Anfänge der Hochgebirgsfotografie: Der Bieler Fotopionier Jules Beck

Der Bieler Fotopionier Jules Beck

Der Schweizer Kaufmann Jules Beck ( 1825–1904 ) gehört zu den Pionieren der Hochgebirgsfotografie. Ihm ist die kommende Sonderausstellung im Schweizerischen Alpinen Museum gewidmet – eine wahre Entdeckungsreise wartet.

Touristen in den Bergen. Mit der Seilbahn sind sie hinaufgekommen, einige Meter gehen sie noch bis zum höchsten Punkt. Sie zücken ihre Kamera, sie drücken ab, ein kurzer Blick auf das Display: Die Aussicht ist festgehalten. Das Nächste bitte. So spielt sich heute die Bergfotografie ab. Selbstverständlich gibt es immer noch extremere Situationen. Was aber immer gleich ist: Der Fotoapparat ist leicht zur Hand. Und er ist leicht. Das war in den Anfängen der Fotografie ganz anders. 250 Kilogramm liessen die Pioniere der Gebirgsfotografie auf die Gipfel schleppen; 25 Träger heuerte der französische Fotograf Auguste Bisson an, als er 1861 die ersten Aufnahmen vom Gipfel des Montblanc machte. Notwendig waren: Glasplatten, Chemikalien, schwere Fotoapparate, massive Stative – und nicht zu vergessen ein Laborzelt, in dem die Glasplatten frisch und nass sensibilisiert und nach der Aufnahme auch gleich noch entwickelt werden mussten.

« Die Regionen des Todes » All diese Beschwerlichkeiten hielten den Siegeszug der Fotografie jedoch auch im Hochgebirge nicht auf. Bereits 1839 – im Jahr also, als in Paris die Erfindung der Daguerreotypie publiziert wurde – äusserten einige die Hoffnung, dass es möglich sein könnte, « treue Darstellungen, wenigstens einiger einzelner interessanter Parthien von den Wundergestalten des Eises aus den höheren Regionen der Alpengletscher herabzuholen. In diesen Regionen des Todes sind die zu zeichnenden Gegenstände wenigstens unbewegt.»1 Das Hochgebirge übte eine schier magische Anziehungskraft aus, wurde zugleich als äusserst widerständig und gefährlich angesehen – und erforderte heute kaum vorstellbare technische und logistische Aufwendungen, nicht zuletzt deswegen, weil die Belichtungszeiten sich damals nicht bloss in Sekunden, sondern in Minuten messen lassen mussten, ja sogar bis zu einer Dreiviertelstunde betragen konnten. Einer dieser unerschrockenen Pioniere der Hochgebirgsfotografie war der in Biel geborene, in Strassburg lebende Kaufmann Jules Beck. 1866 machte er auf dem Wetterhorn seine ersten Versuche. Er verwendete eine damals bahnbrechende chemische Neuheit: die Trockenplatte, die kurz zuvor entwickelt worden war. Die Platten mussten nicht mehr an Ort unter schwierigsten Bedingungen präpariert und entwickelt werden, viel Materialaufwand fiel damit weg, das Gewicht der Ausrüstung betrug nun lediglich 12 bis 14 Kilogramm. Die Belichtungszeit jedoch dauerte immer noch 2,5 bis 5 Minuten, maximal waren es gar 45. Der « einfache Dilettant » Bereits 1867 bestieg Beck mit zwei Führern den Gipfel des Monte Rosa. Er machte dort Aufnahmen, die noch heute durch ihre fotografischen und ästhetischen Qualitäten bestechen: gestochen scharf, ein perfektes Spiel von Licht und Schatten in den Gesteinsmassen, ein Ausschnitt, der kaum übertroffen werden kann. Hier ist bereits zu sehen, was die meisten der insgesamt 1200 Aufnahmen von Beck auszeichnet: Er hielt, geradezu konzeptionell, die Strahlkraft, das Licht, den Nimbus des Hochgebirges fest.2 Dabei bezeichnete sich Beck selbst als « einfachen Dilettanten»3. Aber er hatte eine Berufung, die er bereits 1867 programmatisch formuliert hatte und die er während 24 Jahren verfolgte: « Eine gelungene photographische Aufnahme gibt nicht nur das getreueste plastische Bild einer Hochregion, sondern liefert auch die besten Anhaltspunkte für topographische Karten.»4 Mit dem Gelingen war das eine spezielle, häufig ernüchternde Sache. So notierte Beck einmal nach einer anstrengenden Tour: « Die neue Berglihütte ist wegen Wind und Wolken nur relativ gut ausgefallen. Passiv 125 Fr. Kosten und zwei Tage Strapazen; activ: vier mittelmässige Clichés.»5 Beck liess dennoch nicht locker. Er fotografierte systematisch die Schweizer Alpen, bestieg auch den Ätna, durchquerte die Pyrenäen und war in den Dolomiten. Sein künstlerischer Ansatz war dabei durchaus pragmatischer Natur. Er dokumentierte neben den Gipfelaussichten und -panoramen wichtige Passagen des Aufstiegs und lieferte so seinen Alpinistenkollegen nützliche Informationen, da damals die Kartografie noch in den Kinderschuhen steckte und der SAC erst nach seiner Gründung 1863 Detailpläne und Itinerare zu publizieren begann.6 Becks Fotografien wurden in den Jahrbüchern des SAC regelmässig veröffentlicht, allerdings umgesetzt als Stiche oder gezeichnete Lithografien, da es erst ab 1881 möglich war, dank der Entwicklung des Rasterverfahrens, Fotografien drucktechnisch zu reproduzieren ( siehe auch « Die Alpen » 5/2009 ). Beck, ganz Kaufmann, fand auch hier eine Lösung. Er stellte Fotoalben7 zusammen, Kataloge von verkäuflichen Hochgebirgsfotografien – Stückpreis meistens 1.50 Franken –, und er hielt regelmässig Vorträge, so auch in der SAC-Sektion Bern, die er 1863 mitbegründet hatte. Ein kulturhistorisches Dokument Bedenkt man die prekären Bedingungen, die Becks Schaffen bestimmten, ist es nicht weiter erstaunlich, dass er seine leidenschaftliche Arbeit als « photographische Seiltänzereien » bezeichnete. Das ist denn auch der Titel der Sonderausstellung im Schweizerischen Alpinen Museum ( siehe Kasten ), die von dessen Direktor Urs Kneubühl und vom Fotografiehistoriker Markus Schürpf konzipiert wurde. Die Ausstellung würdigt Becks Werk im Kontext der Alpinismus- und Fotografiegeschichte. Sie lässt aber auch den kulturhistorischen und ästhetischen Wert des Werks von Jules Beck erst richtig entdecken. Die Fotografien und Panoramen dokumentieren den Wandel des Blicks auf das Hochgebirge ebenso wie die teilweise rasanten Veränderungen der Landschaft, die sich am Rückgang der Gletscher und der Schneefelder ablesen lässt. Reizvoll ist es zudem, in die Anfänge des Alpinismus zurückzukehren: Beck porträtierte viele der seit den 1860er-Jahren gebauten SAC-Hütten, meist primitive Unterstände, die in den Felsmassen kaum zu erkennen sind. Der Kontrast zur neuen Monte-Rosa-Hütte, die im vergangenen Juli eingeweiht wurde, könnte kaum grösser sein.

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