Wenn Höhe zur Hölle wird Höhenangst und Höhenschwindel

Wen Höhenangst oder auch Höhenschwindel peinigt, dem kann jedes Bergerlebnis zur Qual werden. Doch beide Phänomene sind kein unabwendbares Schicksal, sie lassen sich behandeln. (1)

Bis heute ist sich die Fachwelt nicht einig darüber, was genau eine Angstattacke hervorruft und warum. Die wenigen Faktoren, die sich verallgemeinern lassen, kleiden sich in diffuse Wortgewänder wie Beziehungsprobleme, Ambivalenzkonflikte und Stressoren. Auf Gemmas Leben bezogen, könnte ein Auslöser der innere Druck gewesen sein, unter dem sie steht, beruflich wie privat. Als leitende Bankangestellte lastet nach dem Aufstieg auf der Karriereleiter mehr Verantwortung auf ihren Schultern. Zugleich sieht sie sich in ihrer Freizeit ständig mit dem höheren Leistungsniveau ihres Lebenspartners konfrontiert.

Und das Trauma in den Pyrenäen bleibt kein Einzelfall: eine Frühlingsradtour in der Sierra Nevada – und wieder ein Angstanfall. Zitternd muss Gemma vom Rad steigen. Kann nicht mehr weiter. Will nicht mehr weiter. Von jetzt an sitzt ihr auch die Angst vor der Angst im Nacken, löst immer wieder neue Panikanfälle aus. Ein Teufelskreis beginnt. Gemma sucht Rat bei einem Psychotherapeuten, denn so viel ist ihr klar: Die Höhenangst steckt im Kopf. Doch der Arzt führt sie auf die falsche Fährte: Psychoanalyse, dazu Antidepressiva und Beruhigungsmittel, denn auch im normalen Alltag fühlt sich Gemma nicht mehr sattelfest. Aber die Medikamente lindern die Symptome nur kurzfristig, von «Heilung» ist nicht zu reden.

Erst nach zwei Jahren merkt Gemma, dass sie therapeutisch auf dem falschen Weg ist. Nach Herumstöbern in Internetforen und Herumfragen im Bekanntenkreis gerät sie an einen Verhaltenstherapeuten. Seine Strategie ist nicht die Unterdrückung der Angst durch Medikamente, sondern die Konfrontation mit ihr – zunächst in kleinen Dosen. Gemma soll sich mental auf kritische Situationen am Berg einstellen. «Zum Beispiel, dass ich mir eine Querung, die ich schon einmal unter grösster Angst überstanden habe, zu Hause noch einmal klar vor Augen führe», erklärt Gemma, «und dabei bewusst versuche, mich zu entspannen und so die Situation im Kopf meistere.» Das klappt am Anfang zögerlich, aber mit der Übung immer besser. Der Psychologe bezieht auch Gemmas Lebenspartner in die Therapie mit ein, der anfangs mit völligem Unverständnis auf ihre Panikattacken reagiert hat und erst lernen muss, wie er Gemma bei deren Bewältigung helfen kann.

Beim gemeinsamen Höhentraining auf Brücken und in Aufzügen sammelt Gemma kleine Erfolgserlebnisse, tastet sich immer weiter an das Leistungsniveau aus der Zeit vor der Höhenangst heran. Schrittweise aus dem Schatten der Angst herauszutreten, stellt die einzig probate Vorgehensweise dar. Ein Ankämpfen mit Gewalt führt zu nichts, verschlimmert Höhenangst womöglich nur. Vielen hilft eine aus der Allergiebehandlung bekannte Methode: Desensibilisierung. Dabei wird das Allergen in kleinen, dann immer höheren Dosen verabreicht, damit sich der Körper daran gewöhnt und einen durchschnittlichen Reiz später als marginal empfindet. Übertragen auf Bergsport stellt das eine Form von Verhaltenstherapie dar, bei der Betroffene aktiv und in kleinen « Anfangsdosen » angstauslösende ( Höhen-)Situationen aufsuchen, um ihre Angstreaktion zu bewältigen und zu spüren, dass die auftretenden Symptome nicht lebensbedrohlich sind und von selbst verschwinden.

Eine zugeschnürte Brust oder ein Knoten im Magen, das sind noch die harmloseren Phänomene. Wenn Herz und Atem zu rasen beginnen, Übelkeit oder ein Gefühl von Benommenheit auftritt, kann an einer ausgesetzten Stelle im Gebirge wirklich etwas passieren. Leitsymptom ist aber die Angst selbst. Zum Beispiel davor, die Kontrolle zu verlieren, abzustürzen oder sich gar aus freien Stücken dem Abgrund in den Rachen zu werfen, Stichwort: sich in die Tiefe hinuntergezogen fühlen. Höhenangst kommt aber nicht nur vor Ort – also am Berg, auf der Brücke oder am Balkongeländer – zum Ausbruch, sondern äussert sich auch im Alltag. Am schlimmsten empfinden viele eine « Erwartungsangst »: die Angst vor der Angst. Zum Beispiel schon am Freitagabend am Küchentisch, während über den Karten für die Bergtour am Samstag gebrütet wird.

Zu unterscheiden ist die Höhenangst vom sogenannten Höhenschwindel. Zum Schwindelgefühl führt ein konkreter Auslöser, etwa ein ausgesetzter Grat oder ein exponierter Aussichtspunkt. Anfällige Personen suchen dann im Raum nach visuellen Haltepunkten, finden aber im näheren Umkreis nicht genügend davon. Die Folge ist, dass im Körper der Informationsfluss zwischen dem für die Sehleistung verantwortlichen Gesichtssinn und der Steuerung der Körperhaltung gestört wird.

Wie kommt es dazu? Die Haltungskorrektur macht der Körper, indem er die optischen Informationen auswertet. Gibt es zu wenig davon, reagiert der Körper unkontrolliert und beginnt zu schwanken, was Betroffene als Unwohlsein und Schwindel empfinden. Nahezu jeder, der bei schlechter Sicht einmal in einer kontrastlosen Schneelandschaft mit Ski unterwegs war, kennt dieses Phänomen. Körperliche oder geistige Erschöpfung können Höhenschwindel verstärken, wobei zum Schwindelgefühl häufig andere körperliche Anzeichen hinzukommen: Schweissausbrüche, Zittern, Herzrasen, Übelkeit, « weiche Knie ».

Höhenschwindel kann aber auch eine seelische Komponente besitzen – ohne gleich eine ausgewachsene Phobie zu sein. « Psychogen », aus der Seele entstanden, nennen Fachleute diese Form des Höhenschwindels: Die äussere Balance gerät aus dem Lot, weil die innere gestört ist; Probleme im Kopf führen zu Problemen mit dem Gleichgewicht. Ähnlich wie bei der Höhenangst kommen auch hier Stress im Berufs- oder Privatleben als Auslöser in Betracht. Und sollten entsprechend analysiert werden.

Rat und Hilfe

Angst- und Panikhilfe Schweiz, Hotline: Tel. 0848 801 109 ( Normaltarif ), www.aphs.ch. In der « Deutschen Angst-Zeitschrift » ( www.daz-zeitschrift.de ) erschien 2004 die Ausgabe Nr. 26 mit dem Schwerpunkt Höhenangst (Nachbestellungen möglich ).

Angst leben – Angst lindern

 

Erhöhter Herzschlag, Blutdruck, Blutzucker, gespannte Muskeln – Angst ist ein uralter Schutzmechanismus, um schnell reagieren zu können, sei es in Form von Flucht oder « Kampf ». Am Berg warnt die Angst vor Gefahr, aber wenn sie über das normale Mass hinausgeht, wird sie zur Krankheit und gefährlich. Das gilt übrigens auch für das völlige Fehlen von Angst! Medikamente tragen kaum zur Heilung von Höhenangst bei, können in Akutsituationen sogar Unheil bringen: «Wegen der möglichen Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens und entsprechender Konsequenzen», so Prof. Wolfgang Domej, Höhenmediziner an der Universität Graz, «sollte bei Höhenangst gänzlich auf Beruhigungsmittel verzichtet werden.»

Erste Versuchsreihen von Verhaltenstherapeuten aus Atlanta deuten aber darauf hin, dass sich die Behandlung von Höhenangst unter zusätzlicher Gabe eines Wirkstoffes namens D-Cycloserin verbessern lassen könnte (Pilotstudie dokumentiert 2006 in « NeuroRx », dem Fachorgan der « American Society for Experimental NeuroTherapeutics », Band 3, S. 82–96 ).

 

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