Pro und kontra Windkraft Der Wind, der Wind, das umweltpolitische Sorgenkind

Windkraft ist eine umweltfreundliche Energie, die man in der Schweiz insbesondere in den Bergen ausbauen sollte, sagen ihre Befürworter. Windkraftanlagen verschandeln die Landschaft und tragen nur minim zur Stromversorgung bei, erwidern die Gegner. Im kleinen Rahmen nutzt der SAC die Windenergie für seine Hütten – mit gewissen Problemen.

Skeptisch steht Richard Patthey von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz den Projekten gegenüber. Die Alpenlandschaft sei besonders schutzwürdig, sagt er. « Nur weil Pässe schon durch Hochspannungsleitungen verunstaltet sind, heisst das nicht, dass man jetzt alles machen darf. » Die Stiftung Landschaftsschutz sieht in der Schweiz wegen ungünstiger Windverhältnisse und der schwierigen Topografie nur ein bescheidenes Potenzial für die Windenergie. Die negativen Auswirkungen auf Landschaft und Natur hält sie hingegen für gravierend. Patthey schätzt, dass in der Schweiz fünf bis zehn Windparks sinnvoll wären. Zählt man Einzelanlagen dazu, würden nach Patthey in der Schweiz dereinst 70 bis 100 Rotoren ihre Runden drehen. Ihr Beitrag zur Stromversorgung bliebe weit unter einem Prozent.

Die Befürworter dagegen glauben, dass ein substanzieller Anteil des Strombe-darfs durch Windstrom gedeckt werden kann. Dazu müssten an allen einigermassen geeigneten Standorten Windkraftanlagen gebaut werden. Was aber ist ein geeigneter Standort? Mit dem « Konzept Windenergie Schweiz » von 2004 wollten die Bundesämter für Energie ( BFE ), für Umwelt, Wald und Landschaft ( BUWAL ) ( heute BAFU ) und für Raumentwicklung ( ARE ) Grundlagen liefern, um diese Frage zu beantworten. Wichtigste Voraussetzung für einen Standort ist genügend Wind. Im Konzept wurden nur Gebiete berücksichtigt, in denen die mittlere Windgeschwindigkeit auf der Höhe der Rotornabe mindestens 4,5 Meter pro Sekunde beträgt. Dabei zeigte sich, dass hauptsächlich der Jura und die Alpen infrage kommen ( vgl. Abb. S. 26 ). Allerdings dürfen nicht überall, wo der Wind tüchtig durch-pfeift, An lagen hingestellt werden. Das Konzept nennt Ausschlusskriterien. Dazu gehören alle nationalen Inventare und Schutzgebiete: Hoch- und Flachmoore, Auengebiete, Naturdenkmäler, Jagdbanngebiete, der Nationalpark, UNESCO-Weltnaturerbe und weitere geschützte Landschaften.

Die Windenergiebefürworter wollen, dass man auch in der Schweiz bald vermehrt auf Installationen trifft wie diesen Windpark bei Schönberg in der Steiermark. Foto: Herzi Pinki, W ikipedia Bisher wurde auf der Grimsel mit solchen Masten erst der Wind gemessen. Geht es nach den Vorstellungen der Firma SwissWinds, entsteht hier ein Windpark. Die Montage des Rotors verdeutlicht die Dimensionen der Windanlage im Entlebuch. Foto:Suisse Eole Foto: W erner Kallinich 0 – 2,4 m/s 2,5 – 3,4 3,5 – 4,4 4,5 – 5,4 5,5 – 6,4 6,5 – 7,4 7,5 – 8,4 8,5

Maximale « Windstärke » von sieben Prozent

Alle Bedingungen erfüllen 110 Standorte. Der grösste Teil davon befindet sich in den Kantonen Bern ( 32 ), Neuenburg ( 29 ), Jura ( 20 ) und Waadt ( 19 ). Als die Standorte in eine breite Vernehmlassung geschickt wurden, schieden 30 gleich wieder aus, 12 wurden als unbedenklich eingeschätzt, bei 68 erachtete man weitere Abklärungen als erforderlich. Das Konzept nennt ausserdem 16 Standorte, für die bereits kantonale oder kommunale Planungen existieren. Würden die 16 Standorte mit bestehenden Planungen und die 12 unbedenk-lichen voll ausgebaut ( 189 Windkraftanlagen ), wäre eine Jahresproduktion von 316 Gigawattstunden ( GWh ) möglich. Das entspricht dem Strombedarf von gut 90 000 Haushalten. Nimmt man die noch abzuklärenden Standorte dazu, kommt man auf 728 Windräder mit einem Potenzial von gut 1150 GWh. Diese Zahlen sind jedoch in der Zwischenzeit überholt. Im Konzept aus dem Jahr 2004 ging man von Stahltürmen von rund 70 Metern Höhe und einem Rotordurchmesser von etwa 60 Metern aus. Inzwischen gibt es Anlagen, die 100 Meter hoch sind und grössere Rotoren tragen. Wie Markus Geissmann vom Bundesamt für Energie erklärt, werden damit Gebiete interessant, die man im Konzept noch nicht berücksichtigt hat. Entsprechend steigt das Potenzial: « Langfristig sind jährlich 4000 GWh möglich », sagt Geissmann. Das entspräche sieben Prozent des Strombedarfs im Jahr 2000.

Die Karte zeigt die im « Konzept Windenergie Schweiz » identifi-zierten potenziellen Standorte für Windparks auf. Die Zahlen beziehen sich auf eine Liste, in der alle Standorte durchnummeriert sind. www.wind-energie.chFotos: © Suisse Eole prioritäre Standorte übrige Standorte Mittlere Windgeschwindigkeit 70 m über Grund Gegenwind vom Bundesrat Ein Entscheid des Bundesrates könnte die Windenergienutzung in der Schweiz stärker bremsen als der Widerstand der Landschaftsschützer. Er hat festgelegt, dass die Windenergieproduzenten für eine Kilowattstunde – je nach Standort – zwischen 17 und 20 Rappen erhalten. Viel zu wenig, findet Suisse Eole, die Vereinigung zur Förderung der Wind-energie. Zu diesem Tarif liessen sich Anlagen nur noch an Standorten mit einer Windgeschwindigkeit von mindestens sechs Meter pro Sekunde realisieren, sagt Co-Geschäftsführer Reto Rigassi. « Suisse Eole wird alles daran setzen, dass möglichst bald höhere Tarife erreicht werden können. Eine Anpassung vor 2010 erscheint aber als eher unwahrscheinlich. »

Uneinigkeit bereits bei den Konzepten

Die Stiftung Landschaftsschutz hat in der Begleitgruppe zum Konzept Wind-energie Schweiz mitgearbeitet, den Schlussbericht aber abgelehnt. Sie fürchtet einen Boom von Anlagen und fordert strengere Bundesvorgaben, die für die Kantone verbindlich sind. Markus Geissmann hat durchaus Verständnis für diese Forderung nach Vereinheitlichung. Aber das Ansinnen sei aussichtslos. Der Bund habe nicht die Kompetenzen, den Kantonen Vorgaben zu machen. Für Geissmann hat das Windenergiekonzept aber etwas gebracht. Es ist vielerorts in die Planungen eingeflossen. Er hält wiederum wenig vom « Leitfaden für die Planung von Windkraftwerken », den die Stiftung Landschaftsschutz dieses Jahr vorlegte. Dieser fordert zusätzliche Ausschlusskriterien für Windkraftanlagen. So sollen neben den nationalen auch die kantonalen Schutzgebiete oder exponierte Kreten verschont bleiben. Würden diese Kriterien angewandt, sind nicht mehr viele Windkraftanlagen möglich. Zwar sei es nicht von der Hand zu weisen, dass die Landschaft von allen Seiten unter hohem Druck stehe, räumt Geissmann ein. Es sei aber falsch, ausgerechnet bei einer sehr umweltverträglichen Technologie so unnachgiebig zu sein.

Kritische Haltung des SAC

Und wie stellt sich der SAC zur Wind-energie? In seinen Umweltrichtlinien heisst es, « grosse Windkraftanlagen sollten nur in bereits erschlossenen Zivilisa-tionsräumen erstellt werden. In landschaftlich wertvollen und ausgesetzten Standorten werden Windräder abgelehnt. » « Der SAC steht Windanlagen in den Alpen kritisch gegenüber », sagt Thomas Gurtner, Bereichsleiter Umwelt des SAC. « Einzelne Projekte werden jedoch in der Regel erst beurteilt, wenn konkrete Pläne vorliegen. Zu beurteilen gilt es insbesondere die Landschaftsver-träglichkeit. » Im Gegensatz zur Stiftung Landschaftsschutz hat der SAC bisher noch nie Einsprache gegen ein Wind-energieprojekt erhoben.

Die Windräder des SAC

Anders als bei grossen Windkraftanlagen ist der SAC bei kleinen Windrädern nicht nur kritischer Beobachter, sondern auch Nutzer. Bei einem halben Dutzend SAC-Hütten stehen kleine Windanla-gen. Sie sind aber nicht höher als sechs Meter, und der Rotordurchmesser ist jeweils unter einem Meter. Peter Büchel, der ehemalige Fachleiter Hüttenbau des SAC, bezeichnet die kleinen Windanla-gen als « Notnägel », die nur als Ergänzung zur Fotovoltaik punktuell zum Einsatz kommen. Ihr Vorteil ist, dass sie dann Strom liefern, wenn die Sonne weg ist, weil es bei schlechtem Wetter häufig windet. « Technisch ist der Betrieb einer Windanlage aber schwieriger, als wir gedacht haben », sagt Büchel. Es gibt eine ganze Reihe von Problemen. Der Wind bläst in aller Regel sehr unregelmässig. Felskanten und die Hütten selber sorgen für Turbulenzen. Das kann die Leistung der Anlage schmälern und sie beschädigen. Letzteres gilt auch für starke Böen. Ein weiteres Problem ist die Vereisung der Rotoren. Es ist schon vorgekommen, dass ein Rotor runtergefallen ist, im dümmsten Fall aufs Hüttendach. Diese Schwierigkeiten bringen es mit sich, dass die Anlagen häufig im Winter demontiert werden und eigentlich nur betrieben werden können, wenn die Hütte bewartet ist. Ein weiterer Faktor, der gegen Windräder spricht, ist, dass sie pfeifen. Wenn sie nahe an einer Hütte stehen, kann das sehr lästig sein. Land-schaftsschützerisch hält Büchel Klein-windan lagen für wenig bedenklich: « Sie sind ja nicht höher als die Fahnenstange .» a Andreas Minder, Zürich Auf der Website www.wind-data.ch gibt es Informationen über sämtliche bestehenden Windkraftanlagen in der Schweiz.

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