Vom Routenprojekt zur Ausführung Kletterrouten einrichten

Wie richtet man eine Kletterroute ein? Der junge Kletterer Silvan Roth liess sich vom erfahrenen Walter Britschgi zeigen, wie es geht. 1 Zusammen haben sie im Klettergarten Melchsee-Frutt eine abwechslungsreiche Dreiseillängenroute im fünften Grad eingerichtet.

Die Melchsee-Frutt ist ein beliebtes Klettergebiet in der Zentralschweiz. Sie lockt mit über 100 Routen in meist moderaten Schwierigkeitsgraden sowohl Neulinge als auch Fortgeschrittene in die Höhe. Trotz vielen bereits erschlossenen Sektoren trifft man immer noch auf unberührte Felsabschnitte.

Bevor Walter Britschgi und ich, Silvan Roth, mit dem Einrichten loslegten, klärten wir ab, ob sich unser Routenprojekt mit der Natur und dem Landschaftsschutz in Einklang bringen lässt. Walter Britschgi hat in diesem Gebiet schon viele Routen eingerichtet und weiss sowohl über die Pflanzen- und Tierwelt als auch über Schutzbestimmungen Bescheid. Er kennt auch die Kletterer und Routenerschliesser der Melchsee-Frutt, die uns weitere Informationen zu noch nicht bekletterten Felsabschnitten liefern können. Wir nahmen mit ihnen Kontakt auf und unterbreiteten unser Vorhaben. So fanden wir schliesslich einen Felsabschnitt, der klettertechnisch attraktiv und ohne Schaden für die Umwelt erschlossen werden konnte.

Bevor der erste Bohrhaken überhaupt gesetzt ist, müssen wir zuerst wandern. Denn wir wollen uns der Traumlinie quasi über die sanft geneigte Rückseite der Melchsee-Frutt von oben her nähern. Nicht immer ist es möglich und zuweilen auch gar nicht erwünscht, eine Route «von oben» her einzurichten. Doch wir nutzen den leichten Zugang gern, um kletternd die Wand zu erkunden. Auf diese Weise können wir den Routenverlauf bestimmen und dabei noch Einblick in weitere mögliche Nachbarrouten gewinnen.

Während im Hintergrund die Eismassen des Titlisgletschers glänzen, seilen wir uns mit haufenweise Klettermaterial und einer Portion Optimismus über die 70 Meter hohe Wand ab. Als Erstes verschaffen wir uns einen Überblick. Wir halten Ausschau nach Rissen und Verschneidungen, Leisten und Tropflöchern, kurz: einfach nach allem, was ein Kletterherz begehrt. Wir werden schnell fündig. Unter einem Felsvorsprung entdecken wir auch einen von oben verborgenen Quergang. Die 20 Meter lange Griffleiste aus kompaktem Kalk erinnert an ein Balkongeländer. Der Anblick versetzt uns in leichte Euphorie.

Am Anfang des Quergangs, sozusagen mitten in der Route, wo es sich auf einem breiten Sims bequem pausieren und fotografieren lässt, errichten wir den ersten Standplatz. Um ihn richtig einzubohren, braucht es Zeit für Denkarbeit und Verständnis für physikalische und sogar metallurgische Grundlagen. Höchste Priorität hat dabei die Sicherheit.

Für die Sicherheit zentral ist die Qualität des Felsens. Wir klopfen ihn mit dem Hammer ab. Heller Klang signalisiert kompakten Fels, tiefe, stark vibrierende Laute warnen vor zweifelhaftem Fels. Wir prüfen nicht nur die Stelle, wo wir bohren wollen, sondern auch die nahe Umgebung.

Für das Einrichten eines Standplatzes stehen mehrere Verbindungs- und Ankersysteme zur Auswahl. Sie sollten immer aus zwei miteinander verbundenen Ankern bestehen. Die solideste Verbindung ist eine Eisenplatte mit Ösen oder eine Kette aus Chromstahl. Letztere hat den Vorteil, dass sie auch bei unebenem Fels zwei Punkte distanzunabhängig miteinander verbinden kann. Wir entscheiden uns diesmal aber für die Irniger-platte, weil eine ebene Felspartie zur Verfügung steht. Für die genaue Platzierung der Standplatte nehmen wir zusätzlich Rücksicht auf die Länge der Selbstsiche-rungsschlinge und die vorausichtliche Seilführung beim Abseilen.

Die gebräuchlichsten Ankersysteme sind Segment- und Verbundanker 2. Wir entschliessen uns für den Einsatz von Segmentankern. Innert weniger Sekunden frisst sich der Bohrer in die Wand. Bevor wir den Anker mit aufgeschraubter Platte einschlagen, säubern wir das Bohrloch vom feinen Bohrstaub. Eine Rundbürste und ein Kunststoffschlauch eignen sich für das gründliche Ausblasen des Bohrlochs. Mit präzisen Hammerschlägen wird der Segmentanker ins Loch getrieben. Durch das Anziehen der Schraubenmutter mit einem Drehmo-mentschlüssel wird die Verbindung zwischen Metall und Gestein vollendet. Zum Schluss prüfen wir den Fels visuell, ob sich eventuell feine Risse oder Ab-splitterungen gebildet haben, und mit dem Hammer testen wir, ob es immer noch hell klingt.

Vom fixen Standplatz aus können wir nun den Routenverlauf der unteren zwei Seillängen im Detail ausarbeiten. Hier zeigen sich die Schwierigkeiten des Rou-teneinrichtens: Weder Haken noch Mag-nesiumspuren weisen uns den Weg.

Bevor wir die Haken setzen, klettern wir eine mögliche Linie darum mehrmals im Toprope und kennzeichnen die Platzierung der Haken mit Ölkreide. Dabei beachten wir den möglichen Seilverlauf, die Klinkhöhe und den Hakenabstand. Dieser wird zuallererst von der Sicherheit bestimmt, und dann auch vom Absicherungscharakter der umliegenden Routen. Die Haken sollten auch nie dort stecken, wo man später hintritt. Ebenso muss ein Zickzackverlauf vermieden werden. Auf den ersten Blick mag dieser Aufwand vielleicht übertrieben wirken, doch überlegt gesetzte Haken begünstigen ein sicheres und möglichst entspanntes Klettern.

Ist die Route fertig gekennzeichnet, befinden wir uns bereits auf der Zielgeraden, denn das Bohren und Befestigen der Haken geht vergleichsweise schnell. Um das Drehen der « Plättli » zu vermeiden, setzen wir die Haken nicht auf einen Buckel, sondern in kleine Vertiefungen, damit das « Plättli » etwas eingepresst wird. Erste Sonnenstrahlen dringen durch die graue Wolkendecke, und wir dürfen uns auf die Begehung im Vorstieg freuen. Und tatsächlich: Unsere Route ist abwechslungsreich, leicht zu knacken und vergleichsweise sanft für das Gemüt. Daher nennen wir sie « Studentenfutter ».

Wir haben dafür drei Arbeitstage benötigt, verteilt auf sechs Tage, in denen wir alle möglichen Witterungsverhältnisse zu spüren bekamen. Routeneinrichtungen erfordern ebenso viel Zeit wie Idealismus. Wir haben 33 Segmentanker inklusive «Plättli» als Zwischensicherungen und drei Irnigerplatten als Standplätze gebraucht. Das ergab für uns Materialkosten von rund 170 Franken.

Etienne Gross, Präsident der Fachgruppe Sanieren und Erschliessen des SAC, hat auf unsere Anfrage hin festgehalten, dass «den Ansprüchen der Sicherheit, der Umwelt und der künftigen Nutzerinnen und Nutzer Rechnung zu tragen ist». Solange diese Kriterien beachtet werden, seien jeweils unterschiedliche Lösungen denkbar. «Es spielen so viele Faktoren hinein, dass es nicht ein einziges für alle Voraussetzungen, für jeden Fels und für jedes Gebiet richtiges Vorgehen geben kann.» Erfahrung, Austausch und Ausbildung seien aber in jedem Fall wichtige Voraussetzungen, um mit der komplexen Materie des Routeneinrichtens zurechtzukommen.

 

Fachgruppe «Sanieren und Erschliessen»

Seit 2007 bietet die SAC-Fachgruppe Sanieren und Erschliessen (vgl. ALPEN8/2007, S.48–49) den Sektionen auf zwei Arten Hilfe zur Selbsthilfe: Einerseits durch spezifische Aus- und Weiterbildung, andererseits durch Projektevaluationen und Materialunterstützung. Die Fachgruppe saniert nicht selbst. Der nächste SAC-Zentralkurs «Kletterrouten Sanieren» findet vom 25. bis 26. April 2009 in Kandersteg oder im Jura statt. Anmeldung nur mit Unterschrift des Sektionspräsidenten oder des Tourenchefs. Die Teilnahme wird allen Sanierungs- und Erschliessungsinteressierten empfohlen – auch «Sanierungsanfänger/ innen» sind willkommen. Nähere Angabenfinden sich im SAC-Ausbildungsprogramm 2009, S. 26. Der Kurs gilt für Tourenleiterals Fortbildung.

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