Ulrich Inderbinen 100-jährig. Einer Bergführerlegende zum grossen Geburtstag

Wer die Bergführergeschichte in Zermatt verfolgt, trifft unweigerlich auf ihren Doyen Ulrich Inderbinen, der am 3. Dezember seinen 100. Geburtstag feiern konnte. Seine weltweite Bekanntheit basiert vor allem auf seiner persönlichen Ausstrahlung, seiner Bescheidenheit und seiner aussergewöhnlichen Leistungsfähigkeit.

Seine alpinistische Laufbahn begann er als Zwanzigjähriger: Für 20 Franken kaufte er sich ein Paar Ski, um im Winter nach den Stall-arbeiten von Z'Mutt nach Zermatt zu fahren. 1921 bestieg er mit einer seiner Schwestern das Matterhorn zum « Erfahrungen sammeln ». Zwei Jahre später ging er als Träger auf Touren mit, und 1925 absolvierte er die Bergführerschule. Drei Tage verbrachten die Kandidaten im Gelände, an fünf Tagen wurden ihnen Verhaltens- und Anstandsregeln vermittelt; alle 47 bestanden die anschliessende eintägige Prüfung. 1926 absolvierte er dann erfolgreich auch den Skiführerkurs.

Arbeit als Bergführer gab es aber kaum. «Man müsste ein Maultier sein, dann hätte man immer Arbeit», charakterisiert Ulrich diese Zeit. 1926 wurde er gerade drei Mal als Führer engagiert. Als 1928 zudem die Gemeinde verbot, Gäste am Bahnhof anzuheuern, verringerten sich seine Chancen, als Führer zu arbeiten, noch mehr. So suchte Ulrich als Gemeindearbeiter, Pistenarbeiter, Maurer, Schreiner, Elektriker und auf dem Bau ein Auskommen und half auch in der Landwirtschaft. Erst 1930 führte Ulrich die erste Tour als Skiführer, nämlich aufs Breithorn. Da es noch keine Felle gab, wurden für den Aufstieg Schnüre um die Ski gewickelt.

1933 heiratete Ulrich Inderbinen seine Frau Anna, die ihm zwei Kinder, Maria und Ulrich, schenkte. Für seine Familie baute er zwischen 1933 und 1935 ein Haus. In diesem Zusammenhang musste er das einzige Mal ins Spital: Da er aus Zeitgründen dem Militäraufgebot nicht Folge leisten konnte, täuschte er Bauchschmerzen vor und wurde auf Grund der Diagnose «Blinddarmentzündung» ins Spital eingeliefert, wo ihm der gesunde Wurmfortsatz entfernt wurde.

Als dann ab 1960 der touristische Aufschwung erfolgte und Ulrich endlich genug Arbeit als Bergführer fand, war er in einem Alter, in dem andere ans Aufhören denken. Der über Sechzigjährige führte u.a. regelmässig die Haute Route. Ab 1982 machte er auch am internationalen Bergführerskirennen mit. Als Bergführer wurde Ulrich in der ganzen Welt bekannt, nicht wegen spektakulären Touren, sondern wegen seiner persönlichen Ausstrahlung, seiner Bescheidenheit und seiner aussergewöhnlichen Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter. Noch 1984 bestieg er den Montblanc, 1987 die Dufourspitze, 1990 das Matterhorn und 1997 das Breithorn.

Erst in den letzten zwei Jahren hat sich Ulrich eher auf kürzere Spaziergänge beschränkt, weil «ich jetzt doch langsam älter werde». Ulrich sagt heute im Rückblick: «Früher war das Leben hart und schön. Alle besassen wenig, und jeder hat jedem geholfen. Die Menschen waren zufriedener als heute, wo man alles hat und nur an sich selbst denkt.» Ulrich hat im 20. Jahrhundert als Bergführer und Mensch Spuren hinterlassen. Wir gratulieren ihm herzlich zu seinem 100. Geburtstag und wünschen ihm weiterhin Gesundheit und Zufriedenheit.

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