Wiederentdeckung des Gornergletschers

Xaver Imfeld, der Topograf, malte nicht nur Berge. Er setzte sie auch in Szene. Etwa im Luzerner Gletschergarten. Wie aus dem Gorner- der Morteratsch- und wieder der Gornergletscher wurde.

153 Hütten besitzen die Sektionen des SAC. Meist liegen sie weit ab der Zivilisation, und die Aussicht auf die nächsten Berge ändert bloss mit der Jahreszeit. Doch halt. Es gibt eine Hütte, die 154., und die steht mitten in einer Stadt. Die Aussicht, die ändert sich nie. Dafür ist der Zustieg kurz, er führt Gletschertöpfen entlang und durch einen Alpengarten, der in den Bergen wohl kaum zu finden wäre. Auch lässt sich dort das älteste Gebirgsrelief der Welt bestaunen, jenes von Franz Ludwig Pfyffer aus dem 18. Jahrhundert. Diese 154. SAC-Hütte steht also im Gletschergarten in Luzern, sie dient als Rahmen für ein Diorama, das eine Gletscherwelt zeigt. Geschaffen hat es 1896 der berühmte Topograf und Kartograf Xaver Imfeld. Es war im Vordergrund dreidimensional und modelliert, wurde dann aber weiter hinten zweidimensional, dort waren das Breithorn, aber auch Castor und Pollux und die Lichenbretter zu sehen. Anlässlich der Eröffnung schwärmte die lokale Presse: « Hier grüsst uns das heimelig wohlbekannte Inventar ( ein schmales Strohlager, Tassen und Teller, Pickel und Hanfseil, Anm. der Red. ), die ärmlich kargen Geräte, die doch jeden zum König machen, der, müde und matt ihm Abendschein den gastlichen Raum betretend, sich ihrer zum frugalen Mal bedient !» Die eigentliche Sensation für die Städter war aber der Blick auf die Alpenwelt. « Zum Fenster! Wunder! welch ein Ausblick! Wir sind versetzt in Gottes Alpenwelt. » Bündner Präferenzen So blieb es bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Im Lauf der Zeit hatte Imfelds Gletscherlandschaft Schaden genommen. Schuld war ein undichtes Dach. Eine Restaurierung war unumgänglich. Allein hatten sich offenbar die Natur und die Darstellung des Dioramas in den Jahrzehnten so weit auseinanderentwickelt, dass es schwierig wurde, die Walliser Gletscher im Gletschergarten zu identifizieren. Der Bündner Peter Wick, der damalige Direktor, entschied nach aufwendiger Recherche und ausführlicher Begutachtung, Imfelds Darstellung sei dem Morteratschgletscher ähnlicher als dem Gornergletscher. Und so wurde der zuständige Restaurator Uriel Fassbender angewiesen, aus dem Breithorn oberhalb von Zermatt den Piz Palü zu machen. « Es mag aber auch sein, dass dabei ein gewisses Mass an Lokalpatriotismus eine Rolle spielte », sagt Madlena Cavelti, die Präsidentin der Stiftung Gletschergarten. Insgesamt war der Eingriff massiv. Doch auch am Werk von Fassbender nagte der Zahn der Zeit, und 2008 wieder stand eine Sanierung an. Das Restaurierungsteam entdeckte die ursprüngliche Inszenierung Imfelds. So wurde beschlossen, das Werk Imfelds wiederzubeleben. Nach aufwendigen Tests gelang es, die Übermalungen zu entfernen. Und die Sensation war perfekt.

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