Wirtschaftsmotor Kilimandscharo: Gefahr für das Unternehmen Berg

Gefahr für das Unternehmen Berg

Die Einheimischen glauben, der Kilimandscharo in Tansania sei entstanden, weil die Erde mit dem Himmel reden wollte. Jetzt ist er für sie vor -allem eins: ein wichtiger Arbeitgeber und Devisenbringer. Doch die Klimaänderung könnte den Tourismus -gefährden.

Es ist ein schöner Sommertag, rund eine Stunde nach Sonnenaufgang. Am Stella Point auf 5756 Metern, wo sich die beiden Hauptaufstiegsrouten auf den Kilimandscharo vereinen, herrscht hektisches Treiben. Während sich einige Menschengruppen noch die letzten Meter der steilen, staubigen Sandpiste der Machame-Route hinaufquälen, stehen andere – viele von ihnen nach Atem und Fassung ringend – zum ersten Mal in ihrem Leben am Kraterrand des Riesenvulkans. Noch sind es gut 100 Höhenmeter und einen guten Kilometer bis zum Hauptgipfel, dem Uhuru Peak. Der Weg dorthin ist breit, und das ist gut so. Denn jetzt in der Rushhour ist kaum Platz. Von unten steigen die Touristenhorden in Zeitlupe auf, von oben rennen sie den Berg hinab, weg aus der dünnen Luft, die den Kopf vernebelt. Erst 1889 wurde der afrikanische Olymp vom Leipziger Geografen und Forscher Hans Meyer, dem österreichischen Alpinisten Ludwig Purtscheller und vom einheimischen Bergführer Yohani Kinyala Lauwo – er starb 1996 im biblischen Alter von 124 Jahren – erstmals bestiegen. Dann war 20 Jahre Ruhe, bis sich wieder ein menschliches Wesen auf dem Gipfel des Kilimandscharo zeigte. Heute verbringen rund 25000 Menschen jährlich im Durchschnitt sechs Tage am Kilimandscharo, auf den Gipfel schafft es etwa die Hälfte. Um diesen Besucheransturm zu bewältigen, muss der Kilimandscharo gemanagt werden. Ein Ranger überwacht die grossen Lagerplätze. Er verdient umgerechnet rund 380 Dollar pro Monat, ein Spitzengehalt verglichen mit dem durchschnittlichen Jahreseinkommen von etwa 350 Dollar. Die Unterkünfte sind sauber, es werden sogar Leute ausgeschickt, um Papierabfälle vom Wegrand aufzulesen. Auf den Berg selbst kommt man sowieso nur zu Fuss und mit einem ausgebildeten einheimischen Führer: So will es das Bergreglement.

Träger am Kili – eine Chance fürs Leben Fünf Tage dauert unser Gipfelzustieg auf der eher unbekannten Rongai-Route. Schon bald gehen am ersten Tag die mit Maisfeldern durchsetzten Zypressenhaine über in einen Nebelwald, der seinerseits abgelöst wird von einer undurchdringbaren Macchiavegetation. Den ersten Lagerplatz auf 2800 Metern teilt sich unsere Gruppe noch mit zwei andern Expeditionen. Dann, auf gut 3000 Metern, biegen wir ab auf einen einsamen Panoramatrail. Er führt uns an den Fuss des Mawenzi, eines Nebengipfels des Kilimandscharo. Die Sonne heizt die Lavabrocken am Wegrand auf, Düfte von Rosmarin, Thymian und Minze liegen in der Luft. Sie sind so intensiv und kräftig wie das Weiss der distelartigen Blüten, das hart mit dem Schwarz des umliegenden Gesteins kontrastiert. Auf dem langen Weg bleibt viel Zeit fürs Gespräch. Die Träger und Guides erzählen, wie viele Kinder sie haben, dass ihre Kuh täglich zwei Liter Milch gibt und dass sie zwei Mal Lasten auf den Kilimandscharo tragen müssen, damit eines ihrer Kinder ein Jahr lang die Sekundarschule besuchen kann. Wer dieses Geld nicht hat, bleibt im Teufelskreis der Armut gefangen: ohne Ausbildung kein Job, ohne Job kein Geld, ohne Geld keine Ausbildung. Chefguide ist der 48-jährige Eliapenda Kunda Ellilimo. Er ist zugleich Respektsperson in seinem Dorf. Denn er ist es, der die Träger für die ihm anvertrauten Expeditionen auswählt. « Ich schaue darauf, jungen Menschen eine Chance zu geben, die gut sind und von keinem andern Tourorganisator berücksichtigt werden », sagt er. « Zudem darf kein Träger unter 15 Jahre alt sein und mehr als 20 Kilo tragen. » Eliapenda kann gut begreifen, warum so viele Schweizerinnen und Schweizer zum Kilimandscharo kommen. Er war selbst mal im Lauterbrunnental. Sein Urteil ist deutlich: « Ihr habt viele kleine Berge – aber euch fehlt ein richtig grosser Berg. » Wie eben der Kili. Tansanische Spitzenlöhne Die dritte Etappe führt auf 4300 Meter zu einem Bergsee unter dem Mawenzi, der von einer warmen Quelle gespeist wird und dem Lagerplatz einen idyllischen Anstrich verleiht. Am Abend servieren die Köche auf Keramiktellern Gurkensalat, Brokkoli und Rindsplätzli, zum Dessert gibts einen frisch zubereiteten Fruchtsalat. Luxustrekkingunternehmen beschäftigen am Kilimandscharo für zehn Gäste bis zu55 Träger. Sie schleppen neben den Schlafzelten für Gäste und Crew eine mittelgrosse Feldküche, zwei Toilettenzelte und ein Esszelt von Lagerplatz zu Lagerplatz. Einer von ihnen, Sosten, ist 42, hat drei Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Wenn der Tourorganisator die von der Verwaltung des Nationalparks Kilimandscharo festgelegten Mindeststandards befolgt, verdient er hier während sechs Tagen zehn Dollar pro Tag und kann im Durchschnitt mit einem Trinkgeld von weiteren 20 Dollar für die ganze Tour rechnen. 50 Millionen Dollar Umsatz Am vierten Tag durchschreitet unser Tross die kiesdurchsetzte, in der Sonne flirrende Hochebene zwischen dem Mawenzi und dem Hauptkrater des Kilimandscharo, die zum letzten Biwak, der School Hut, zwischen grossen Lavafels-türmen am Fuss des Hauptgipfels leitet. Auf dem Weg zum letzten Biwak bleibt Zeit für eine kleine Rechenaufgabe: Alle Gäste am Kilimandscharo bezahlen pro Nacht 110 bis 130 US-Dollar Park- und Übernachtungsgebühr plus eine vorgezogene Rettungsgebühr von 20 Dollar. Jeder Bergtourist wird von drei Personen begleitet, das kostet je nach Ansprüchen inklusive Ausrüstungsmiete und Essen nochmals etwa 1000 Dollar. Dazu ist mit Auslagen für Souvenirs und Trinkgelder von 100 Dollar und weiteren Hotelübernachtungen zu rechnen. Daraus lässt sich grob geschätzt ableiten, dass der Kilimandscharo über das ganze Jahr gerechnet rund 4000 Arbeitsplätze anbietet und eine Wertschöpfung von jährlich gegen 50 Millionen Dollar generiert. Seit dem Jahrtausendwechsel geht es aufwärts mit Tansania, das Wachstum beträgt laut Schätzungen 7% pro Jahr, die Arbeitslosigkeit sinkt. Ein Tropfen auf den heissen Stein Trotz alledem herrscht rund um den Kilimandscharo Armut. Rund anderthalb Millionen Menschen drängen sich auf den 13000 Quadratkilometern der Verwaltungsregion Kilimandscharo. Die Stadt Arusha ist in den letzten Jahrzehnten förmlich explodiert, seit 1970 hat sich die Bevölkerung versiebenfacht. Entsprechend gross ist der Siedlungsdruck auf die fruchtbaren Flanken des Kilimandscharo. Wer nicht auf legalen oder illegalen kleinsten Flächen Bananen, Mais, Kakao oder Tee anbaut, arbeitet für 80 Dollar pro Monat auf den Kaffeeplantagen ausländischer Multis. Drei Viertel der Jugendlichen sind arbeitslos – die Trägerjobs sind wie ein Tropfen auf den heissen Stein. Wer einen hat, muss teilen. So wie Steven. Er ist erst 13 Jahre alt – also zwei Jahre zu jung für den Trägerdienst. Trotzdem war der stämmige Junge schon sieben Mal am Kilimandscharo. « Meiner Familie geht es nicht gut », sagt er. Nur vier Jahre konnte er zur Schule gehen. Mit seinem Lohn müsse er die Familie über Wasser halten. Die letzte Nacht vor dem Gipfelgang ist für gewöhnlich kurz am Kili. Eine halbe Stunde nach Mitternacht setzt sich unsere Gruppe von zehn Trekkerinnen und Trekkern in Bewegung. Sie wird begleitet von ebenso vielen Trägern. Im Mondlicht schimmert die sandige Piste, die sich zwischen Lavabrocken emporwindet und dann in der steilen Schuttflanke des gigantischen Vulkankegels verliert. Wir wissen: Vor uns liegen 1200 Höhenmeter oder neun Stunden atemlosen Aufstiegs bis zum Ziel der Träume, dem Uhuru Peak. Er ist mit 5895 Metern der höchste Punkt des Kilimandscharo. Der Sonnenaufgang ereilt uns am Kraterrand. Wer nicht zu erschöpft ist, erhascht einen der unvergesslichen Blicke in die von Gletscherblöcken umsäumte, im Höhenlicht rein und herausgeputzt wirkende Kraterlandschaft. Die Gletscherfläche ist in den letzten 100 Jahren von zwölf auf zwei Quadratkilometer zusammengeschrumpft, diese Entwicklung beschleunigt sich. Schon im Jahr 2020 könnten die Gletscher auf dem Kilimandscharo verschwunden sein und mit ihnen der Tourismus.

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