Sicherheit beim Canyoning

Spanische Studien zeigen die häufigsten Unfallursachen Schluchten sind alpines Extremgelände, dessen Begehbarkeit durch Fliessgewässer massgeblich beeinflusst wird. Daraus ergeben sich für den noch jungen Natursport Canyoning spezielle Risiken und Gefahrenpotentiale, die sich in den Bergsportarten nicht finden.

Zwei spanische Studien1 bieten interessante Aufschlüsse über das Unfallgeschehen und seine Entwicklung in einem Gebiet, in dem sich 86% des in Spanien ausserordentlich populären Canyoning-Tourismus abspielen. Daraus lassen sich neuralgische Risikoaspekte ablesen, die für die sichere Ausübung des Canyoning einen entscheidenden Stellenwert einnehmen und somit auch für die Situation in der Schweiz und im weiteren Alpengebiet, gerade in präventiver Hinsicht, von Bedeutung sind.

Überblick über die Entwicklung des Unfallgeschehens Ein Sport mit neuen Gefahren Rettungsereignisse in Schluchten wurden erstmals 1978 verzeichnet.

Damals wurden zwei Personen durch Pegelanstieg nach einem Gewitter in einer Schlucht blockiert.2 Bis 1983 ereignete sich dann kein weiterer Vorfall in Schluchten. Seitdem ist die Zahl der Bergungen kontinuierlich gestiegen, wobei 1987 als Folge der einsetzenden Popularisierung des Canyoning ein auffälliger Sprung festzustellen ist. Mit der Gesamtzahl von 504 bis ins Jahr 1995 haben Unfälle in Schluchten einen Anteil von 24% an der Gesamtunfallzahl aus Bergunfällen im untersuchten Gebiet.3 Gemäss der Statistik sind im gleichen Zeitraum 38 Personen beim Canyoning tödlich verunglückt, 254 wurden verletzt und 212 konnten unversehrt geborgen werden. Absolut gesehen scheinen diese Zahlen alarmierend hoch, doch im Verhältnis zur Zahl der Schluchtabstiege zeigt sich ein weniger dramatisches Bild.4 Die überwiegende Zahl dieser Unfälle ( mehr als 801ässt sich dem Gefahrenumfeld Wasser zuordnen. Damit wird ganz klar die zentrale Bedeutung, die der besonderen Geländebeschaffenheit in wasserführenden Schluchten für Sicherheit und Risikoprävention zukommen muss, unterstrichen.

Die wichtigsten Risikofaktoren Drei Hauptrisiken5 erscheinen beim Canyoning dominant:

Unfallursachen in Schluchten inProvinz Huesca 1978 bis 1995 ) ( nach Dr. Avellanas Chavola, Huesca. Zahlenmaterial GREIM ) 25 70 15 10 5 0

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Sprünge in WasserbeckenVerlust des Halts auf feuchtem FelsPegelanstieg.

Diese drei Unfallgruppen erklären zusammen über 70 % der Schluchtunfälle und sind untereinander prozentual fast gleich beteiligt. Bezüglich der Verletzungsfolgen ergibt sich eine bemerkenswerte Gewichtung: Während sich beim Springen und Haltver-lust überwiegend traumatische Verletzungen ergeben, zeigen die Unfälle durch Pegelanstieg zumeist tödliche Folgen.

Springen und Rutschen Springen, möglichst hoch, und Schütteln auf Felsrutschen ist « in ». Dr. Avellanas Chavala weist auf die zunehmende Praxis hin, bekannte Wasserfälle und Vorsprünge immer weniger durch Abseilen als mit Hilfe von Sprüngen oder Abrutschen zu bewältigen. Dies wäre nicht unbedingt problematisch, wenn dabei die entsprechenden Techniken und Sicherheitsregeln beachtet würden. Doch der Trend zum spektakulären Erlebnis führt - beobachtbar besonders bei jüngeren Gruppen ohne Füh-rer6- häufig zu abenteuerlichsten Aktionen, die ein erschreckend naives Verständnis des Schluchtumfelds erkennen lassen. Trotz Uneinsehbar-keit des Unterwassers, heikler 1 Analisis de los impactos ocasionados por el barranquismo en el parque de la Sierra y los canones de Guarà, Madrid 1996, sowie Dr. M. I. Avellanas Chavala: Estudio epidemio-logico de los accidentes en barrancos en la provincia de Huesca ( 1978-1995 ), Huesca 1996'Dr .Avellanas Chavala zitiert eine Äusserung eines Mitglieds der beteiligten Rettungsgruppe, die zeigt, wie überraschend und unvorbereitet für die Bergrettungsmann-schaften eine Bergung aus Schluchten zum damaligen Zeitpunkt war.

3 Da nicht bei jedem Unfall ein Einsatz der Rettungsmannschaften der Guardia Civil ( GREIM ) erfolgt, muss von einer schwer abschätzbaren Dunkelziffer an nicht erfassten Vorkommnissen ausgegangen werden.

a Zählungen im Gebiet der Sierra de Guarà haben für das Jahr 1995 einen Rohwert von 140000 Abstiegen ergeben. Dieser enormen Anzahl stehen 2 tödliche Unfälle und 52 Verletzungen im gleichen Zeitraum gegenüber.

sZur prozentualen Aufschlüsselung der Unfallursachen vgl. Tab. Anm.6 6 Nach Altersgruppen verteilen sich die Schluchtunfälle insgesamt wie folgt ( Zahlenangaben GREIM ):

Absprungstellen und ohne vorheriges Ausloten des Eintauchbereichs wird gesprungen und geschüttelt, dies somit auf gut Glück oder im Verlass auf die « Erfahrung ». Selbst im Metier Bewanderte handeln mitunter nach der Devise, dass sie « ihre Schlucht gut kennen », uneingedenk der Gefahr, dass eine bislang freie Sprungstelle durch Transport und Verlagerung von Fels- und Baummaterial unpassierbar werden kann. Die Unfallhäufigkeit bei unkritischem Sprungverhalten an klar erkennbaren und markanten Risi-kostellen legt es nahe, diesem Problemfeld eine fundamentale Beachtung beizumessen. Ausbildung zu korrekter Sprung- und Rutschtechnik und sicherndem Verhalten im Gelände, aber auch hydrologische Kenntnisse wären hierfür massgebliche Aspekte.

Verlust von Halt und Gleichgewicht Steiles und instabiles Felsterrain bildet im Bergsport ein gewichtiges Risikoumfeld. Es ist auch in Schluchten präsent, wobei die durch das Was- Gorges de Llech ( franz. Ostpyrenäen/Massif du Canigou ) Barranco del Puerto. Rio Sia ( spanische Zentral Pyrenäen ) Rio Ara inferior ( span. Zentralpyrenäen/Valle de Bujaruelo ) ser veränderte Begehbarkeit des Geländes ein zusätzliches und erschwerendes Risikopotential enthält. Diese ungewohnte Geländebe-dingung ist für die sichere Fortbewegung in Schluchten bemerkenswert relevant. 23 % der Unfälle ereigneten sich durch mangelnden Halt und Ver- c a ci ä Sicherheit, Medizin, Rettungswesen e « a.

lust des Gleichgewichts auf feuchtem oder poliertem Fels. Hierbei kann der mögliche Gefährdungsgrad sehr hoch sein: Man braucht nur an exponierte Standplätze an Abseilstellen zu erinnern, um das im Gefolge eines « Aus-rutschers » eintretende Gefahrenpotential zu ermessen. Wichtig ist deshalb die zuverlässige Selbst- bzw. Gefährtensicherung, die aber an bestimmten Problempassagen nur eingeschränkt oder überhaupt nicht realisierbar ist. Besonders kritisch in dieser Hinsicht sind durchströmte Vorsprünge und Felsblocklabyrinthe. In diesem an sich schon rutschgefährli-chen Terrain treten zusätzliche Gefahrenquellen - potenzierter Wasserdruck, extremes Strömungsverhalten, Absturz in tiefe Hohlräume - auf, die bei einem Verlust des Halts ein hohes Verletzungsrisiko beinhalten.

Q 7 Umfragen im Gebiet der Sierra de Guarà haben ergeben, dass mehr als 70% ohne qualifizierten Führer und 30-40% ohne spezielle Kenntnisse und Erfahrung in Schluchten unterwegs sind. Die Lage in den Pyrenäen stellt sich aufgrund des höheren technischen Schwierigkeitsgrades der Schluchten entschieden anders dar.

8 Aus diesem massiven Andrang resultiert eine akute Gefahrenquelle: der Stau an den Schlüsselstellen des Abstiegs. Ansammlungen vor Abseilstellen, Engnisse und Felsblocklabyrinthe sind an sich prekär und mit einer Vielzahl unfallträchtiger Konfliktpotentiale belastet, die auch für qualifizierte Führer unkalkulierbar werden können. Während gewagte Manöver, um Staus zu umgehen oder zu überholen, die Ursache für unmittelbare Unfälle vor Ort darstellen, macht sich die aufgrund langer Wartezeiten mögliche Auskühlung des Körpers und die damit einhergehende physische Entkräftung zumeist erst beim weiteren Abstieg als erhöhtes Risiko bemerkbar. Dazu müssen erhebliche Zeitverluste in Kauf genommen werden, die bei Geländeunkundigen zu Hektik mit deutlich vermindertem Sicherheitsverhalten führen können.

Zur Staubildung tragen drei Bedingungen bei:

Die absolute Besucherzahl Die Grösse der absteigenden Gruppen, die in der Sierra de Guarà einen Durchschnittswert von sieben Personen erreicht, was als viel zu hoch anzusehen ist, drei bis vier Partner gelten als optimale Canyoning-Gruppe Schliesslich erweist sich fehlendes oder mangelhaftes technisches Können als bedeutender Staufaktor. Seit Sommer 1996 gilt für das betroffene Gebiet der Sierra de Guarà ein Erlass, mit dem auf den steigenden Canyoning-Tourismus unter Sicherheitsaspekten reagiert wird. Die Vorschriften gelten für die hochfrequentier-ten Schluchten und werden vor Ort überwacht. Hiernach wird die maximale Gruppengrösse auf 10 Personen limitiert, zwischen dem Abmarsch der Gruppen am Schluchteingang muss ein Abstand von 10 Minuten eingehalten werden. Daneben existieren Vorschriften für eine der Tour angepasste Min-destausrüstung.

Gorga de Sant Aniol ( spanische Ostpyrenäen/Garrotxa ) Erhöhter Wasserpegel Die meisten Unfälle mit tödlichem Ausgang lassen sich auf ein angestie-genes Wasserniveau zurückführen. Dieses kann bereits beim Einstieg bestehen und wird von Canyonisten nicht erkannt oder nicht eingeschätzt: Zwei tödliche Unfälle im Jahr 1996 in den « Oscuros » des Rio Vero sind hierfür das jüngste Beispiel. Oder es kann, wie es mehrheitlich der Fall ist, infolge heftiger Unwetter überraschend und in kürzester Zeit auftreten. Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang jene Faktoren im Umfeld von Hochwasser, die aufgrund ihres extrem risikosteigernden Einflusses auf die Passierbarkeit von Schluchten ausschlaggebend sein können. Der viel begangene Garganta de Miraval im Zentralmassiv der Pyrenäen hat hierfür einen beispielhaften Charakter. Bei Niedrigpegel handelt es sich um einen technisch unproblematischen Abstieg, bei dem keine Seilaktion nötig ist. Den- noch konzentriert sich hier fast die Hälfteder in den Zentralpyrenäen registrierten Unfälle, darunter überproportional viele mit tödlichem Ausgang. Da die Schlucht einen ausgedehnten Hochgebirgskessel mit vielen äusserst gefällintensiven Seitenschluchten entwässert, steigt bei Platzregen der Pegel binnen kürzester Zeit stark an. Diese Gefahr wird durch die Geländebedingungen der Schlucht- Länge, Einschnittenge und steilwandiger Verlauf ohne Fluchtwege - noch erheblich gesteigert. Ein Umstand, der auch bei einem nur leicht steigenden Wasserstand zu unkalkulierbaren Risiken, insbesondere bei schlechter Ausrüstung und Anfängern, führen kann. Vergleichsweise gering ist die Zahl der Unfälle, die aus Vorgängen beim Abseilen resultiert. Dabei sind jene tödlichen Vorfälle bemerkenswert, die sich unter erhöhtem Pegel beim Abseilen in herabstürzendem Wasser ereigneten. Zwei Personen wurden so stark in den Wassersturz gepresst, dass sie sich nicht mehr befreien konnten; bei einer Person führte die auf Seil und Achter einwirkende Wasserkraft zum Blockieren des Abseilachters. Abseilen im Wasserfall erfordert schon unter Niedrigpegel spezielle Erfahrung und Technik; ein zusätzlicher Druck durch grosse Wassermengen kann mit hoch-riskanten Wirkungen auf Körper und Abseilgerät verbunden sein, die die Handlungsfreiheit am Seil massiv einschränken. Ein solches Ereignis führt bei Anfängern rasch zu schockartigen Fehlreaktionen.

Mangelnde Kenntnis und Erfahrung Der Risikofaktor « Unerfahrenheit » stand bei 20% der Unfälle im Vordergrund. Bedenkt man die Voraussetzungen, unter denen sich viele in Schluchten begeben7, ist es kaum mehr überraschend, wie tiefgreifend der Mangel an Kenntnissen und Techniken und die daraus resultierende Verkennung des Risikogeländes Schlucht sein können. Die grosse Mehrheit der nicht entsprechend vorbereiteten Schluchtgänger konzentriert sich zwar auf wenige Schluchten mit spektakulärem Naturumfeld bei gleichzeitig technisch leichtem Niveau3, doch nimmt damit keineswegs auch das Gefahrenpotential ab, das mit subjektiv mangelhaften Bedingungen gegeben ist. In dieser Hinsicht ist das Unfallprofil des bekannten Rio Vero, der am meisten begangenen Schlucht, recht aufschlussreich. Problemlose Lauf- und Schwimmstrecken am Anfang schei- nen den falschen Eindruck hervorzurufen, sich auf einer harmlosen Spa-ziertour zu befinden: An den ersten Schlüsselpassagen ( grosses Felsblock-chaos und Engen ) häufen sich nämlich die Unfälle signifikant, während sie an den späteren kritischen Passagen wieder klar abnehmen. Offenbar ein Ergebnis vorsichtigerer Einstellung zur unbekannten Schluchtumge-bung. Wie gravierend das Ausmass individueller Fehleinschätzung und die resultierenden Folgen sein können, zeigt das Beispiel eines tödlich verlaufenen Abstiegs ohne Neoprenanzug und ohne Schwimmkenntnisse - in einer wasserreichen Schlucht im April! Sicher handelt es sich dabei um einen Extremfall, er zeigt aber doch, wie fundamental die Sicherheitspro-blematik beim Canyoning angegangen werden muss.

Die hauptsächlichen Unfallereignisse belegen deutlich den entscheidenden Stellenwert von Risikobe-wusstsein und elementaren Gelände-kenntnissen für sicheres Canyoning. Im Sinne der Prävention sollte darum die grundlegende und anschauliche Aufarbeitung der Gefahrenquellen im Umfeld Schlucht ein zentraler Bestandteil nicht nur in der Ausbildung, sondern auch und gerade auf Touren sein. Erst konkrete Risikoanalysen vor Ort und unter aktuellen Bedingungen begründen sicherheits-orientiertes Verhalten und tragen zur Erfahrung bei.

Roger Büdeler, Hamburg ( D ) Garganta del Rio Irués ( spanische Zentralpyrenäen/ Valle de Bielsa )

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