Unterwegs mit Schneeschuhen Menschen mit geistiger Behinderung

Die Berge im Winter auf Schneeschuhen zu erleben, benötigt wenig Aufwand: ein Minimum an Material und geringe Ausbildungszeit. Dieser Sport ist deshalb auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung geeignet, wenn auf die besondere Situation Rücksicht genommen wird.

Bereits am Bahnhof in Rapperswil herrscht grosse Aufregung: Drei der angemeldeten Teilnehmer fehlen, und niemand weiss genau, wo sie stecken. Um einerseits die Gruppe nicht warten zu lassen und andererseits trotzdem mit allen in die Fideriser Heuberge zu fahren, bleibt eine Leiterin zurück, um die Vermissten aufzuspüren und mit ihnen nachzureisen. In Jenaz erfahren wir – Handy sei Dank –, dass die Vermissten aufgetaucht seien und zwei Stunden nach uns im Prättigau ankommen würden. Erleichtert steigen wir in den Bus, der uns in holpriger Fahrt – auf der Schlittelpiste – in die Fideriser Heuberge bringt. Dort erwarten uns eine tief verschneite Winterlandschaft und strahlendes Wetter, sodass wir nach dem Bezug der Unterkunft sofort losziehen, um unsere Spuren in den frischen Pulverschnee zu legen.

Unsere Spur führt über sanfte Hügel in einen Sattel, der sich infolge einer kleinen Wechte als Schlüsselstelle der heutigen Tour herausstellt. Mit gegenseitigem Ziehen und Stossen gelingt es uns, diese Stelle zu meistern, und wenig später stehen wir auf dem Gipfel des Glattwang. Einmalige Aussicht, ein tiefes Glücksgefühl und Stolz über die vollbrachte Leistung lassen manchen Freudenschrei ertönen. Ein kräftiger Schluck Tee aus der Thermosflasche und ein tiefer Griff in den Lunchsack bringen die verdiente Stärkung. Der Abstieg steht uns ja noch bevor. Springend und stolpernd, aber zügig geht es über die weiten Hänge hinunter in die Heuberge, wo wir schon bald inmitten der Skifahrer beim Tee sitzen, erzählen, spielen und lachen. Nach einem feinen Znacht werden die Augen bei vielen von uns schnell kleiner. Die Wanderung im Schnee, die Sonne und die frische Luft machen müde, viele neue Erlebnisse und Eindrücke steuern das Ihrige dazu.

Am nächsten Tag teilen wir uns in zwei Gruppen auf: Die besser Ausgeruhten wollen auf den Gipfel des Mattjischhorn; wir andern nehmen es gemütlicher. Fasziniert beobachten wir eine Gruppe Snowboarder, die Sprünge über einen Felsvorsprung vorführen. Da die Müdigkeit der gestrigen Tour noch in den Beinen steckt, gehts ganz gemächlich Schritt für Schritt unserem Ziel, der Arflina-furgga, entgegen. Bei der verdienten Rast beobachten wir unsere andere Gruppe, die schon beinahe den Gipfel erreicht hat. Das grosse Erzählen findet dann beim Mittagessen statt, wo bei beiden Gruppen die Superlative herhalten müssen wie «super steil war es, so steil wie ganz sicher nirgends bei euch». Ohne einig zu werden, wer nun wirklich die schönere Tour erlebt hat, müssen wir aufbrechen, steht doch der Bus für die Fahrt ins Tal bereit. Am Abend sind alle froh nach Hause zu kommen, gesund und müde, dafür um viele Erlebnisse und Erfahrungen reicher.

Da die Bergumgebung für die meisten Menschen mit geistiger Behinderung fremd ist, muss das Gebiet sorgfältig ausgewählt werden und auch Schlechtwetter-Outdoor-Aktivitäten ermöglichen. Wichtig ist eine Unterkunft mit guter Infrastruktur und genügend Platz für einen Spielnachmittag sowie die Möglichkeit für das Sichzurückziehen. Die gut erreichbare Unterkunft sollte sich in einer nicht absturzgefährdenden Umgebung befinden. Die Tourenplanung muss nicht nur der Leistungsfähigkeit der Gruppe angepasst sein, sondern auch genügend Zeitreserve, die Möglichkeit für jederzeitiges Umkehren und spielerische Elemente enthalten. Eine grosse Herausforderung für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist neben der sportlichen Aktivität das Übernachten in ungewohnter Umgebung. Meist etwas engere Platzverhältnisse, oftmals eingeschränkte sanitäre Einrichtungen, fremde Leute und vielleicht sogar fehlende Elektrizität können bereichernd wirken und spontane, für alle Seiten interessante Begegnungen ermöglichen. Dieses Leben als Gruppe in einem Haus und in einem Schlafraum während mehrerer Tage ist aber eine Herausforderung für alle.

Der Verein GBZO bietet vielfältige Freizeit- und Sportaktivitäten für Menschen mit einer geistigen Behinderung an. Das Begleiterteam für Veranstaltungen wie Bergwandern, Klettern und Schneeschuhtouren setzt sich vorwiegend aus Freiwilligen des SAC zusammen, wobei sich das Verhältnis von einer Begleitperson auf 1 bis 3 Teilnehmer bewährt hat. Empfehlenswert ist auch eine Begleitperson mit medizinischer Ausbildung. Die Aktivitäten im Gebirge werden beim GBZO von Bergführern begleitet, die für Sicherheit und Tourenplanung verantwortlich sind und gleichzeitig auch einen Teil der Betreuung übernehmen. Der Aufenthalt in den Bergen bietet den Menschen mit geistiger Behinderung sowie ihren Begleitpersonen unvergessliche Erlebnisse.

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