Bergsport: Naturerlebnis oder für Profilierungssüchtige? Credo einer Bergsteigerin

«Bad news is good news» gilt auch für Tragödien an den höchsten Bergen der Welt, beim Bergsteigen in den Alpen, beim Freiklettern, Eisfallklettern und Canyoning. Dabei wird für diese Sportarten häufig der Begriff «Extremsportart» in einem völlig falschen Umfeld verwendet. Bergsport ist vielmehr ein Fest für alle Sinne.

Ob nun Extremsportler oder blutiger Anfänger, die Befriedigung nach einer Tour ist glücklicherweise unabhängig von der Höhe des bewältigten Schwierigkeitsgrades; sie steht vielmehr in direktem Zusammenhang mit der Intensität des Erlebnisses. Freude bereitet eine landschaftlich und technisch abwechslungsreiche Tour, bei der man spielerisch sein gesamtes Spektrum an Bewegungsmög-lichkeiten einsetzen konnte. Sicherlich freut man sich auch darüber, wenn man dank fleissigem Training einen Grad besser kletterte als zuvor. Das Glücksgefühl nach einer Bergtour hängt auch damit zusammen, wie nahe man seinen persönlichen Grenzen kam und ob man vielleicht sogar ein wenig über sich selbst und seine Ängste hinauswachsen konnte.

Wenn einem schwierige Verhältnisse unterwegs alles abverlangt haben, wenn man dabei stets die Nerven behielt und mit Umsicht, Erfahrung und Verstand alle Probleme bewältigte, wird man sich viele Jahre später noch gerne an diese Tour zurückerinnern. Gleichzeitig kann man die Euphorie, die man nach extremen Strapazen empfindet, biochemisch ganz nüchtern darauf zurückführen, dass der Körper zu seinem eigenen Schutz einen glückseligmachenden Cocktail aus Endorphin und Adrenalin zusammengebraut hat.

Dieselbe Wonne verspricht auch der « Flow », jener Gefühlsfluss des inneren Jubilierens, den jeder kennt, der schon mal im tiefen, trockenen Pulverschnee einen ideal geneigten Hang hinabwedelte. Unvergesslich sind auch die Augenblicke auf einem Grat oder Gipfel, wenn man nach stundenlangem Aufsteigen durch eine graue, lebensfeindliche Eisflanke plötzlich wieder die Wärme der Sonnenstrahlen und den zarten Windhauch im Gesicht spürt. Und wenn man mitten im Winter allein hoch oben am Berg biwakiert, nachts den Sternenhimmel betrachtet, versteht man unvermittelt, was Leben in diesem unermesslichen Kosmos bedeutet.

Bergsteigen ist eine Naturerfahrung, die alle sechs Sinne fordert und befriedigt und bei einigen sogar zur Ausbildung eines «siebten Sinnes» am Berg, der Intuition, beiträgt. Es gibt viele Gründe, warum Menschen Natursportarten ausüben und nicht darauf verzichten wollen, obwohl sie die Risiken kennen. Nicht der Adrenalinschub ist entscheidend, sondern Naturerfahrung, Ästhetik, Lust und Leidenschaft, Bewährung und Erprobung, aber auch Gemeinsamkeit und Einsamkeit, Selbstbestätigung, Selbstvertrauen und Identitätsfindung.

Es ist ein Spiel mit eigenen Regeln, das vollen Einsatz verlangt und die Menschen lehrt, in einem Team zu agieren; ein Spiel, das gerade für ge-sellschaftskritisch Heranwachsende eine «Gegenwelt» darstellen kann: eine andere, scheinbar «reine» und freiere Welt mit eigenen, unerbittlichen Gesetzen und eigenem Moral-kodex - eine überschaubare Welt, in der nur das zählt, was wirklich wichtig ist.

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