Workcamp auf dem Olymp.

Wer hat nicht schon vom Olymp gehört, dem Götterberg, wo Zeus und sein Gefolge ihr Unwesen treiben? Was steckt hinter diesem sagenumwobenen Gebirgsstock im Süden Europas? Dank der UIAA und speziell des Organisators Griechenland konnten wir das Massiv im Rahmen einer internationalen Umweltbaustelle Anfang September 1999 kennen lernen.

Mit voll bepackten Rucksäcken näherten wir uns dem Treffpunkt Flugha-fenhalle Budapest, wo wir von sechzehn Österreichern erwartet werden sollten. Eine verdächtig nach Olymp-Gängern aussehende Gruppe reagierte auf meine in Schweizerdeutsch gestellte Frage überhaupt nicht, sodass ich mir wie im falschen Film vorkam. Das Rätsel löste sich bald: Es handelte sich nur um ein Verständigungspro-blem, und von da an war Hochdeutsch - und bald auch Österreichisch! - unsere Campsprache.

In Saloniki (Thessaloniki) trafen wir auf den Rest des internationalen Camps: zwei Rumänen, eine Deutsche und einen Franzosen. Und dann gings dem Golf von Thermaìkós entlang Richtung Süden. Nach einer Nacht am Strand kamen wir am folgenden Tag in Etappen unserem Ziel, dem Olymp, näher: zuerst im Car, dann auf einem offenen Laster, von dem aus wir die ersten Baumnüsse pflückten, bis zur Endstation Priona. Von dieser Basisstation für die Mulikarawane wird gelegentlich Material über 1000 Höhenmeter in das Refuge A (2100 m) transportiert. Wir taten es den Mulis gleich, doch waren wir dem «tropischen» Klima noch nicht so gewachsen. Dankbar begrüssten wir den olympischen Nebel, der uns Kühlung brachte. Im für griechische Verhältnisse ausgesprochen gut gebauten steinernen Refuge fühlten wir uns schnell wohl.

Mit dem Hüttenwart Kostas und dem Fachexperten in Sachen Umweltbaustellen, Richard Feichtinger aus Austria, wurden die notwendigen Sanierungen an Wanderwegen besprochen. Richards Idee der Wegmarkierungen fand beim griechischen Hüttenwart keinen Anklang. Er hielt sie nicht für nötig, und es waren auch noch nie solche gemacht worden! Arbeit gab es trotzdem jede Menge! Frühmorgens bei Sonnenschein und mit freier Sicht auf die Götterspitze Myticas schulterten wir Pickel und Schaufeln, manchmal auch Eisen und Pfähle für den Stufenbau, und marschierten zu unserer ersten Baustelle (2500 m). Dabei erlebten wir, dass das Olymp-Massiv grösstenteils eine Gerölllandschaft mit nur wenigen bizarren Felsformationen bildet. Anstatt uns mit Wegmarkierungen zu befassen, übten wir uns im « Stein-mannerln » Bauen - mit steigendem Erfolg, sodass bald der Wettbewerb um das schönste Mannerl gestartet wurde.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit bestand im Aufheben von Abschnei-dern. Dabei wurde der Wegrand mit Ästen befestigt und anschliessend aufgefüllt mit Steinen, die mit einer menschlichen Kette von Hand zu Hand herbeigeschafft wurden. Damit lässt sich die Erosion des Weges verhindern, und die Lauf linie bleibt klar ersichtlich.

Während der ganzen Zeit war der vom Meer heraufziehende Nebel unser Begleiter. Am Anfang noch störend, mit der Zeit fast geliebt, verwandelte er die Landschaft und verlieh ihr etwas Mystisches. Besonders eindrücklich war dies im olympischen Urwald zu beobachten, der bis auf 2300 m reicht. Die locker stehenden, mächtigen und oft knorrigen Bäume haben eine Borke, die wie der Panzer einer Schildkröte aussieht mit einzelnen bis handgrossen Feldern. Wenn du in diesem Wald zwischen den knorrigen « Baumeln » sitzest, die dich manchmal wie Gnome ansehen, der Nebel zwischen ihnen hochzieht und jegliches Geräusch verstummt, erfasst dich ein unbeschreibliches Gefühl.

Die Krönung der Besteigung des fünfgipfligen Massivs war jene des Myticas (2917 m). Geschichten darum gingen durchs Lager. Am Tag des heiligsten Berges zogen wir mit dem Nebel, dem olympischen Quellwasser, dem typischen Schafkasbrot und Schokolade gegen den Gipfel. Zuerst standen wir staunend vor dem Einstieg des Steigs, doch als die ersten Höhenmeter hinter uns waren, ging es flott bis zum Gipfel, wo wir unsere Namen mit einem kleinen Hauch von Stolz in das Gipfelbuch kritzelten.

Dieses Brot spielte innerhalb des Camps eine wichtige Rolle. Ein Schafkasbrot besteht aus zwei ziemlich trockenen Scheiben Weissbrot mittlerer Dicke mit Tomaten und feuchtem, weissem Schafkäse dazwischen und bildete die normale Mittagsverpflegung. Mit der Zeit fand dieses Brot den Weg in eines der gierigen Mäuler der ausgehungerten Hunde, die wild auf dem Olymp herumstreunen. Die hatten ihre helle Freude daran und wir an ihnen. Zu erwähnen sind auch die orange Einheitssauce und der vortreffliche griechische Rotwein!

Die Zeit verging schnell, und wir mussten uns vom Hüttenteam und von Rosa, dem Schäferhund, vom Schafkasbrot, von den hungrigen Hunden, vom Nebel und vom Berg Olymp verabschieden.

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