Schwere Zeiten für Schweizer Frühlingssaison 2008 in Nepal

Mit dem Einsetzen des Monsuns Anfang Juni endete die Frühlingssaison 2008 an Nepals Bergen. Dank relativ guten Verhältnissen am Everest standen erneut sehr viele Bergsteiger auf dem höchsten Gipfel. Eine Besteigung ohne Sauerstoff endete jedoch tragisch: Der Tessiner Gianni Goltz starb beim Abstieg an Erschöpfung. Dramatischer Endpunkt der Saison war wohl Ueli Stecks und Simon Anthamattens Versuch, einen spanischen Bergsteiger an der Annapurna zu retten.

Die beiden Spitzenkletterer hatten diesen Frühling Grosses vor: Der Berner Ueli Steck und der Walliser Simon Anthamatten wollten einen neuen Versuch an der Annapurna-Südwand wagen ( vgl. Artikel S. 42 ). Vergangenes Jahr hatte sich Steck bereits im Alleingang in die 3000 Meter hohe, ex trem steile Wand gewagt und musste nach einem Absturz wegen Steinschlag umkehren. Zu zweit wollten sie nun die 1992 von Pierre Bég-hin und Jean-Christophe Lafaille begonnene Route beenden. « Beide wollen auf den Berg, egal wie », sagte Ueli Steck der NZZ noch vor dem Abflug nach Kathmandu. Dass er und sein Partner Simon Anthamatten nicht nur diesen Willen, sondern auch eine hervorragende Form nach Nepal brachten, bewiesen sie bereits bei der Akklimatisationstour: In nur vier Tagen gelang ihnen im Osten Nepals eine Erstbegehung durch die Nordwand des Tengkampoche ( 6487 m ). Am 24. April standen sie auf dem Gipfel, durchstiegen hatten sie davor eine beinahe 2000 Meter hohe Eis- und Felswand, an der vor ihnen schon etliche Expeditionen gescheitert waren.

Nach dem Wechsel von Ost- nach Westnepal und ins Basecamp unter der Annapurna war ihre Geduld gefordert. Einen ersten Begehungsversuch mussten sie am 16. Mai abbrechen, zu ungünstig war die Schneesituation in der Wand. Bis dahin war auch keiner der übrigen vier Expeditionen eine Gipfelbesteigung gelungen. Die Polen Piotr Pustelnik und Piotr Morawski hatten zusammen mit dem Slowaken Peter Hamor wegen eines heftigen Gewitters 150 Meter unter dem Hauptgipfel ( 8091 m ) aufgeben müssen. Ebenfalls ohne Gipfelerfolg mussten ein amerikanisches und ein slowakisches Duo umkehren. Erfolgreich war nur der Russe Alexey Bolotov. Auch fast auf den Gipfel war sein Teamkollege der spanische Spitzenalpinist Iñaki Ochoa de Olza gelangt: Nur 100 Meter hatten ihm gefehlt. Miserable Schneeverhältnisse und beginnende Erfrierungen an den Händen zwangen ihn zur Umkehr. Dann, im Camp IV auf ca. 7400 Meter, verschlechterte sich sein Allgemeinzustand plötzlich rapide. Sein rumänischer Partner Horia Colibasanu alarmierte darauf die beiden Schweizer, die am 2O. Mai noch als Einzige im Basecamp auf der Südseite der Annapurna waren. Die beiden Teams hatten ihre Funkfrequenzen angeglichen. Steck und Anthamatten stiegen sofort in die Route des Spaniers ein. Teilweise an Fixseilen erreichten sie am 21. Mai Camp III, wo Anthamatten blieb. Steck stieg alleine mit Medikamenten hinauf ins Camp IV, wo er den Rumänen bei der Krankenwache ablöste. Ein zweites, spontan zusammengestelltes Rettungsteam aus weiteren Spitzenalpinisten befand sich nur einen Tag hinter ihm; der Einsatz eines Helikopters auf dieser Höhe ist nicht möglich.

Trotz den mitgebrachten Medikamenten konnte der Schweizer den knapp 41-jährigen Spanier aber nicht mehr retten. Er verstarb am frühen Morgen des 23. Mai. Der Spanier hatte bereits zwölf der 14 Achttausender bestiegen, alle ohne zusätzlichen Sauerstoff. Alle 15 Retter wie auch der Verstorbene erhalten Ehren-medaillen von Ochoas Heimatstadt Navarra.

Die Annapurna ist ihrem Ruf als äusserst schwieriger Berg gerecht geworden. Auch in diesem Frühling haben sich insgesamt nur sehr wenige Expeditionen an ihr versucht – ganz im Gegensatz zum Everest. Dort standen die Bergsteiger aber erst einmal vor politischen Problemen.

Denn Windstille nicht nur in meteorologischer Hinsicht wünschten sich die Chinesen für ihre Gipfelbesteigung des Everest mit der olympischen Fackel. Von der Nordseite her war der Gipfel bis am 1O. Mai von vornherein für jegliche Besteigungen gesperrt, offiziell aus « Besorgnis über zu grosse bergsteigerische Aktivität, zu dicht belagerte Routen und eine wachsende Umweltbelastung ». Doch damit nicht genug: Die chinesischen Behörden erreichten ebenfalls eine – wenn auch nur temporäre – Sperrung der Südroute. Das nepalesische Militär blockierte ohne grössere Vorankündigung zwischen dem 1. und 8. Mai sozusagen den gesamten Berg. Gemäss mehreren Internetberichten wurde den Ausländern in dieser Zeit der Aufstieg aus dem Camp II verboten. Gerüchten zufolge hatte das nepalesische Militär sogar den Befehl, bei Zuwiderhandlung scharf zu schiessen. Zudem wurden im Basecamp während dieser Zeit alle Kommunika-tionsgeräte wie Funkgeräte, Satelliten-telefone und Laptops eingesammelt und den Bergsteigern erst nach der erfolgten Besteigung der Chinesen wieder ausgehändigt. Im Basecamp blockiert waren damit rund 270 Bergsteiger und rund 400 nepalesische Begleiter, unter ihnen auch Norbert Joos.

Dem Churer Extrembergsteiger fehlt mit dem Everest der letzte der 14 Achttausender. Den Titel des 14. Bergsteigers, der alle Achttausender bestiegen hatte, schnappte ihm darum der Ecuadorianer Ivan Vallejo am 1. Mai mit der Besteigung des Dhaulagiri sozusagen vor der Nase weg. Zusammen mit ihm und weiteren fünf Alpinisten stand auch Gerlinde Kaltenbrunner auf dem Gipfel. Kaltenbrunner erreichte ihren elften Achttausender und wurde damit wohl eine schwere Last los: Als sie vergangenes Jahr den ersten Versuch gestartet hatte, wurde sie von einer Lawine verschüttet und überlebte nur mit Glück, während neben ihr in einem anderen Zelt zwei Spanier starben.

Als Joos am 22. Mai am Everest endlich zum Besteigungsversuch aufbrach, erreichte ihn auf dem Weg ins Camp II die Nachricht vom Tod seines Tessiner Freundes Gianni Goltz. Der 45-Jährige hatte den Everest ohne Sauerstoff erreicht, war auf dem Rückweg aber an Erschöpfung gestorben. Auch Joos wollte ohne Sauerstoff hinauf, doch nach einem Ruhetag im Camp II entschloss er sich, auf den Gipfel zu verzichten. « Die ganze Sache mit Gianni und die Ungewissheit mit meiner Lunge zwingen mich zu diesem Entscheid », schreibt er in seinem Blog.

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