«...und sie vergessen, dass Klettern einfach grossartig ist!»

Klettern als «Plaisir», als Freude an der Bewegung und an der Natur bei gleichzeitig bester Absicherung in gut ausgerüsteten Routen wird immer beliebter. Dessen ungeachtet finden sich Stimmen, die Plaisirklettern als «bergsportethischen Irrweg» bezeichnen. Welche positiven Entwicklungen sich jedoch aus einer Förderung des Plaisirkletterns ergeben können, lässt sich beispielhaft am Klettergebiet von Orpierre1 aufzeigen.

Im Topoführer von Orpierre kommt die unverkrampfte Einstellung zum Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Natursportart gut zum Ausdruck. (Zitat2): « Zum Begriff «steriles Klettergebiet), der oft verwendet wird, um [plaisirmässig] eingerichtete Klettergebiete3 mit einem negativen Unterton zu qualifizieren, gäbe es viel zu sagen. Ohne Zweifel entspringt er bei den einen einer Art nostalgischen Denkens über den Verlust des wilden Charakters der Felsen. Andere sehen darin das Ende des Mythos des ( heldenhaften ) Kletterers, der das Nutz-lose erobert. [...] Bei uns in Orpierre, in den Bergen der Baronnies, [...] kann das Einrichten der Felsen als eine Art neuer Landwirtschaft betrachtet werden; als bevorzugter neuer Raum, in dem sich nun die Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umgebung abspielen. Das Leben kehrt in die Dörfer zurück, die Jungen richten sich wieder ein - und ein Gleichgewicht, ein Austausch entsteht zwischen dem Dorf und seinen Felsen. In diesem Austausch [...] liegt eine innere Schönheit, der tiefe Sinn des Bandes zwischen Mensch und Natur. So sagt uns der Begriff «sterile Klettergebiete» nicht viel; aber jene, die ihn benützen, vergessen, dass hier das Erleben von Glück möglich ist: in einer Landschaft voller Laven-del- und Thymianduft, unter dem einmaligen provenzalischen Himmel, bei unvergesslichen Sonnenuntergängen auf dem Gipfel des Quiquillon... Und sie vergessen, dass Klettern einfach grossartig ist!»

Dort, wo alpinistische Tradition seit jeher stark von einem heroisch-elitären Bergsteigerbild geprägt war, lässt sich bisweilen ein dem Plaisirklettern negativ gegenübertretendes Sport- und Naturverständnis feststellen. Mit dem Schlagwort «Missbrauch der Berge als Turngerät» hat man bereits vor ca. 20 Jahren die damals aufkommende Freikletterbewegung zu diskreditieren versucht. In recht ähnlicher Weise werden Plaisirklettern heute gelegentlich als sportethisch minderwertig und Plaisirklet-terer/innen als « naturferne Sportkon-sumenten » bezeichnet. Warum aber soll « Plaisir » als unbeschwerte Freude am Klettern gleichzeitig die Freude an der Natur verunmöglichen, während dem sog. «Abenteuerkletterer», der eine Route ganz oder teilweise selber absichert, die Freude an der Natur von selber zufliegt und allein ihm vorbehalten bleibt? Ja, was heisst eigentlich «Abenteuer»? Ist dieses tatsächlich an einen ganz bestimmten Begehungsstil gebunden? Ist nicht entscheidend, was jeder beim Klettern empfindet und erlebt?

Eine Sicht, die letztlich auf eine Einteilung in moralisch bzw. sportethisch höherwertige und minderwertige Sportdisziplinen hinausläuft, weist auf eine ideologische Wurzel hin und muss letztlich in eine Sackgasse führen: Sie verhindert die Erkenntnis, dass der natürlichste und nachhaltigste Zugang zur Natur immer noch über die Freude gefunden wird. Diese und ähnliche Fragen werden in unserem französischen Nachbarland (aber auch in der Westschweiz) ungleich lockerer, mit wesentlich mehr Toleranz und Men-schenverständnis angegangen. Dementsprechend wird hier auch nicht gleich das Heil in der Zwangsjacke «sportethischer Regelwerke» gesucht.

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