Reduktionsmethode im Computerzeitalter Eine neue Methode hilft bei der Planung einer Skitour mit tiefem Lawinenrisiko

Die klassische Reduktionsmethode hat eine Nachfolgerin: die Quantitative Reduktionsmethode (QRM). Sie zeigt erstmals das statistische Risiko an, eine Lawine auszulösen. Damit ist es möglich, Lawinenhänge zu Hause in der warmen Stube zu erkennen. Die eigenverantwortliche Beurteilung vor Ort ist aber immer noch unerlässlich.

Werner Munters Reduktionsmethoden und alle daraus abgeleiteten Methoden wie «Grafische Reduktionsmethode», «Stop or go» oder «Snowcard» verknüpfen Steilheit und Lawinengefahr: Je höher die Gefahrenstufe, desto flacher sollte die Skitour sein. Eine computergestützte Anwendung der «Grafischen Reduktionsmethode» findet sich seit vier Jahren auf der Onlineplattform www.skitourenguru.ch. Dort wird das Risiko von 1000 Routen täglich anhand des aktuellen Lawinenbulletins und digitaler Geländedaten bewertet. Die Resultate werden auf einer Karte in den Farben Grün (tiefes Risiko), Orange (erhöhtes Risiko) und Rot (hohes Risiko) dargestellt.

Trotz Munters markiger Botschaft zur Reduktionsmethode «Rechnen statt schaufeln!» kann man das Rechnen künftig bleiben lassen – das übernimmt der Computer. Munters Methode hat nämlich eine neue Nachfolgerin: die Quantitative Reduktionsmethode (QRM). Im Unterschied zu den klassischen Reduktionsmethoden basiert sie direkt auf Big Data. Vorgestellt wurde sie im Herbst 2018 am International Snow Science Workshop in Innsbruck.

Was steckt hinter der QRM?

Für fast 1500 Lawinenunfälle aus der Datenbank des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) wurde berechnet, wie ausgeprägt das Lawinengelände und wie hoch die Gefahrenstufe war. Unfälle ereignen sich meistens in sehr ausgeprägtem Lawinengelände und bei höheren Gefahrenstufen (Abb. 3). Ganz selten hingegen lösen Tourenfahrer in äusserst steilem Gelände und bei «grosser» Lawinengefahr (Stufe 4) Lawinen aus. Daraus zu schliessen, dass solche Verhältnisse ungefährlich sind, wäre aber ein tödlicher Irrtum. Grund für das Ausbleiben der Unfälle ist, dass Stufe 4 nur selten prognostiziert wird und dann kaum ein Tourengeher frech genug ist, äusserst steiles Gelände zu betreten.

Will man die statistischen Risiken kennen, darf man also nicht nur Unfälle untersuchen, sondern man muss diese in Bezug zu den Begehungszahlen setzen. Die Entwickler fragten sich deshalb, bei welchen Verhältnissen Skitourengeher welches Gelände betreten. Dazu wurden 48 000 Kilometer GPS-Tracks von in der Schweiz unternommenen Skitouren ausgewertet. Für jeden einzelnen GPS-Punkt wurde berechnet, wie ausgeprägt das Lawinengelände war und wo die Gefahrenstufe lag. Es zeigte sich, dass vor allem wenig ausgeprägtes Lawinengelände bei kleinen Gefahrenstufen betreten wird (Abb. 4). Der Grund liegt darin, dass auch anspruchsvolle Touren über weite Strecken in flachem Gelände verlaufen und Tourengänger sich oft ausserhalb der im Lawinenbulletin beschriebenen, besonders betroffenen Geländeteile bewegen. Wenn man nun das Wissen über die Unfälle in Bezug setzt zum Wissen über die Begehungen, kann man daraus die QRM ableiten (Abb. 1). Die QRM zeigt bei gegebener Gefahrenstufe und gegebenem Gelände das statistische Risiko, eine Lawine auszulösen.

Seit November 2018 basieren die Bewertungen von www.skitourenguru.ch auf der QRM. Grundlagen sind das Lawinenbulletin und eine Geländeklassierung. Die Geländeklassierung drückt aus, wie «geeignet» das Gelände für Lawinenauslösungen ist. Neben der Hangneigung werden auch die Hanggrösse, die Hangform und die Bewaldung berücksichtigt. Der Computer zerlegt die geplante Route schliesslich in zehn Meter lange Stücke und bestimmt für jeden Abschnitt die dort aktuell herrschende Gefahrenstufe. Dabei werden auch die kritische Höhenstufe sowie die kritischen Expositionen aus dem Lawinenbulletin berücksichtigt. Mithilfe der QRM kann nun für jedes Stück das statistische Lawinenrisiko abgeleitet werden. Die Risiken aller Teilstücke zusammen ergeben den Risikoindikator der gesamten Tour.

Richtig verzichten

Die QRM zeigt, dass sich die Hälfte aller Lawinenunfälle in einem kleinen Teil der zurückgelegten Strecken (2%) ereignet (Abb. 2). Keine Methode schützt vollständig vor Lawinen; das könnte nur ein totaler Verzicht. Ziel ist es jedoch, bei möglichst wenig Verzicht das Lawinenrisiko auf ein akzeptables Mass zu beschränken. Was als akzeptabel gilt, ist nicht für alle gleich und muss letztlich vom Tourengeher selbst bestimmt werden. Grundsätzlich gilt: Je schärfer die Methode, risikoreiche von weniger risikoreichen Hängen zu trennen vermag, desto kleiner der nötige Verzicht – oder desto grösser die gewonnene Sicherheit bei einem bestimmten Verzicht.

Die QRM wurde so eingestellt, dass bei Verzicht auf Rot 60% der Unfälle nicht geschehen wären, bei Beschränkung auf Grün 80%. Die QRM ist wie jede Reduktionsmethode eine «gesundheitsfördernde Empfehlung». Sie stellt nach Meinung der Erfinder deshalb nicht die «Grenze des juristisch Erlaubten» dar. Wären Touren im roten Bereich verboten, könnten 60% aller Unfallopfer rechtlich belangt werden. Eine solche Verwendung würde die Akzeptanz der Reduktionsmethoden in der Skitouren-Community untergraben und damit ihren Präventionseffekt gefährden. Halten wir es so wie mit anderen Empfehlungen: Es ist zweifelsohne sinnvoll, Äpfel zu essen, Treppen zu steigen und die Reduktionsmethode einzuhalten. Wer es nicht macht, lebt vielleicht in der Tat weniger lang, aber das sollte seine eigene Entscheidung sein.

Klassisches Planungsinstrument

Berechnet man das Lawinenrisiko nicht nur für jedes Teilstück einer Route, sondern gleich für jeden Punkt der Schweizer Alpen, erhält man eine Risikokarte. Für einige typische Gefahrenstufen werden auf www.skitourenguru.ch solche Karten publiziert. Auf ihnen ist ersichtlich, wie die Verhältnisse für eine geplante Tour in etwa sein müssten und wo aus der Planungsperspektive der optimale Weg durchführt. Risikoindikatoren und -karten geben einen guten Anhaltspunkt bei der Planung. Sie dürfen aber niemals das einzige Kriterium für das Befahren eines Hanges sein, dazu sind sie nicht zuverlässig genug. So sind die Prognosen des Lawinenbulletins unsicher und primär für grosse Regionen gültig. Hinzu kommen die Unsicherheiten bei der Geländeklassierung. Folgen wir also weiterhin dem, was das Kernteam Lawinenausbildung empfiehlt: Reduktionsmethode in der Planung, klassische Beurteilung unterwegs. Die Beurteilung vor Ort braucht nach wie vor viel Wissen und Erfahrung.

Die Entwickler der QRM

Die Quantitative Reduktionsmethode (QRM) hat drei "Väter": Günter Schmudlach, Entwickler und Herausgeber der Website www.skitourenguru.ch, Kurt Winkler vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) und Jochen Köhler von der Technisch-naturwissenschaftlichen Universität Norwegen in Trondheim. Sie konnten sie unter dem Titel "Quantitative risk reduction method (QRM), a data-driven avalanche risk estimator" in Innsbruck 2018 erstmals einem Fachpublikum präsentieren.

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