Bergrettung: 50 Jahre nach dem Corti-Drama am Eiger Das Stahlseil ist und bleibt ein Lebensnerv

Es ist schwer, aufwendig zu bedienen und wurde vor 50 Jahren von Bergrettern als « Wunderwerkzeug » gefeiert. Mit dem Stahlseilgerät konnten seither Hunderte von Bergsteigern gerettet werden. Hommage an eine Schweizer Erfindung, die zwar nicht mehr in Mode ist, aber trotzdem mit Respekt und Hochachtung gepflegt wird.

Für den Grindelwaldner Rettungschef Kurt Amacher steht fest: « Solange ich etwas zu sagen habe, bleiben die vier Stahlseilgeräte bei uns gut gepflegt und einsatzbereit im Magazin. » Für den Berner Oberländer Bergführer ist das vor fünf Jahrzehnten vom Thuner Schlosser Erich Friedli entwickelte Rettungsgerät mehr als ein Arbeitsgerät. Es ist ihm Sinnbild für die Entwicklung im Rettungswesen schlechthin und ein Werkzeug, das Geschichte geschrieben und viele Leben gerettet hat. Obwohl das Stahlseilgerät bei Bergrettungen nur noch selten zum Einsatz kommt, wird auf der Grindelwaldner Rettungsstation auch heute noch dessen Einsatz trainiert. « Für alle Fälle », wie Amacher erklärt.

Nichts an Faszination eingebüsst

Vor genau 50 Jahren hat das unterdessen legendäre Stahlseilgerät die Bergrettung revolutioniert. Dank der Neuentwicklung wurde es möglich, Retter Hunderte von Metern an senkrechten Wänden abzuseilen und wieder hochzuziehen. Man konnte plötzlich auch an unzugänglichen Stellen zu Verunfallten vordringen. « Ich war von dieser neuen Möglichkeit schon als Schulbub fasziniert », blickt Amacher zurück. An dieser Faszination habe sich seither nichts verändert. An den Ausstiegsrissen am Eigergipfel: Zum ersten Mal kommt das von Erich Friedli entwickelte Stahlseilgerät zum Einsatz. 1957: In der Eiger-Nordwand sind vier Bergsteiger verunglückt, an die 50 Bergführer und Alpinisten arbeiten fieberhaft an einer Rettung. Der Münchner Ludwig Gramminger (links) und der Thuner Erich Friedli (rechts) gehören zu den leitenden Köpfen.

Es war im August 1957, als das im Berner Oberland entwickelte Rettungs-system auf einen Schlag in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Auswärtige Retter setzten das Stahlseilgerät in der Eiger-Nordwand ein. Es eröffnete Ret-tungsfachleuten völlig neue, ungeahnte Möglichkeiten.

Das Corti-Drama als Feuertaufe

Kurt Amacher kann sich auch heute noch an die spektakuläre Rettung von Claudio Corti erinnern, obwohl er damals noch ein Kind war. Am 11. August 1957 war es nach tagelangen Vorbereitungen und verschiedenen Fehlversu-chen einem internationalen, fast 50-köp-figen Rettungsteam gelungen, den italienischen Bergsteiger lebend aus der EigerNordwand zu bergen. Ein Unterfangen, das vorgängig als unmöglich bezeichnet wurde. Möglich gemacht hat diese Rettung – neben dem starken Willen der Retter – das zum ersten Mal auf dem Gipfelgrat des Eigers montierte Stahlseilgerät. Nach aufwendigen und kräftezehrenden Vorbereitungen lässt sich der eigens für diese Rettungsaktion angereiste Münchner Alfred Hellepart am Sonntagmorgen um 8 Uhr vom Eigergipfel aus am 5,5 Millimeter dicken Stahlseil 320 Meter in die Eiger-Nordwand abseilen. Dreieinhalb Stunden später erreicht Alfred Hellepart wieder den Gipfelgrat – auf dem Rücken hängt der erschöpfte Claudio Corti. 1

Das Unmögliche möglich gemacht

« Die Retter haben damals das Unmögliche möglich gemacht!», bilanziert Kurt Amacher heute. Eine solche Aktion sei damals auch für erfahrene Retter unvorstellbar gewesen und habe das ganze Rettungswesen auf den Kopf gestellt. Fortan wurden in Grindelwald regelmässig Stahlseilrettungen aus der Eiger-Nordwand trainiert. Mitverantwortlich dafür waren auch die Medien: Das « Corti-Drama » hatte international für Schlagzeilen gesorgt und die Eiger-Nord-wand und Grindelwald bekannt gemacht. Für Diskussionen sorgte aber nicht nur die gelungene Rettung von Claudio Corti, sondern ebenso der Tod seiner drei Seilpartner. Die beiden deutschen Bergsteiger Franz Mayer und Günter Nothdurft sowie Cortis Freund Stefano Longhi konnten nicht mehr gerettet werden. 1 Daniel Anker, Rainer Rettner: Corti-Drama – Tod und Rettung am Eiger 1957–1961, AS Verlag, 2007. ISBN 978-3-909111-33-6. Preis Fr. 78.– Der Abstieg erfolgt über die Westflanke. Dabei kommt das Stahlseilgerät erneut zum Einsatz, Corti selbst liegt dick eingepackt in der Stahltrage. Diese Rettung setzte neue Massstäbe.

Endlich, am 11. August, erreicht Alfred Hellepart 350 Meter unter dem Eigergipfel, an einem 6 mm dünnen Stahlseil hängend, Claudio Corti. Neun Tage hatte der Bergsteiger mit Kopfverletzungen im Biwaksack ausgeharrt.

Der Chef der Grindelwaldner Rettungsstation und seine Retterkollegen ziehen heute noch den Hut vor den erfolgreichen Rettern. Und auch das Rettungsmaterial ist heute noch hoch im Kurs, wenn auch nur gefühlsmässig. « Das Stahlseilgerät war eine Offenbarung », erklärt Amacher die Faszination. « Es hat Geschichte geschrieben. » Das längste, speziell für Rettungseinsätze in der Eiger-Nordwand konstruierte Stahlseil war 200 Meter lang. Bis zu vier solcher Seile können noch heute miteinander verbunden werden. Dank einer speziellen, « rollenfähigen » Kupplung können Retter vom Gipfelgrat des Eigers bis zu 800 Meter weit in die Tiefe abgeseilt und wieder hochgezogen werden.

Zuverlässigkeit als Pluspunkt

Das altehrwürdige Stahlseilgerät hat nach Amacher noch weitere Vorteile. « Es ist robust, kann auch bei schlechtem Wetter eingesetzt werden und das Wichtigste: Es hat immer funktioniert. » Diese Zuverlässigkeit begeistert die Bergretter auch heute noch. « Egal ob es 30 Grad heiss oder minus 25 Grad kalt ist, das Stahlseilgerät hat seinen Dienst nie versagt. » Als Nachteil sieht Amacher den Aufwand, der mit einer terrestrischen Stahl-seilrettung verbunden ist. Noch vor 30 Jahren waren 25 bis 30 Leute nötig, um das Stahlseilgerät zum Beispiel bei schlechtem Wetter auf den Gipfelgrad des Eigers zu transportieren. Auch die Verankerungen haben viel Schweiss und Kraft gekostet, bevor das Gerät nach stundenlangen Vorbereitungen schliesslich einsatzbereit war. Trotzdem: Bergführer und Retter haben auch 50 Jahre nach diesem ersten Ernstfalleinsatz so etwas wie Respekt und Hochachtung vor diesem Gerät. « Vor allem die älteren », weiss Kurt Amacher. Die jüngeren, tech-nikbegeisterten Rettungsfachleute seien schon eher von den modernen, aber auch anfälligeren elektrohydraulischen Rettungswinden fasziniert. Dabei kommen keine Stahlseile mehr zum Einsatz. Es werden Kunststoffseile aus Nylon verwendet.

1971: erste Direktrettung mit dem Helikopter

Das Stahlseil hat die Rettungseinsätze – zusammen mit der Helikoptertechnik – lange Jahre geprägt und verändert. 14 Jahre nach dem Corti-Drama, im September 1971, gelingt mit einem Helikopter die erste Direktrettung aus der Eiger-Nordwand. Auch dabei spielt das Stahlseil eine wichtige Rolle: Der Rega-Pilot Günther Ammann fliegt den an einer Seilwinde unter dem Helikopter hängenden Bergführer Rudolf Kaufmann in die Wand. So können zwei Bergsteiger gerettet werden. 2 Seit Mitte der 90er-Jahre werden vermehrt auch Rettungseinsätze mit einem bis zu 220 Meter langen Rettungsseil direkt am Helikopter geflogen. Auch dabei verlassen sich die Retter auf ein Stahlseil. Die ersten 25 Meter Seil unterhalb des Helikopters sind aus geflochtenem Stahl. 2 Bereits 1970 war es der Air Zermatt gelungen, mit der Rettungswinde eines Helikopters Bergführer in der Eiger-Nordwand abzusetzen. Zwei Jahre später demonstrierte die gleiche Firma erstmals das Absetzen von Bergführern mit einem auf 65 m verlängerten Seil in der Westflanke des Eigers.

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