Auf dem Gletscher: bitte anseilen!

Spaltenstürze sind zwar selten. Fällt man ungesichert, sind die Folgen aber meist fatal. Darum heisst es auch im Winter: im Zweifelsfall anseilen.

Die Ski stehen am Vorgipfel. Ich ziehe die Spur über das Gletscherplateau Richtung Aletschhorn. Gleissendes Licht – bumm – und es ist dunkel. Spaltenstürze wie dieser sind selten, es war mein einziger in 30 Jahren. Wäre ich damals aber nicht korrekt angeseilt gewesen, würde ich hier nichts mehr über das Anseilen auf dem Gletscher schreiben, denn die Spalte war tief, sehr tief sogar.

Jeder fünfte Todesfall auf Wintertouren ist auf einen Spaltensturz zurückzuführen, bei dem jemand unangeseilt unterwegs ist. Das ist viel zu viel – und Grund genug, das Anseilen auf verschneiten Gletschern ausdrücklich in Erinnerung zu rufen.

Zu Fuss oder mit Schneeschuhen ist die Standfläche klein und entsprechend hoch belastet: Das Risiko eines Spaltensturzes ist gross. Darum ist es empfehlenswert, sich grundsätzlich auf verschneiten Gletschern anzuseilen. Auf Ski oder Snowboards ist die Belastung besser verteilt. Trotzdem ist es nötig, sich vor allem in Spaltenzonen anzuseilen, insbesondere bei:

– schlechter Sicht,

– Neuschnee oder durchweichter Schneedecke sowie

– schlecht eingeschneitem Gletscher.

Im Aufstieg ist das Seil kein grosses Hindernis, also besser ein paar Mal zu viel, als einmal zu wenig anseilen. Abfahren am gestreckten Seil dagegen ist schwierig. Darum gilt es, sich schon im Aufstieg zu überlegen, ob die Abfahrt machbar ist oder ob schon jetzt umgekehrt werden muss.

Anseilen nützt aber nur, wenn das Seil immer gestreckt ist. Es darf den Schnee in der Mitte nur leicht berühren. Günstig sind Seilschaften von drei bis fünf Personen. Bei Zweier- und Dreierseilschaften ist das Halten bei einem Spaltensturz schwierig. Deshalb gilt in diesem Fall:

- grössere Abstände einhalten, damit mehr Bremsweg zur Verfügung steht

– den ersten Bremsknoten erst in etwa sechs Meter Entfernung anbringen, denn diese bremsen nur, wenn sich das Seil zuvor in der Spaltenlippe eingeschnitten hat

– Handschlaufe knöpfen ( erleichtert nach einem Spaltensturz das Anhängen der Last an die Verankerung )

Wenn die Spaltensturzgefahr mit Ski klein ist und nicht angeseilt wird, lässt sich das Risiko trotzdem reduzieren, indem man den Anseilgurt bereits trägt. Dies erleichtert den Entscheid, sich bei Bedarf unterwegs doch noch anzuseilen. Auch sollte der Abstand zur Vorderfrau oder zum Vordermann im Aufstieg eine zusätzliche Skilänge betragen; das reduziert die Belastung auf die Schneebrücke. Wichtig auch: Bei Pausen nicht dicht zusammenstehen und beim Aufziehen der Felle jeweils einen Ski am Fuss behalten.

In der Abfahrt schliesslich überquert man offensichtliche Spalten in gerader, aber kontrollierter Schussfahrt. Und was tun, wenn der Kollege oder die Kollegin am Seil in der Spalte hängt? Spaltenrettung, siehe nächste Ausgabe.

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