Am Nachmittag in einer Hütte: Lob des Nichtstuns

Nach dem nahrhaften Aufstieg im Schweisse seines Angesichts erreicht man die Hütte, in der man die Nacht verbringen will, in der Regel ziemlich früh am Nachmittag. Was tun mit so viel freier Zeit, bis das Abendessen serviert wird? Gedanken zur willkommenen Ruhephase.

Das normale Programm für Skitourengängerinnen und -gänger sieht ja so aus: im Morgengrauen aufbrechen, die kühlen Morgenstunden ausnützen und im Aufstieg von der Sicherheit des gefrorenen Schnees profitieren. Kaum auf dem Gipfel oder im Pass angekommen, heisst es: hinunter mit den Fellen, im genau richtig aufgeweichten Sulz wie auf einem Teppich in die Tiefe rauschen und danach ab zur Hütte. Die « Skitüüreler » kommen dort an, bevor die hoch am Himmel stehende Sonne ihre Tau- und Schmelzarbeit so richtig aufnimmt. Erfahrene « Tüüreler » wissen auch, dass bei mehrtägigen Touren sinnvollerweise die Kräfte eingeteilt werden sollten: Wer am nächsten Tag nicht völlig erschöpft ist, hat noch genügend Energie, um die Schönheiten der Landschaft in vollen Zügen zu geniessen. Erlauben Sie also an dieser Stelle einem « alten Hasen », ein Loblied auf die Nichtstun-Nachmittage zu singen. Nachmittage, die nicht zuletzt auch dem ergiebigen Austausch mit Fremden und dem gemütlichen Zusammensein mit den Tourenkolleginnen und -kollegen dienen. Die Ski sind also versorgt, die Felle und Skischuhe dort am Trocknen, wo es der Hüttenwart will, das Picknick oder die Suppe ist gegessen – und jetzt kommt die grosse Frage. Unvermeidlich, ja sogar unangenehm für jene, die sich nicht vorstellen können, fünf Minuten nichts zu tun. Sie heisst: Wie verbringen wir die Zeit bis zum Nachtessen? Die Antworten sind so zahlreich wie die Skitourenfahrer. Es gibt immer ein paar Hyperaktive, Adrenalinjunkies, die sich einen Nachmittag ohne Hunderte von zusätzlichen Höhenmetern schlicht nicht vorstellen können. Ruhiger gehen es die Sonnenanbeter an, die während der Tour noch nicht genügend Ultraviolettstrahlen genossen haben. Sie holen sich jetzt im Dämmerschlaf noch zusätzlich Bräune ins Gesicht. Noch entspannter gelingt dies nur den vielen Siestafans, die im Halbdunkel der Zimmer den Schlaf nachholen, welchen sie in der Nacht zuvor nicht bekommen haben. Statt Siesta zu machen, liesse sich aber auch über die Irrtümer des Morgens auf der Tour nachdenken oder gar über das Leben philosophieren. Schliesslich hat man von oben herab, in der Höhe, einen besseren Blick auf den Alltag, weil man eine vertikale Distanz zwischen das Hier und das Dort gelegt hat. Ist es von hier oben nicht einfacher, das Unnütze vom Nötigen zu unterscheiden? « Es ist die Gelegenheit, grundlegende Entscheidungen zu treffen und – vor allem – sie am nächsten Tag wieder infrage zu stellen », sagte mir kürzlich ein Begleiter über seine Lieblingsbeschäftigung an solchen Hüttennachmittagen.

Es gibt aber auch jene, die suchen eifrig, aber vergeblich die Dusche oder das Badezimmer; ausgerechnet hier, wo oft jeder Liter Wasser aus geschmolzenem Schnee gewonnen werden muss. Dann gibt es die « verrückten » Leseratten, die in ihrem Rucksack einen tausendseitigen Roman mitschleppen, aber nach vier Tagen erst auf Seite 20 angelangt sind, weil sie in die Kategorie der Schläfer gewechselt haben. Weiter sind da angefressene Kartenspieler, die alles spielen, vom Jassen über das Pokern bis zum Tarot. Und es gibt die Unersättlichen, die verzweifelt den Stapel Magazine nach Tourenvorschlägen für die nächsten Ferien durchforsten. Und schliesslich sind da die emsigen Hüttenwartinnen und Hüttenwarte, die zwar während zwölf Stunden täglich fast ununterbrochen beschäftigt sind, aber dennoch alle Fragen des unter ihrem Dach vereinten Skivölkleins beantworten und fast alle Wünsche von den Leuten erfüllen, die halt nicht immer mit den Grenzen einer Hütte in grosser Höhe vertraut sind.

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