Wie fair ist meine Winterjacke? Komplexe Produktion bei nachhaltigen Outdoorkleidern

Vor einem Jahr geriet die Outdoorbranche in die Kritik. Zur Debatte standen: faire Löhne, geregelte Arbeitszeiten und sichere Verträge in den Produktionsbetrieben? Seitdem bemühen sich die grossen Markenunternehmen, mehr soziale Verantwortung zu beweisen und ihre Zulieferer stärker zu kontrollieren.

«Aha, interessant, hm, hm», murmelt Billy Hung vor sich hin und kaut an seinem Kugelschreiber. Vor dem Chinesen türmen sich riesige Dokumentenstapel. Konzentriert blättert er in den Papieren, schiebt sich ab und zu die Brille zurecht und macht Notizen. Billy Hung ist promovierter Sozialwissenschaftler aus Hongkong und arbeitet für die Fair Wear Foundation (FWF) eine Non-Profit-Organisation, die sich weltweit für verbesserte Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzt (siehe Kasten). Hung leitet ein sogenanntes Auditteam. Gemeinsam mit zwei weiteren einheimischen Kollegen kontrolliert er in chinesischen Textilfabriken Lohn- und Arbeitszeitdokumente, die Sicherheit der Arbeitsplätze, Versicherungen und andere Sozialstandards. Heute nimmt das Team eine Produktionsstätte in der südchinesischen Provinz Guangdong unter die Lupe: die 2200 Mitarbeiter beschäftigende Firma KTC, die unter anderem für die Outdoormarke Mammut Funktionsbekleidung fertigt.

«In den letzten Jahren ist einiges in Bewegung geraten», erzählt Ivo Spauwen, internationaler Verifikationskoordinator bei der FWF, während er mit prüfendem Blick durch die neonbeleuchteten Hallen schreitet. «Immer mehr Unternehmen geben Fabrikkontrollen für ihre Zulieferbetriebe in Entwicklungs- und Schwellenländern in Auftrag», sagt der Niederländer, der dem Auditteam als Vorgesetzter zur Seite steht. «Doch die wenigsten Verbraucher wissen, wie solche Überprüfungen eigentlich ablaufen. Und vor allem wissen sie nicht, warum sich danach manche Arbeitsbedingungen sehr schnell verbessern, andere jedoch nur langsam – oder erstmal gar nicht.»

Dass die Zustände in Produktionsfabriken zunehmend kritisch beobachtet werden, dahinter steckt auch eine Studie. Im Sommer 2010 wurde sie von der weltweiten «Kampagne für Saubere Kleidung» (Clean Clothes Campaign, CCC) veröffentlicht. Auf dem Prüfstand standen 15 international tätige Outdoorbekleidungsfirmen und die soziale Verantwortung für ihre Zulieferketten. Das Ergebnis: Lediglich die beiden Schweizer Markenunternehmen Mammut und Odlo wurden als «Gipfelstürmer» für ihr Engagement gelobt, viele andere Unternehmen schnitten deutlich schlechter ab. Allerdings ist diese Studie nicht unumstritten. Denn als wichtigstes Kriterium für die Rangfolge wurde die Mitgliedschaft in der FWF herangezogen – an deren Geschäftsleitung die CCC neben Vertretern von Textilindustrie und Gewerkschaften selbst beteiligt ist. Für einige Betriebe roch das nach dem Versuch, durch Mediendruck mehr Markenunternehmen zu einem – notabene kostenpflichtigen – Beitritt in die FWF zu bewegen. Zudem war vielen Firmen die Schweizer «Erklärung von Bern» – die Entwicklungsorganisation, die die Fragebögen im Auftrag der CCC verschickt hatte – gänzlich unbekannt. Einige machten allein deshalb nicht alle geforderten Angaben – was dann als mangelnde Transparenz ausgelegt wurde. Ein klassischer PR-Gau.

Fu-yun Ding lächelt nie und redet wenig. Dafür schaut er umso öfter skeptisch über seinen Brillenrand. Der 58-Jährige ist ein extrem penibler Mann – und genau das ist wichtig für seinen Job. Er ist im chinesischen Auditteam der Experte für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Akribisch prüft er bei seiner Fabrikbegehung jeden Erste-Hilfe- Kasten, jeden Maschinenölkanister, jede Notausgangkennzeichnung und auch den Hygienezustand der Toiletten und Waschräume. Seine Urteile notiert er in einem kleinen Büchlein. Ansonsten hüllt er sich bis zur Abschlussbesprechung mit dem Fabrikmanagement in Schweigen. «Meine Arbeit könnte Fu-yun nicht machen», witzelt seine Kollegin Jennifer Chuk. Das auffälligste Merkmal der molligen Asiatin ist ihr breites Lachen. Und: ihr guter Draht zu Menschen. Deshalb ist Chuk für die Mitarbeiterinterviews verantwortlich. Die Angestellten müssen ihr vertrauen – und das tun sie auch. Bei den Gruppengesprächen – innerhalb der Fabrik, aber ohne die Anwesenheit der Vorgesetzten – herrscht eine lockere Atmosphäre, einige albern herum. «Aber auch wenn die meisten Arbeiter mir gegenüber sehr offen sind, vor ein paar Wochen habe ich mich bereits ausserhalb der Fabrik umgehört», erzählt Jennifer Chuk. «Manchmal tue ich so, als würde ich einen Job als Näherin suchen, und frage, ob man hier gut verdient, wie die Arbeitszeiten sind, ob man gut behandelt wird. Wenn die Leute nicht wissen, dass ich von einer Prüforganisation komme, erfahre ich meistens noch mehr.»

Um ihren Kunden und der Öffentlichkeit mehr soziale Verantwortung zu beweisen (in der Unternehmenssprache heisst das «Corporate Social Responsibility», kurz CSR), gehen die Outdoormarken unterschiedliche Wege. Einige – wie etwa Salewa – setzen auf eigene, interne Methoden, um die Arbeitsbedingungen in ihren Zulieferketten zu überwachen. Andere sind der FWF beigetreten und stellen sich damit den unabhängigen Kontrollen von Auditoren wie Jennifer Chuk, Billy Hung und Fu-yun Ding. Mammut und Odlo wurden bereits 2008 FWF-Mitglieder, im letzten Jahr folgten die deutschen Markenunternehmen Schöffel, Jack Wolfskin und Vaude sowie der Schweizer Fachhändler Transa. Sie alle haben sich damit zu einer Kontrolle auf zwei Ebenen verpflichtet: in den Zulieferfabriken, aber auch in ihrem eigenen Unternehmen. Während bei «factory audits» die Mitarbeiter befragt werden, Arbeitszeit- und Lohndokumente geprüft und Sicherheitsstandards an den Arbeitsplätzen kontrolliert werden, stehen bei den alljährlichen «management system audits» die Managementphilosophie der Markenunternehmen und vor allem ihre Einkaufspraxis unter Beobachtung. «Wirklich nachhaltige Verbesserungen der Arbeitsbedingungen lassen sich nur erreichen, wenn die Verantwortung nicht allein den Zulieferfabriken zugeschoben wird», erklärt Ivo Spauwen von der FWF. «Die auftraggebenden Unternehmen müssen den Produktionsbetrieben überhaupt genügend Handlungsspielraum geben, damit sie Missstände auch tatsächlich beheben können. Sonst kann sich gar nichts verändern.» Zum Beispiel: Wenn Bestellungen nicht rechtzeitig im Voraus erteilt oder Mengen und Liefertermine kurzfristig geändert werden, ist ein Produktionsbetrieb zu exzessiven Überstunden quasi gezwungen. Werden zudem zu niedrige Stückpreise für die Ware gezahlt, wird ein Produzent nie in der Lage sein, existenzsichernde Löhne einzuführen, ohne so die eigene Wirtschaftlichkeit zu gefährden. «Die FWF unterstützt beide Seiten dabei, kooperative Geschäftspraktiken zu entwickeln, die faire Arbeitsbedingungen fördern, anstatt ihnen im Wege zu stehen», betont Ivo Spauwen.

Für Konsumenten ist allerdings wichtig zu wissen: Die Mitgliedschaft in der FWF ist kein Gütesiegel, das bescheinigt, dass in der gesamten Zulieferkette eines Unternehmens alle geforderten Sozialstandards erfüllt sind – auch wenn viele Unternehmen das auf ihren Websites gerne so darstellen. «Wer FWF-Mitglied wird, verpflichtet sich offiziell dazu, nach unseren Zielvorgaben schrittweise auf die geforderten Standards hinzuarbeiten und die Fortschritte regelmässig verifizieren zu lassen», erklärt Sophie Koers, Kommunikationsbeauftragte der FWF. Die Unternehmen befinden sich also auf einem verantwortungsbewussten Weg, den sie bereits unterschiedlich weit zurückgelegt haben. Bis alle Ziele erreicht sind, werden jedoch – selbst bei ernsthaftem Engagement – einige Jahre vergehen.

«Die zunehmenden Fabrikprüfungen in der Textilindustrie führen recht schnell dazu, dass Sicherheits- und Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz geringer werden», sagt Ivo Spauwen. «Schutzkleidung oder eine neue Notausgangbeleuchtung, solche Veränderungen sind relativ einfach umzusetzen.» Auch Kinderarbeit ist in der Textilproduktion wegen der strengeren Kontrollen heute nur noch selten zu finden. «Zwei Kernprobleme hat die Branche aber nach wie vor», sagt Spauwen. «Exzessive Überstunden und zu niedrige Mindestlöhne. Auch wenn es Bemühungen gibt: Noch kein Unternehmen hat diese Probleme in all seinen Produktionsbetrieben lösen können.»

Die Verantwortung dafür liegt allerdings nicht allein bei den Markenunternehmen und deren Einkaufspraxis. Die Zusammenhänge sind komplex. «Wirklich grundlegende Verbesserungen bei den Arbeitszeiten und Löhnen in Entwicklungs- und Schwellenländern lassen sich nicht über Nacht und nicht im Alleingang umsetzen», sagt auch Debby Chan Sze Wan, Mitarbeiterin der Arbeitsrechtsorganisation SACOM in Hongkong. Konkret bedeutet das, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen und ihren Beitrag leisten müssen: Die lokalen Regierungen stehen in der Pflicht, höhere Mindestlöhne und Überstundenbeschränkungen in Gesetzen festzulegen und deren Einhaltung strikt zu kontrollieren. Die Fabrikmanager in den Produktionsländern müssen so wirtschaften, dass eine faire Bezahlung der Arbeiter möglich ist, und ihre Aufträge so planen, dass Überstunden nicht erzwungen sind, sondern freiwillig geleistet werden können. Und schliesslich haben Menschenrechtsorganisationen die Aufgabe, sich auf ein international anerkanntes Berechnungsmodell für einen Existenzlohn zu einigen, angepasst an verschiedene Länder und Regionen. «Wenn wir nicht wissen, wie hoch die Löhne genau liegen müssten, um beispielsweise den Lebensunterhalt von Arbeitern in Chinas Küstenregion oder im Inland von Vietnam tatsächlich abzudecken, ist es für uns schwer, entsprechende Stückpreise mit den Lieferanten auszuhandeln», argumentiert Josef Lingg, Supply Chain Manager bei Mammut.

Dass Veränderungen und Verbesserungen manchmal nur langsam vonstattengehen, hat aus Perspektive der Unternehmen auch noch einen anderen Grund. «Bei Produktionsfabriken, die man nicht selbst besitzt, haben gerade kleinere Markenunternehmen nur begrenzten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen», sagt etwa Hilke Patzwall, Nachhaltigkeitsverantwortliche bei Vaude. Denn fast alle grossen Produzenten in Asien fertigen nicht nur für eine einzige Outdoormarke, sondern gleich für mehrere. Und teilweise sind diese vom Einkaufsvolumen her betrachtet auch nicht die Hauptabnehmer. «Wenn ein einzelnes Outdoorunternehmen als vergleichsweise kleiner Kunde bestimmte Sozialstandards fordert, ist das für einen Fabrikanten noch lange kein Grund, sich danach zu richten», so Hilke Patzwall. Zwar gibt es Markenunternehmen, die auch eigene Produktionsstätten besitzen, wie etwa Vaude in Vietnam und China oder Odlo in Rumänien und Portugal. Doch alle Outdoormarken greifen für mindestens die Hälfte ihres Einkaufsvolumens auf wirtschaftlich unabhängige Lieferanten zurück. «Und als ein Kunde von vielen ist es natürlich deutlich schwieriger, Arbeitsbedingungen zu diktieren und zu überwachen», sagt Hilke Patzwall.

Um Veränderungen zu beschleunigen und faire Arbeitsbedingungen zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen, muss also die gesamte Sporttextilbranche ein gemeinsames Ziel vor Augen haben und einen ähnlichen Weg einschlagen. Die Vielzahl der konkurrierenden Organisationen, die mit unterschiedlich strengen Ansprüchen Sozialstandards zertifizieren, macht das nicht unbedingt leichter. Neben der FWF bieten zum Beispiel auch die Ethical Trading Initiative, die Fair Labour Association, Social Accountability International oder die industrieeigene Initiative Business Social Compliance Initiative diese Dienste an.

Als ersten Schritt fordert deshalb Thomas Spiess, Zulieferkettenmanager bei Odlo, mehr Kooperation und Koordination innerhalb der Outdoorindustrie: «Wenn jedes einzelne Markenunternehmen einer anderen Zertifizierungsorganisation beitritt, die unterschiedlich strenge Sozialstandards fordert, und verschiedene Auditteams schickt, dann ist das nicht unbedingt effektiv. Würden wir alle enger zusammenarbeiten, könnten wir sicherlich schneller mehr verändern.» Zwischen Mammut und Odlo gab es deshalb bereits ein Gemeinschaftsaudit bei einem gemeinsamen Zulieferer. Dass einige Markenunternehmen und Produzenten auf der Reise zu mehr sozialer Nachhaltigkeit tatsächlich vorankommen, zeigt die Produktionsfirma KTC. «Im Vergleich zum letzten Jahr hat sich hier schon viel verbessert», fasst Auditteamleiter Billy Hung bei der Abschlussbesprechung der Fabrikprüfung in Südchina zusammen. Neue Ziele gibt es natürlich trotzdem. «Wir erstellen für die Markenunternehmen einen offiziellen Plan», erklärt Billy Hung, «inklusive konkreter Forderungen hinsichtlich darauf, welche nächsten Schritte Produzent und Markenunternehmen gemeinsam machen sollten, und mit präzisen Zeitvorgaben.» Plötzlich schrillt laut und lange eine Glocke. «13 Uhr», sagt Jennifer Chuk lächelnd und blickt aus dem Fenster. Tausende Arbeiter strömen aus den verschiedenen Fabrikgebäuden hastig in den Hof Richtung Kantine. Bei aller Diskussion um Überstunden: Mittagspause ist Mittagspause – auch in einer Textilfabrik in Asien.

 

Die Fair Wear Foundation (FWF)

Die Fair Wear Foundation hat das Ziel, weltweit die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten der Textilindustrie zu verbessern. Zurzeit hat die 1999 in Holland gegründete Organisation rund 70 Mitgliedsfirmen aus Österreich, Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Schweden, China, Grossbritannien und der Schweiz und ist aktiv in Bangladesch, Bulgarien, China, Indien, Litauen, Mazedonien, Polen, Portugal, Rumänien, Thailand, Tunesien, der Türkei, der Ukraine und Vietnam. Konkret fordert die FWF acht soziale Mindeststandards, die sich an den Richtlinien der International Labour Organisation ( ILO ) orientieren. Dieser sogenannte «Code of Conduct» beinhaltet: keine Zwangsarbeit, keine Diskriminierung, keine Kinderarbeit, Versammlungsfreiheit und Recht auf Tarifverhandlungen, Existenzlohn statt nur Mindestlohn, keine exzessiven Überstunden, sichere und gesundheitsunschädliche Arbeitsbedingungen sowie rechtlich verbindliche Arbeitsverträge. www.fairwear.org

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