Ponte Brolla: Genuss auf Gneis.

Es hat sich unter den Plaisirklet-terern jeglichen Niveaus herumgesprochen: Die Felsen des südlichen Maggiatals verwöhnen mit einer unerschöpflich grossen und abwechslungsreichen Auswahl von Klettermöglichkeiten. Ein Bericht über die sonnigen und schattigen Seiten des Tessiner Gneises.

In den Achtzigerjahren waren im Tessin die Besitzverhältnisse unter dem Klettervolk noch klar geregelt: Die Luganesi beanspruchten die Denti della Vecchia und später die Felsen der Leventina; Bergsteiger aus Locamo bekletterten die Wände oberhalb von Avegno sowie die Granitkuppen Arcegnos; die sonnenhungrigen Zucchini (Tessiner Spottname für Deutschschweizer) schliesslich setzten ihre Bohrhaken vor allem am Rovine del Castelliere oberhalb von Ponte Brolla. Grobe Verstösse gegen diese regionale « Revier»-Aufteilung wurden bestraft. So geschehen einer Deutschschweizer Seilschaft: Die Kletterer wollten eine Route an den Pinocchioplatten fertig bohren und anschliessend freiklettern. Um die besseren Karten für dieses Abenteuer in der Hand zu haben, deponierten sie Haken, Hammer und Bohrmeissel am letzten Standplatz und hofften, damit für den Vorstoss ins Ungewisse bestens vorbereitet zu sein. Doch am folgenden Wochenende war ihre Ausrüstung spurlos verschwunden. Mit langen Gesichtern reisten sie unverrichteter Dinge wieder ab. Die Botschaft wurde verstanden, und von da an fieberten sie nur noch an «ihren» Felsen am Rovine del Castelliere der nächsten Erstbegehung entgegen.

Es sind vor allem die Freikletter-pioniere Tinu Brunner, Marcel Hunziker und Pesche Wüthrich, die an der von Felsbändern durchzogenen Hügelkuppe oberhalb des Dorfes Ponte Brolla die ersten Routen eröffnen. In einer Zeit, da es noch keine Kletterhallen gibt und das schmale Freiklet-terbudget eine Reise nach Monaco oder in die Calanques nicht immer ermöglicht, bieten ihnen diese sonnigen Wände auch im Winter willkommene Trainingsmöglichkeiten. Sie stählen hier nicht nur die Unterarmmuskulatur, sondern auch ihre Nerven. « Das Risiko gehörte damals ebenso zur Herausforderung wie die Schwierigkeit », erinnert sich Pesche Wüthrich. Während die anderen die Routen einrichten, ringt er den « ingebohrten Problemen» oft die ersten  Rotpunktbegehungen ab, so zum Beispiel in «Robert Lembke» 5 c, «Anarchia» 6a oder «Pesches Frühschoppen» 6b. Einige Jahre später sind die « Extremen » diesen kaum senkrechten Routen entwachsen. Ihre Herausforderung ist jetzt der achte oder gar neunte Grad (UIAA), und dazu finden sie im Urgestein kaum kletterbare Linien.

Genau zu diesem Zeitpunkt taucht Hans Müller zum ersten Mal mit einer Schulklasse in Ponte Brolla auf. Der berner Oberländer Bergführer organisiert regelmässig Kletterkurse für Jugendliche. Was ihm fehlt, ist ein geeigneter Übungsfelsen. Die am Rovine del Castelliere noch schlummernden Klettermöglichkeiten in den gemässigten Schwierigkeitsgraden überzeugen ihn sofort. Als er zufälligerweise in Ponte Brolla noch ein Rustico pachten kann, ist der erste Haken schnell gebohrt. Mit Einverständnis der Erstbegeher saniert er auch die bestehenden Touren. Hans möchte, dass seine jungen - und ab und zu auch älteren - Gäste von Anfang an vorsteigen: «Dies steigert die Eigenverantwortung und Aufmerksamkeit viel mehr als das Klettern einer zu schwierigen Route im Toperope.» Wenn sie, die locker einen Siebner schafft, mit ihm, der gerade so einen Fünfer führt, klettern möchte, dann können in Müllers Routen beide «ihre» Seillängen beruhigt vorsteigen.

Der Bergführer möchte seinen Kunden immer wieder eine neue Auswahl an Kletterrouten anbieten. Einige tausend Haken später gilt Hans als Haupterschliesser der Felsen hier am Südende des Maggiatales.

In den letzten zwanzig Jahren sind in dieser Region rund 500 Seillängen entstanden, davon allein 160 am Rovine del Castelliere. Einige der Routen zählen bis zu sieben Seillängen. Trotz dieser Länge ist die Kletterei aber wenig ausgesetzt, da die Routen immer wieder von dicht bewachsenen Terrassen unterbrochen werden. Der Fels ist oft sonderbar strukturiert wie zum Beispiel in «Eugenio» 4b+, in der die Schwerkraft dank gelben Einschlüssen und Dellen überlistet wird, oder in der vom Einstieg aus eindrücklich schwierig erscheinenden «Robert Lembke» 5c. Die Herausforderungen von damals sind die Genussklassiker von heute.

Auch Pesche Wüthrich ist wieder ins Tessin zurückgekehrt. Nicht etwa aus Mangel an Trainingsmöglichkeiten rund um seine Heimatstadt Bern, sondern als Leiter von Canyoning-und Klettertouren für die Tessiner Zweigstelle eines schweizerischen Adventure-Unternehmens.

Immer noch auf der Suche nach Höchstschwierigkeiten im Fels hat er sich in seiner Umgebung ein bisschen genauer umgeschaut und ist im Urgestein doch noch fündig geworden: Ganz rechts um die Ecke des Rovine del Castelliere hat es zwar schon einige Routen gegeben, doch in den letzten Jahren sind die leicht überhängenden Gneisfelsen dieses Settore Est wieder in Vergessenheit geraten. Dies vielleicht auch darum, weil der erste Eindruck nur wenig dem idyllischen Bild des südlichen Kletterziels mit dazu passendem Ambiente entspricht. Beim Zustieg zwängt man sich an alten Armeeanlagen vorbei, und ein Pullover ist hier nützlicher als Sonnencreme.

Doch dieser kühle Schatten ist für den Ex-Berner das Plus: Um in schwierigen Routen Mikrogriffe halten zu können, ist es in der Sonnenstube der Schweiz oft viel zu warm. Systematisch und immer begeisterter, hat er sich an die Arbeit gemacht und Ponte Brolla um weitere 62 Klettermöglichkeiten bis 8b ( 10 UIAA ) bereichert. Zum Glück hat er aber nicht nur an den Trainingszustand seiner Unterarme gedacht. Auch zwischen 5 c und 6 c+ sind vierzehn Routen entstanden. Besonders empfiehlt Pesche « La diga » 6b. Obwohl nur 12 Meter lang, stellt die Leistenkletterei grosse Anforderungen an die Ausdauerkraft. Ebenso rühmt er die gnadenlos lange und abwechslungsreiche Seillänge « The Crew » 6b+. Diese überrascht am Ausstieg mit einer kurzen Risspassage.

Die Qualität des Klettergebiets Ponte Brolla zieht immer mehr «Rocciatore» an, wie das Klettervolk auf Italienisch heisst. Sogar im vergangenen November, als viele die Ausrüstung bereits im Kellerabteil eingewintert hatten, zählte man im nahen Campingplatz Piccolo Paradiso an einem Wochenende 150 Kletterer. Dies nicht immer zur Freude der Dorfbevölkerung. Hausbesitzer, die unterhalb der Felsen wohnen, ärgern sich oft über die bunte und manchmal auch Lärm machende Horde, die vor allem an Wochenenden über die Felsen herfällt. Vor einigen Jahren eskalierte der Ärger, eine Sperrung des Gebiets schien unabwendbar. Doch dann realisierte man, dass vor allem in der sonst flauen Zwischensaison die Rocciatore der lokalen Wirtschaft willkommene Einnahmen bescheren. Die Protestwogen haben sich wieder geglättet. Damit das so bleibt, sollten Kletternde nicht nur das Verbot des wilden Campierens beachten, sondern für das Après-Climb auch weiterhin die lokalen Gasthäuser berücksichtigen.

Neuerdings ist festzustellen, dass sich die Ära des Kletterregionalismus langsam dem Ende zuneigt. Gerade im «Settore Est» trainieren heute die «extremen» Zucchini, Luganesi und Kletterer aus Locamo zusammen in einer freundschaftlich-sportlichen Atmosphäre.

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