeisen, die die Snowboarder im Rucksack haben, sind hier unbrauchbar. « Sie haben sich bewährt für kurze Schlussaufstiege », sagt Walter Müller. « Aber für Steileispassagen wie hier sind sie doch zu leicht. »

Zu viel Eis, zu wenig Kraft

So gerät der Aufstieg über diese Steilstufe für Florian, Sebi und die andern Snow-boardkameraden zu einem « Himmel-fahrtskommando ». Gut gesichert zwar, aber trotzdem mit jeder Menge Adrenalin im Blut, eiern sie mithilfe ihrer Eispickel über die vereiste Gratkante. Oben auf der Schulter, 150 m unter dem Gipfel, ist Endstation. Zu blank gefegt ist der letzte Aufschwung, zu viel Zeit und Kraft ging bis hier hinauf verloren. Inzwischen hat sich der Schnee unter der Eispassage so weit gesetzt, dass sie auch für die Snowboarder machbar ist. Langsam rutschen sie über die Eislamelle ab, in der einen Hand festgekrallt der Pickel, in der an- Die Abfahrtsspur folgt dem Auf-stiegstrassee durch das Spaltenlabyrinth. Der Palügletscher zählt zu den gefährlichsten des Landes.

Der Aufstieg auf den Piz Palü gleicht einem Tanz zwischen Spalten.

Runter im hüfttiefen Pulver: Während die Skifahrer in den Schneemassen stecken bleiben, reiten die Boarder wie auf weissen Wellen zu Tal.

Vorsichtsmassnahme: in der einen Hand einen Skistock, in der andern den Pickel, denn das Board hat nur eine Kante. Wer da rutscht, kann sich nur noch schwer auffangen.

dern das Fixseil. « Gerne wäre ich für einige Momente auf zwei Kanten gestanden statt nur auf einer », wird Sebi nachher sagen.

Im Teufelsritt

Aber diese Momente sind schnell vergessen. Den Skitourengängern gehörte der Aufstieg, den Boardern nun die Abfahrt. Ein Teufelsritt in Weiss, zehn Kilometer lang mit 1900 m Höhendifferenz, in der Falllinie mit viel Rücklage und feinen Steuerbewegungen aus der Hüfte heraus. Pulverschnee stiebt über die Köpfe der Boarder. « Geil » – mehr bringt Sebi nicht über die Lippen. Euphorie, die stumm macht. Die Skifahrer hingegen sind weniger begeistert. Sie werden von den gewaltigen Schneemassen gnadenlos ausge-bremst. Die Boarder warten auf ihre Kameraden. Dann zischen sie wieder los. Ein feines Zirkeln zwischen den Eistürmen der unteren Bruchzone hindurch, um ja nicht zu tief zu kommen. Denn es gibt für Snowboarder nichts Mühsame-res, als im tiefen Schnee zurückzusteigen. Dann gibts kein Halten mehr: Die Bretter fliegen über schier endlose Firnfelder, die Boarder rauschen von der Anspannung befreit und völlig losgelöst hinunter bis zur Isla Persa.

Erst hier verstummt das Sausen des Fahrtwindes in den Ohren. Oder war es das Wimmern der teuflischen Fee Diavolezza, die hier immer noch den verschollenen Jäger Aratsch beweint? « Mort Aratsch », soll es immer wieder vom Berg her tönen, « Aratsch ist tot ». Deshalb der Name: Morteratsch. Dazwischen die berühmte Gletscherabfahrt, die leider nur allzu bald keine mehr sein wird. Schon in dreissig Jahren werden die Zungen des Pers- und Morteratschgletschers zu kurz sein, um die Isla Persa, die « verlorene Insel », zu erreichen. Noch aber hält der Firn die Piste frisch, und ein weiterer Megaride schliesst sich an. Tempoteufel gehts von der Isla Persa direkt hinunter bis vor die eiserne Zunge der Zivilisation: zum Gleis eins der RhB-Bahnstation Morteratsch. 1 a David Coulin, Horw 1 Im Gebiet Diavolezza sind dank Seilbahnunter-stützung lange, steile Rides mit kurzen Schneeschuh-anstiegen möglich – ein Mekka für Snowboardtouren. Generelle Infos unter Pontresina Tourismus, Tel. 081 838 83 00, www.pontresina.com; Diavolezza Bahn AG, Tel 081 842 64 19, www.diavolezza.ch.

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