Weniger Todesopfer. Neue Trends in der Lawinenunfallstatistik

Während der letzten 30 Jahre nahm in der Schweiz die Anzahl Personen ab, die Opfer einer Lawine wurden. Immer häufi ger gelingt es Tourengängern, ihre verschütteten Kollegen lebend aus einer Lawine zu bergen. Dies geht aus einer neuen Datenana-lyse von Forschern des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos hervor. Die Tendenz ist umso erfreulicher, als immer mehr Personen im Winter abseits der Pisten unterwegs sind.

Je mehr Leute sich in unberührten Pulver-hängen bewegen, desto mehr Lawinenunfälle respektive Lawinenopfer sind zu erwarten. Das ist eine vernünftige Annahme. Doch stimmt sie? Das wollten Forscher des SLF genauer wissen und gruben darum nicht im Schnee, sondern in der Schadenlawinendatenbank ihres Instituts. Sie dokumentiert unter anderem alle Unfalllawinen seit dem Winter 1970/71, in denen Berg- beziehungsweise Schneesportler involviert waren. Diese Lawinen werden etwas verharmlosend auch als touristische Lawinen bezeichnet. Bei den neuesten Analysen dieser Daten untersuchten die Forscher Trends der letzten 30 Jahre ( 1977–2006 ) anhand von 1619 touristischen Lawinen. Die Lawinen erfassten 3434 Personen, wovon 703 Personen starben.

Mehr Leute, gleich viele Verschüttungen

Gemäss Untersuchungen und nach Ansichten von Experten sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich mehr Personen auf Touren oder Variantenabfahrten 1977 1980 1983 1986 1989 1992 1995 1998 2001 2004 Kameradenrettung Anzahl verschüttete Personen 0 10 20 30 40 50 tot überlebt Trend 0 20 40 60 80 100 Anteil Todesopfer ( Letalitätunterwegs als in früheren Jahren. Hinzu kommt, dass in den jüngsten Jahren vermehrt auch Snowboarder und Schneeschuhläufer im Lawinengelände anzutreffen sind. Dieser Trend des Freizeit-verhaltens spiegelt sich auch in den Lawinenunfallzahlen. Doch ist damit auch die absolute Zahl an Lawinentodesopfern gestiegen? Erfreulicherweise nicht. In jüngster Zeit wurden zwar immer mehr Lawinenereignisse im Zusammenhang mit Wintersportlern gemeldet. Die Anzahl von Ganzverschüttungen hat sich trotzdem nicht wesentlich verändert: Jährlich werden 35 bis 40 Personen ganz, d.h. lebens- Abb. 1: Anzahl Lawinenopfer, aufgeteilt in Touren und Varianten, von 1977 bis 2006. In den untersuchten 30 Jahren ist ein signifi kanter Trend zu weni- Abb. 2: Anzahl von Ganzverschütteten im freien Gelände, geborgen durch Kameradenrettung ( linke y-Achse ). Die rechte y-Achse Abb. 3: Anzahl von Ganzverschütteten im freien Gelände, geborgen durch Rettungsmannschaften ( linke y-Achse ). Die rechte ger Lawinenopfern vorhanden. Das langjäh rige Mittel über diese 30 Jahre liegt bei 23 Lawinenopfern bei touristischen Lawinenunfällen pro Jahr.

Grafi ken: Stephan Harvey, SLF zeigt die Letalität in Prozent. Die rote Linie zeigt den signifi -kanten Trend der Letalität. y-Achse zeigt die Letalität in Prozent. Die rote Linie zeigt den signifi kanten Trend der Letalität. bedrohlich verschüttet. Das Erstaunliche dabei: Die Zahl der Todesfälle ist dennoch rückläufig ( Abb. 1 ). In der ersten Hälfte ( 1977–1991 ) der untersuchten 30 Jahre wurden noch durchschnittlich 27 Todesopfer pro Jahr bei touristischen Lawinenunfällen registriert, in der zweiten Hälfte ( 1992–2006 ) waren es 20.

Ganzverschüttete werden öfter gerettet

Der Anteil der Ganzverschütteten, welche die Verschüttung nicht überlebten ( Letalität ), ist also zurückgegangen. Ende der 70er-Jahre starben rund 60% aller Ganz- verschütteten, heute sind es noch rund 40%. Unterscheidet man zwischen Ist ein Verschütteter geortet, sollte man sofort mit der Bergung beginnen. Foto: Rober t Bösch Kameradenrettung und organisierter Rettung, so verzeichnen beide Rettungs-formen einen signifikanten Rückgang der Letalität. Bei der Kameradenrettung lag sie in den letzten Jahren bei rund 20% ( Abb. 2 ). Sie ist damit nach wie vor deutlich erfolgreicher als die organisierte Rettung, mit deren Hilfe 70% der Verschütteten leider nur noch tot geborgen werden konnten ( Abb. 3 ).

LVS-Rettung effektiver geworden

Bei der Kameradenrettung steht das Auffinden eines Verschütteten durch dessen sichtbare Teile oder durch LVS im Vordergrund. Dies waren auch die häufigsten Auffindhilfen im untersuchten Zeitraum. Die bekannten Fälle, wo andere, moderne Notfallgeräte ( z.. " " .B. ABS ) als optische Hilfe zum Auffinden eines Verschütteten führten, wurden nicht berücksichtigt. Deren Anzahl in der Schweiz ist noch klein und ein Vergleich über 30 Jahre nicht möglich. Die Auswertung der Daten hat gezeigt, dass die Letalität jener Personen, welche von Kameraden mit dem LVS gefunden wurden, von durchschnittlich 60% in den 90er-Jahren deutlich auf heute 30% gesunken ist. Die LVS-Ret-tung ist also effektiver geworden.

Abb. 4: Anzahl Lawinenopfer in geführten und nicht geführten Gruppen ( Balken, linke y-Achse ). Die rote Linie zeigt den Trend der Letalität ( rechte y-Achse ). Der Anteil sowie die Anzahl Todesopfer auf geführten Touren sind signifi kant zurückgegangen.

Notfallausrüstung auf Schneesporttouren Lawinenunfall am Piz Cor vatsch. Rot eingezeichnet die Einfahrt-spur des Variantenskifahrers. Schwarz gestrichelt der Umfang der Lawine. Grafi k: Stephan Harvey, SLF Foto: Marco Salis, Kantonspolizei Graubünden Die Unfallstatistik zeigt klar: Wenn Kameraden einen Verunfallten aus einer Lawine bergen, sind seine Überlebenschancen am grössten. Damit die Rettung aber gelingt, ist folgende Grundausrüstung nötig: Lawinenver-schüttetensuchgerät LVS ( am besten eines mit drei Antennen ), Lawinenschaufel und eine Sonde. Zudem sollten alle Wintertourengänger die Lawinensituation beurteilen können und die Handhabung der Rettungsgeräte beherrschen. Red.

Der Anteil der Todesopfer bleibt aber auch bei der Kameradenrettung dann am geringsten, wenn vom Verschütteten noch Teile sichtbar sind. Dieser Anteil änderte sich nicht signifikant über die letzen 30 Jahre und liegt zwischen 10 und 20%.

Kürzere Verschüttungszeiten

Positiv ist auch, dass die Verschüttungs-zeit von Ganzverschütteten, die nicht durch sichtbare Teile gefunden wurden, in den letzten 30 Jahren deutlich zurückgegangen ist. Die mittlere Verschüttungs-zeit ( Median ) lag Ende der 70er-Jahre noch bei rund 150 Minuten, 50% der Personen waren also weniger als 150 Minuten lang verschüttet, 50% länger. Anfang der 90er-Jahre lag sie noch bei rund 80 Minuten, heute beträgt sie etwa 30 Minuten. Der Rückgang der Letalität ist eng gekoppelt mit den kürzeren Verschüt-tungszeiten. Die mittlere Verschüttungsdauer von Überlebenden lag in den letzten 30 Jahren bei 15 Minuten ( Median ). Im Vergleich dazu lag die mittlere Verschüttungsdauer bei Todesopfern bei 105 Minuten. Unverändert geblieben sind die durchschnittlichen Verschüttungstiefen: Sie liegen bei 70 cm für Überlebende und 120 cm für Todesopfer.

Sicherer in geführten Gruppen

In die untersuchten 1619 Lawinenunfälle waren 278 geführte Gruppen verwickelt. Die Verantwortung lag dabei bei einer oder wenigen Personen, sei es bei einem Bergführer, einem Leiter oder einem Armeeangehörigen. Das Verhältnis der Lawinenopfer auf geführten Touren zu jenen bei nicht geführten Touren betrug in den 80er-Jahren 40: 6O. Seit Anfang der 90er-Jahre liegt es bei 20: 8O. Zudem hat auch die absolute Zahl der Todesopfer auf geführten Touren deutlich abgenommen. Geführte Gruppen sind demzufolge seit mehr als zehn Jahren deutlich weniger in schwerwiegende Lawinenunfälle verwickelt.

Gute Ausbildung und Ausrüstung weiterhin nötig

Die Auswertung der Unfallzahlen zeigt deutlich: Obwohl die Aktivität von Personen im freien Gelände zugenommen hat, ist die Anzahl der Ganzverschütteten bei Lawinenunfällen in den letzten 30 Jahren ungefähr gleich geblieben. Dank schnellerer Rettung und daraus resultierenden kürzeren Verschüttungs-zeiten hat die Letalität abgenommen. Dies ist eine Folge der vereinten Anstrengungen auf mehreren Ebenen: präzisere Informationen über die aktuelle Lawinensituation, fundierte Ausbildung in der Lawinenprävention und Rettung sowie das konsequentere Mitführen der Notfallausrüstung bei Wintersportlern. Nicht zuletzt erhöhte auch die schnellere organisierte Rettung die Überlebenschancen. Trotzdem bleiben Lawinen eine sehr schwierig einzuschätzende alpine Gefahr. Es ist deshalb nach wie vor wichtig, Informationsmöglichkeiten, Lawinen-wissen und Lawinenrettung weiterzuentwickeln, um möglichst viele Lawinenopfer zu verhindern. Richtige Information, gute Ausbildung und schnelle Rettung sind und bleiben wichtige Bestandteile der Lawinenprävention und -rettungskette. a Stephan Har vey und Benjamin Zweifel, SLF Davos Muss die organisierte Rettung eingreifen, sind aufgrund der zeitlichen Verzögerung im Vergleich zur Kameradenrettung die Chancen, lebend aus einer Lawine geborgen zu werden, bereits geringer. Unfallbild einer Lawine an der Leidbachfurka. Foto: Vali Meier, R ettungsdienst Jakobshorn, Dav os Die Tabelle zeigt den Anteil Todesopfer ( Letalität ) aller Ganzverschütteten, die durch LVS oder sichtbare Teile gefunden wurden, für die Kameradenrettung und für alle Rettungsarten gemeinsam ( Kameradenrettung, organisierte Rettung, Selbstbefreiung ). Ganzverschüttete gefunden durch:

Kameradenrettung Alle Rettungsarten 1977–86 1987–96 1997–06 1977–86 1987–96 1997–06 LVS 49% 59% 30% 60% 68% 46% sichtbare Teile des 219% 10% 26% 24% 30% Verschütetten Anzahl Personen total 152 122 162 185 169 250 Anzahl Todesopfer514436788199

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