Rücktritt von Toni Labhart

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Rücktritt

von Toni Labhart

SAC-Beauftragter für den Schutz der Gebirgswelt Während fast zehn Jahren ist Toni Labhart, Professor für Erdwissen-schaften an der Uni Bern und ehemaliger Präsident der Sektion Bern, in Teilzeitarbeit für Fragen des Gebirgsschutzes beim SAC verantwortlich gewesen. Nun ist er auf Ende Juli 1996 zurückgetreten.

Wir haben uns mit ihm über diesen Schritt und über die Bilanz dieser zehnjährigen Tätigkeit in einem Gebiet unterhalten, dessen Bedeutung mit dem wachsenden Druck menschlicher Aktivitäten auf unsere Gebirge, in der Schweiz wie in ganz Europa, zunimmt.

Redaktion DIE ALPEN: Deine Kündigung, Toni, kam für viele überraschend. Warum gehst Du?

Es gibt mehrere Umstände, die mich bewogen haben, meine Stelle im SAC aufzugeben. Der eine war der Wunsch, mich ( nach einigen gesundheitlichen Warnzeichen ) vom enormen Druck zweier anspruchsvoller Halbtagesstellen zu entlasten. Aus diesem Grund habe ich dann auch Bilanz über meine berufliche Tätigkeit der letzten Jahre gezogen.

Was den SAC anbelangt, so habe ich diese in einem internen Rapport über den Stand des Ressorts niedergelegt. Diese Bilanz fällt recht ernüchternd aus. Wir treten an Ort, haben in den letzten Jahren ( verglichen etwa mit benachbarten Alpenvereinen ) gar klare Rückschritte zu verzeichnen. Dazu kommen auch Abnützungserscheinungen: Man kann einfach nur während einer begrenzten Dauer mit derart geringem Wirkungsgrad denselben Leuten immer dasselbe sagen. Es besteht ein Missverhältnis zwischen dem enormen Aufwand und dem ideellen Ertrag. Ich denke, angesicht dieser Umstände ist es Zeit, mich Toni Labhart auf dem Steinlimmigletscher, in der Hand ein Stahlseil aus den seit mehr als 20 Jahren dort liegenden Skilift-Überresten zurückzuziehen und diese Aufgabe einer jüngeren und unverbrauchten Kraft zu überlassen.

Überraschend kommt mein Entschluss zumindest für jene nicht, die meine Arbeit mitverfolgt und zum Beispiel meine Jahresberichte und Rundschreiben gelesen haben. Ich habe seit Jahren in aller Deutlichkeit auf Probleme aufmerksam gemacht, leider mit wenig Erfolg.

Um welche Probleme geht es denn?

Man muss unterscheiden zwischen grundsätzlichen Problemen des SAC und der Arbeit des Ressorts, insbesondere des Beauftragten.

Der SAC tut sich schwer mit seiner Doppelstellung als Sportverein und Umweltorganisation. Die Diskrepanz zwischen unseren Deklarationen in Statuten und Richtlinen einerseits und unserem Handeln anderseits, zwischen Schein und Sein, wird zunehmend offensichtlicher. Das bekomme ich von kritischen Beobachtern immer wieder zu hören.

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ä Dazu kommt folgendes: Umweltschutz im weitesten Sinne erfordert Auseinandersetzung mit unangenehmen Problemen, Über- und Umdenken, Selbstbeschränkung, Solidarität, Opposition, Konfrontation, auch einmal eine harte Haltung gegenüber Behörden oder Institutionen wie etwa der Armee, mit der wir normalerweise in vielen Belangen gut zusammenarbeiten. Das alles liegt eigentlich nicht auf der Linie des SAC. Man geht kontroversen Auseinandersetzungen möglichst aus dem Weg. Diese Tendenz macht auch vor unserer Clubzeitschrift nicht halt, steht doch im entsprechenden Reglement: « ...Es unterbleiben deshalb Publikationen [...], die die Eintracht zwischen den Generationen oder den Landesteilen stören könnten. » Damit lässt sich jede Diskussion abblocken.

Und was die Arbeit im Ressort anbelangt: Wenn du auf einer Halb-zeitstelle die « grüne Seite » eines derart grossen Vereins zu betreuen hast, dann bist du bei der Vertretung dei- Schutz der Gebirgswelt c 0 ) ja.

ner Anliegen, aber vor allem auch bei den unvermeidlichen Angriffen von allen Seiten auf Rückhalt angewiesen. Genau das hat nur allzu oft gefehlt: Mangelnde Unterstützung und Rückendeckung, gelegentlich eigentliches Hängenlassen und Desavouieren haben zur Folge, dass du die einsamste Person in einem Club wirst, in dem auch jeder besser weiss als du, was eigentlich in deinem Ressort gemacht ( oder aber nicht gemacht ) werden müsste. Und schliesslich führte ein überdimensioniertes Pflichtenheft ohne jegliche administrative Entlastung zu konstanter zeitlicher Überforderung. Dies in einem Ausmass, das auf die Dauer nicht tragbar war.

Hast Du Dir denn vor zehn Jahren Illusionen darüber gemacht, was man im SAC erreichen kann?

Eigentlich nicht. Als ehemaliger Sektionspräsident hatte ich eine realistische Sicht der Dinge, hatte demzufolge weder die Illusion noch die Absicht, den SAC zu einem grünen Club zu machen. Ich wusste, dass es schwierig sein würde. Aber ich habe die Schwierigkeiten unterschätzt.

Ich muss heute ernüchtert feststellen, dass der Schutz der Gebirgswelt, der Umweltschutz, beim grösseren Teil unserer Sektionen und unserer Mitglieder kein wirkliches Anliegen ist. Sie unterscheiden sich darin zwar nicht vom Grossteil der übrigen Bevölkerung, aber diese ist auch nicht Mitglied bei einem Verein, der sich unter anderem auch als Verantwortlicher für die Bergwelt sieht.

Hast Du Vorschläge für Verbesserungen oder Änderungen?

Ich habe in meinem Standortpa-pier eine Serie von Vorschlägen gemacht ( vgl. Kästchen S. 21 ).

Für mich ist zentral, dass sich der Club einmal entscheidet, was er sein will. Will er wirklich Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung des Berggebietes auf sich nehmen, wie er dies - ohne Gegenstimme - bei der Annahme des neuen Leitbildes beschlossen hat und wie dies schon lange in den Richtlinien für den Schutz der Gebirgswelt verankert ist? Dann muss er sich aber auch entsprechend engagieren. Oder will er einfach ein Sportverein sein, der sich zwar z.B. beim Betrieb seiner Hütten an die gesetzlichen Umweltauflagen hält, in dieser Beziehung darüber hinaus aber keine Ambitionen hat?

Welches sind Deine positiven Erinnerungen?

Persönlich und fachlich hat mir das Jahrzehnt beim SAC sehr viel gebracht.

Der tiefste Eindruck ergibt sich aus der Begegnung mit unzähligen Menschen. In keinem Lebensabschnitt habe ich derart erfahren, wie entscheidend die einzelne Persönlichkeit in allen Bereichen und Belangen ist.

Innerhalb des SAC sind es die vielen erfreulichen Kontakte mit engagierten Leuten guten Willens gewesen, quer durch den Verein, in allen geographischen und sprachlichen Regionen, in allen Gremien. Unter ihnen sind die kleine aktive Gruppe der Sektionsbeauftragten für den Schutz der Gebirgswelt und ihre Sektionen zu erwähnen, die sich in ihrem Umfeld ( Wohn-, Hütten- oder Tourengebiet ) seit Jahren für Natur und Umwelt einsetzen. Ich denke aber auch an viele Hüttenwarte und -war-tinnen, die vormachen, wie man Hütten umweltbewusst und erfolgreich betreiben kann.

Von meinen Kontakten ausserhalb des Clubs her bin ich tief beeindruckt, wie viele Gruppen und Menschen sich engagiert für die Erhaltung von Natur und Landschaft einsetzen. Mit Bewunderung und etwas wehmüti- Die Schwemmebene im Bächlital, die dank der Intervention des SAC vor der Zerstörung gerettet wurde gem Neid verfolge ich etwa die Arbeit der Alpenvereine Südtirols und Sloweniens. Zu manchen sogenannten « Gegnern » haben sich über alle sachlichen Differenzen hinweg gute persönliche Beziehungen ergeben. Wenn ich Einzelereignisse oder -anlasse erwähnen müsste, dann wären das etwa die Tagungen der Sektionsbeauftragten, der « Aufstand » dieser Beauftragten im Fall der Alpeninitiative, der Einsatz der Tessiner Sektionen gegen illegale Helikopterflüge oder die laufenden Bemühungen der Sektionen im deutschsprachigen Jura um ein Gleichgewicht von Schutz und Nutzung in ihren Klettergebieten. Dabei macht das letztgenannte Beispiel deutlich, wie eine initiative Person -in diesem Falle Pit Hofer, unterstützt vom Alpinkader der F Div 5 - ein Projekt in Gang bringen kann, an dem schliesslich ein Dutzend Sektionen mitarbeitet.

Welches sind Deine grössten Anliegen?

Ich möchte zwei Themen erwähnen, die miteinander verknüpft sind und die über den SAC hinaus von zentraler Bedeutung sind: - Wir dürfen nicht nachlassen in unseren Bemühungen um die Bewahrung bzw. die nachhaltige Nutzung unserer Natur- und Kulturlandschaften und den absoluten Schutz der Gletscher und der letzten unberührten Gewässer. Sie sind unersetzliche Lebensgrundlage und Kapital zugleich. Das Verständnis und der Dialog zwischen dem Berggebiet und den ausseralpinen Regionen müssen verbessert werden, im SAC, in der Schweiz und in Europa. Ich erlebe in allen meinen Tätigkeitsbereichen, wie schwierig und verhärtet dieser Dialog ist, oft geprägt von Vorurteilen und Ressentiments. Die Tiefländer, dazu gehören auch « Bern » und « Brüssel », müssen als wirtschaftlich stärkere Seite Verständnis für die besonderen Anliegen des Partners aufbringen, im Berggebiet ( und da vor allem seine Politiker ) muss man realisieren, dass Beharren auf völliger Unabhängigkeit Rückschritt ist und Isolation zur Folge hat. Berggebiet und Tiefland sind auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft: im Tourismus, beim Transitverkehr, in der Landwirtschaft, in Energie-fragen.

Die jüngsten Entwicklungen in der Diskussion um die Alpenkonvention lassen in dieser Beziehung gewisse Hoffnungen aufkommen.

Was machst Du jetzt mit der frei werdenden Zeit?

Neben meiner Teilstelle an der Uni Bern, die ich für einige Jahre noch beibehalte, will ich mich intensiv und kreativ mit Menschen und Themen befassen, die mir wichtig sind. Ich habe auch Pläne für neue Bücher und Buchbeiträge, habe Anfragen für Kurse, Exkursionen, Vorträge, ich möchte meine geologische Kartierung der Urner Hochalpen abschliessen. Schliesslich gedenke ich in Fällen, die mir am Herzen liegen, engagierte, kompromissarme Umweltarbeit zu leisten, vor allem im Bereich Landschaftsschutz. Als SAC-Mitglied werde ich in irgendeiner Form aktiv bleiben und dabei selbstverständlich die Tätigkeit des Clubs im Ressort Schutz der Gebirgswelt aufmerksam verfolgen.

Die ALPEN-Redaktion dankt Dir für Deine offenen Worte und wünscht Dir auf Deinem weiteren Weg in die persönliche und beruflich-engagierte Zukunft viel Glück und Erfolg, fbm Anregungen zum Bereich « Schutz der Gebirgswelt»Den Druck, der auf dem Beauftragten lastet, lockern. Dies einerseits durch Straffung des Pflichtenheftes und Anpassung des Beschäfti-gungsgrades, anderseits durch Entlastung von administrativen Routinearbeiten ( was ihm erlauben würde, sich auf seine fachlichen Aufgaben zu konzentrieren ).

Verbesserung der Effizienz der Kommission Schutz der Gebirgswelt durch deren Umstrukturierung und Erweiterung.

Verstärkte Rückendeckung für den Beauftragten und die Kommission durch die Clubleitung.

Vermehrte Unterstützung und Anerkennung derjenigen Sektionen, Gruppen, Hüttenwarte und Einzelmitglieder, die sich aktiv um ein umweltverträgliches Bergsteigen bemühen.

Setzen von clubinternen Schwerpunkten ( z.. " " .B. Hütten und Umwelt, Leiterausbildung in allen Bereichen, Mobilität und Bergsteigen ).

Klärung der Allianzen, indem ein Grundsatzentscheid gefällt wird, mit welchen Gruppierungen ausserhalb des SAC man in welcher Form und mit welchem Ziel zusammenarbeiten will.

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