Bräm braucht Berge

Seit zehn Jahren schafft Rolf Bräm in seinem Sarganser Atelier ungewöhnliche und kraftvolle Bergbilder. Aber nicht nur: Schweren Steinbrocken verleiht er mit wenigen gezielten Pinselstrichen etwas Leichtes. Ein Augenschein.

Rolf Bräms Berge leuchten. Sind Flächen, Farben, Rhythmus, Nebelgebilde. Neuerdings lösen sie sich auf. Berge faszinieren Bräm: «Sie sind komprimierte Kraft und Leben.» Der 57-Jährige ist Künstler und Grafiker sowie Malferien- und Tourleiter. Und gerne unterwegs. Darum lebt er nahe am Bahnhof Sargans, umgeben von Gonzen, Falknis und Pizol. Eigentlich hat er immer an Bahnlinien gelebt – sein Vater war Lokführer auf der Gotthardlinie. Und Linien sind in Bräms Leben wichtig geworden: Er hat sich zum Schriftsetzer und Grafiker ausbilden lassen und war Radrennfahrer. Seit zehn Jahren arbeitet er selbstständig als Kunstschaffender. Seine freien Arbeiten drehen sich grösstenteils um Steine und Berge, ihn fesselt die «Urgewalt» Natur. Er malt deshalb weder Blumen noch Tierchen noch Menschgemachtes.

«Hier oben ist es einfach schön und friedlich», sagt Bräm im «Alpenrösli» in Vermol, einer kleinen Siedlung oberhalb von Mels. «Eigentlich ist das meine Stammbeiz», schmunzelt der «ewig Reisende». Von hier steigt er mit den Ski auf den «Hüeneri» oder kommt mit seinen langen Beinen zügig vom Tal her hoch. Er sei eben ein Bewegungstyp. Oft ist er alleine unterwegs und lässt bei Wanderungen und Skitouren die Berge auf sich wirken. Besonders viel Kraft geht für ihn von der Bergform und dem Aufbau der Gebirge aus. Diese Wirkung will er festhalten und durch seine Bilder weitergeben. Er macht erst Bleistiftskizzen in sein Skizzenbuch, das stets im Rucksack mit-reist. Er hält die charakteristischen Züge der Umgebung fest, skizziert Licht und Schatten, Schneefelder, Felsabbrüche und Gesteinsadern. Ohne viel Technik will er die Eindrücke mitnehmen, er fotografiert deshalb nicht. Im Atelier geht er dann daran, mit Acrylfarben ein eigenwilliges Bergbild zu entwickeln. Er malt nicht nach der Natur und sieht sich nicht als klassischen Bergmaler. Durch starke Reduktion, klare Formen und Farben setzt Bräm sein Empfinden von der Energie und der Kraft des Gebirges um. In den neueren Bildern sind die Farben losgelöster von der Form.

Der Künstler klettert nicht nur gerne in den Bergen, sondern auch in Steinbrüchen herum. Er begutachtet dabei die einzelnen Steine – am liebsten im benachbarten Verrucano-Steinbruch oder in Bündner und Tessiner Abbaugebieten. «Steine faszinieren mich. Die Natur oder die Sprengung haben sie zu einer spannenden Form gebracht. In ihnen steckt Verdichtung – sie sind komprimierte Geschichte.» Bräm schafft darum auch aus unbearbeiteten Steinen Kunstobjekte. Die Steine nimmt er, wie sie sind – gerundet aus dem Wildbach, bruchroh vom Steinbruch oder eckig vom Gipfel. Er musste auch schon einen Kran bestellen, um einen Stein aus einem Bachbett zu hieven. Bräm montiert die Fundstücke zum Beispiel auf dünne Eisenstangen: Damit will er scheinbar unscheinbare Steine in unser Blickfeld rücken. Oder er nimmt die rohen Steine aus dem Steinbruch und bemalt ihre Bruchflächen oder Adern. Mit Farbe betont er so, was schon vorhanden ist, und lenkt den Blick darauf, ermöglicht neue Sichtweisen auf unseren Untergrund. So hat er mit den rötlichen Steinen aus einem Steinbruch die Gruppe «Zeichen setzen» geschaffen. «Von kleinen Objektgruppen bis hin zu tonnenschweren Installationen will ich mit meinen Werken Zeichen für die Natur setzen und künstlerische Spuren hinterlassen», sagt Bräm.

Und sonst? Bräm(1) konstruiert Brunnen und Ortseingangstafeln aus Steinen, baut Spiel- und Begegnungsplätze, leitet Wander- und Malferien, führt Projekte mit Strafgefangenen und Menschen mit Behinderung durch, installierte ein 40-Tonnen-Steinobjekt am Werdenber-gersee; seine gigantische Objektgruppe «Tre» aus Calanca-Gneis ziert die A13 im Misox. Er ist Mitglied der Gilde Schweizer Bergmaler – einer Künstlervereinigung von zeitgenössischen Bergmalerinnen und Bergmalern (2). Bräms Schaffen ist steinreich – aber nicht nur. Er baut seit Kurzem auch Holzfiguren aus Dachlatten und bemalt sie. Für sein Schaffen erhielt er 2007 den ersten Kulturpreis der Gemeinde Sargans.

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